Zwangsgeräumt: Armut und Profit in der Stadt

Zwangsgeräumt: Armut und Profit in der Stadt

by Matthew Desmond, Volker Zimmermann

NOOK Book1. Auflage (eBook - 1. Auflage)

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Overview

Pulitzer-Preisträger für das beste Sachbuch 2017 – eine erzählerische Studie des modernen urbanen Amerika, anhand des Themas Wohnen wird ein neues Bild von Armut und Ungleichheit gezeichnet.  Matthew Desmond nimmt den Leser mit in die ärmsten Viertel von Milwaukee, einer mittelgroßen, normalen amerikanischen Großstadt. Er erzählt die Geschichte von acht Familien am Rande der Gesellschaft. Die meisten armen Mieter stecken heute über die Hälfte ihres Einkommens in die Miete, so dass Zwangsräumungen zu einem alltäglichen Phänomen geworden sind - vor allem für alleinerziehende Mütter. Matthew Desmond zeigt in seinem scharf beobachteten und erzählerischen Meisterwerk die unfassbare Ungleichheit in Amerika. Das Buch verändert unseren Blick auf Armut und wirtschaftliche Ausbeutung und erinnert mit seinen unvergesslichen Szenen von Hoffnung und Verlust daran, wie wichtig es ist, ein Zuhause zu haben.  "Wer Zwangsgeräumt liest, versteht, dass man kein ernsthaftes Gespräch über Armut führen kann, ohne über Wohnraum zu sprechen. Außerdem möchte man es dringend jedem Politiker in die Hand drücken." The New York Times

Product Details

ISBN-13: 9783843717748
Publisher: Ullstein Ebooks
Publication date: 04/06/2018
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 528
File size: 1 MB

About the Author

Matthew Desmond ist Professor für Soziologie und Sozialwissenschaften an der Harvard University und Co-Direktor des Justice and Poverty Project. Für seine Forschung und seine Bücher wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem McArthur "Genius" Grant. Er schreibt regelmäßig für die New York Times und Chicago Tribune.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

DIE BESITZER DER STADT

EHE DIE STADT vor dem kalten, stahlgrauen Winter kapitulierte und ehe Arleen Sherrena Tarver davon überzeugen konnte, sie und ihre Jungs in das Wohnhaus an der Thirteenth Street ziehen zu lassen, brodelte die Innenstadt mit Leben. Es war Anfang September und Milwaukee genoss den Altweibersommer. Aus Autolautsprechern brandete Musik über die Straßen, Kinder spielten auf dem Gehsteig oder verkauften Wasserflaschen an den Freeway-Auffahrten. Großmütter saßen auf Veranden und sahen zu, wie schwarze Jungs mit freiem Oberkörper lachend zum Basketballplatz zogen.

Sherrena fuhr im Zickzack durch die North Side und hörte bei heruntergekurbeltem Fenster R&B-Musik. Die meisten Angehörigen der Mittelschicht von Milwaukee brausten auf dem Freeway an der Inner City vorbei. Doch Hausbesitzer nahmen die Seitenstraßen, und zwar nicht mit ihrem Saab oder Audi, sondern mit ihrem "Mietensammler", einem verrosteten Van oder Truck, der Öl verlor und mit Verlängerungskabeln, Leitern, manchmal einer geladenen Pistole, Rohrspiralen, Werkzeugkästen, Pfefferspray, Nagelpistolen und anderen notwendigen Ausrüstungsgegenständen vollgeladen war. Ihren lippenstiftroten Camaro ließ Sherrena meistens zu Hause und besuchte ihre Mieter stattdessen in einem beige-braunen 93er Chevy Suburban mit 22-Zoll-Felgen. Der Suburban gehörte Quentin, Sherrenas Ehemann, Geschäftspartner und Hausverwalter. Er startete ihn mit einem Schraubenzieher.

Ein paar weiße Einwohner von Milwaukee nannten die North Side immer noch "The Core", den Kern, wie sie es in den 1960ern getan hatten, und wenn sie sich hineinwagten, konnten sie ganze Straßenzüge mit windschiefen Wohnhäusern, verblassten Wandmalereien, 24Stunden-Krippen und Eckläden mit WIC ACCEPTED HERE-Schildern erblicken. Milwaukee war einst die elftgrößte Stadt der USA, doch von 740 000 Einwohnern im Jahr 1960 war die Bevölkerung auf unter 600 000 gefallen. Im Stadtbild war das sichtbar. Überall in der North Side sah man verlassene Häuser. Wo einmal Gebäude gestanden hatten, lagen nun grasüberwucherte Grundstücke. In einer typischen Straße in einem Wohnviertel standen ein paar Einfamilienhäuser mit gepflegten Gärten und amerikanischen Flaggen, die älteren Leuten gehörten, mehrere Doppel- oder Vierfamilien-Apartmenthäuser mit abblätternder Farbe und Vorhängen aus Bettlaken, die an ums Überleben kämpfende Familien vermietet waren, und schließlich leere Grundstücke und Häuser mit vernagelten Fenstern und Türen.

Sherrena sah all das, doch sie sah noch mehr. Wie andere erfahrene Hausbesitzer wusste sie, wer welches Mehrfamilienhaus besaß, welche Kirche, welche Bar, welche Straße; sie kannte die plötzlichen Wendungen, die das Leben hier nehmen konnte, seine Launen und Schattenseiten. Sie wusste, welche Blocks gefährlich und drogenverseucht waren und welche stabil und ruhig. Sie kannte den Wert des Ghettos und wusste, wie man mit einem Haus Geld verdienen konnte, das für andere, die es nicht besser wussten, wertlos aussah.

Sherrena war klein, hatte kastanienbraune Haut und trug eine leichte rot-blaue Jacke, die zu ihrer Hose passte. Diese war wiederum mit ihrer schräg sitzenden NBA-Cap abgestimmt. Sie lachte viel, laut und mit weit geöffnetem Mund. Dabei hielt sie sich manchmal an der Schulter ihres Gesprächspartners fest, als würde sie sonst umfallen. Doch als sie von der North Avenue abbog, um Mietern an der Ecke Eighteenth und Wright Street einen Besuch abzustatten, fuhr sie langsamer und seufzte tief. Zwangsräumungen gehörten zum Geschäftsalltag – aber Lamar war ein Mann ohne Beine. Sherrena hatte keine Freude daran, einen Mann ohne Beine auf die Straße zu setzen.

Als Lamar mit seiner Miete in Verzug geraten war, hatte Sherrena nicht automatisch nach dem Zwangsräumungsbescheid gegriffen. Sie tat die Angelegenheit auch nicht mit einem schulterzuckenden "Geschäft ist Geschäft" ab. Sie druckste lange herum. "Das werde ich mit ganz schön schwerem Herzen tun", sagte sie zu Quentin, als sie es nicht länger ignorieren konnte. "Das weißt du, oder?" Sie verzog das Gesicht.

Quentin sagte nichts und überließ es Sherrena, auszusprechen, was sie dachte.

"Es ist nur fair", sagte Sherrena, nachdem sie ein paar Sekunden nachdenklich innegehalten hatte. "Es tut mir leid wegen der Kinder. Er hat diese zwei kleinen Jungs ... und ich mag Lamar. Aber davon kann ich die Rechnungen auch nicht bezahlen."

Sherrena hatte viele Ausgaben: Tilgungen, Wasserkosten, Instandhaltung, Grundsteuer. Manchmal tauchten aus dem Nichts hohe Ausgaben auf – ein kaputter Ofen, eine Rechnung von der Stadt –, die sie bis zum Anfang des nächsten Monats an den Rand des Bankrotts brachten.

"Wir haben dafür einfach keine Zeit", sagte Quentin. "Während wir auf seine Miete warten, steigen die Steuern. Und die Raten auch."

In diesem Geschäft konnte man nicht kneifen. Wenn ein Mieter seine 500 Dollar nicht zahlte, verlor der Vermieter 500 Dollar. Wenn das geschah, mussten Hausbesitzer, die selbst Kredite aufgenommen hatten, ihre Ersparnisse oder ihr Einkommen anzapfen, um zu vermeiden, dass ihnen die Bank den Gerichtsvollzieher schickte. Hier gab es auch keine Euphemismen: kein "Downsizing", keine "Quartalsverluste". Wohnungsbesitzer bekamen Gewinne und Verluste direkt zu spüren und sahen das Elend aus nächster Nähe. Veteranen unter den Vermietern erzählten gerne von ihren ersten großen Verlusten, von ihrer Feuertaufe: die Mieterin, die ihre eigene Zimmerdecke einriss, Fotos davon machte und den Gerichtsgutachter davon überzeugte, dies sei die Schuld des Vermieters; das Pärchen, das als Antwort auf die Zwangsräumung Socken in alle Abflüsse gestopft und die Wasserhähne voll aufgedreht hatte, bevor es die Wohnung verließ. Neulinge unter den Vermietern härteten mit der Zeit ab – oder stiegen aus.

Sherrena nickte ermutigend und sagte, eher zu sich selbst als zu Quentin: "Ich glaube, dass ich aufhören muss, diese Leute zu bemitleiden. Mich bemitleidet ja auch niemand. Am Ende des Tages will die Bank immer noch ihr Geld haben, und daran ändert sich nichts."

Sherrena und Quentin hatten sich vor einigen Jahren getroffen, auf der Fond Du Lac Avenue. An einer roten Ampel hatte Quentin neben Sherrena gehalten. Sie hatte ein zauberhaftes Lächeln, und ihre Musikanlage war voll aufgedreht. Er fragte, ob sie nicht kurz rechts ranfahren wolle. In Sherrenas Erinnerung fuhr Quentin einen Dodge Daytona, aber er bestand darauf, es sei ein Buick Regal gewesen. "Mit dem Daytona würde ich doch nicht versuchen, jemanden abzuschleppen", sagte er immer mit gespielter Empörung. Quentin hatte sauber geschnittene Fingernägel, war gut gebaut, aber nicht muskulös, hatte lockige Haare und trug viel Schmuck – eine dicke Kette, ein noch dickeres Armband und viele Ringe. Sherrena fand, dass er wie ein Drogendealer aussah, gab ihm aber trotzdem ihre echte Telefonnummer. Drei Monate lang musste Quentin um sie werben, bevor sie ihm gestattete, sie zu einem Eis einzuladen. Er brauchte weitere sechs Jahre, um sie zur Heirat zu bewegen.

Als Quentin Sherrena kennenlernte, war sie Grundschullehrerin. Sie verhielt sich auch wie eine Lehrerin; sie redete Fremde mit "Honey" an und hatte immer einen mütterlichen Rat oder Tadel parat. "Ich bin kurz davor, mich aufzuregen", sagte sie dann. Wenn sie bemerkte, dass die Konzentration ihres Gegenübers nachließ, berührte sie den anderen kurz am Ellenbogen oder Oberschenkel, um die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen.

Vier Jahre nachdem sie Quentin kennengelernt hatte, war Sherrena zufrieden mit ihrer Beziehung, doch bei der Arbeit langweilte sie sich. Nach acht Jahren im Schuldienst kündigte sie und eröffnete eine Kindertagesstätte. Doch die Stadt "machte sie wegen einer technischen Kleinigkeit zu", wie sie sich erinnerte. Also arbeitete sie wieder als Lehrerin. Als ihr Sohn aus einer früheren Beziehung in der Schule auffällig wurde, begann sie, ihn zu Hause zu unterrichten, und versuchte sich in Immobilieninvestitionen. Wenn Leute sie fragten: "Warum Immobilien?", sagte sie etwas über "langfristige Finanzanlagen" oder dass "Immobilien die beste Zukunftsinvestition" seien. Doch das war nicht ihre einzige Motivation. Sherrena hatte eins mit anderen Hausbesitzern gemeinsam: die unerschütterliche Überzeugung, dass sie es alleine zu etwas bringen könnte – ohne Firma oder Schule, die sie auffangen würden, ohne Arbeitsvertrag, Pension oder Gewerkschaft. Sie hatte eine Vereinbarung mit dem Universum, dass sie allein dank ihrer eigenen Beharrlichkeit und Intelligenz etwas aus dem Nichts erschaffen und zu Wohlstand gelangen würde.

Sherrena hatte 1999 ihr eigenes Haus gekauft, als die Preise niedrig waren. Ein paar Jahre später ritt sie auf der Welle des Immobilienbooms mit, verhandelte ihren Kredit neu und kam mit 21 000 Dollar Kapital heraus. Sechs Monate später tat sie das Gleiche noch einmal und bekam dieses Mal 12 000 Dollar. Dieses Geld benutzte sie, um ihre erste Mietimmobilie zu erwerben. Es war ein Apartmenthaus mit zwei Wohneinheiten und lag in der Inner City, wo die Preise am niedrigsten waren. Mieteinnahmen, Refinanzierung und private Immobilieninvestoren, die hochverzinste Kredite anboten, erlaubten es ihr, weitere Immobilien zu erwerben.

Sie erfuhr, dass sich die zur Miete wohnende Bevölkerung in mehrere Gruppen teilte: einige wenige Ober- und Mittelschichtshaushalte, die aus persönlicher Vorliebe oder der Umstände wegen zur Miete wohnten, junge und noch nicht sesshaft gewordene Leute sowie den Großteil der einkommensschwachen Bevölkerung der Stadt, der sich weder eine Eigentumswohnung leisten konnte noch Anrecht auf eine Sozialwohnung hatte. Vermieter waren in verschiedenen Stadtvierteln tätig, und es war gängige Praxis, dass ein Hausbesitzer seine Immobilien in einer relativ kleinen Gegend konzentrierte. In der nach Hautfarbe segregierten Stadt bedeutete das, dass Vermieter sich darauf spezialisierten, an bestimmte Leute zu vermieten: Weiße oder Schwarze, einkommensschwache Familien oder College-Studenten. Sherrena spezialisierte sich auf einkommensschwache Schwarze.

Vier Jahre später besaß sie 36 Wohneinheiten, die alle in der Inner City lagen. Sie hatte zwei Mobiltelefone mit Ersatzbatterien, las Forbes, mietete ein Büro und akzeptierte Termine von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends. Quentin kündigte seine Stelle, begann als Sherrenas Hausverwalter zu arbeiten und investierte selbst in Immobilien. Sherrena gründete ein Umschuldungs- und ein Investmentunternehmen. Sie schaffte zwei Kleinbusse mit fünfzehn Sitzplätzen an und gründete Prisoner Connections LLC, ein Unternehmen, das für 25 bis 50 Dollar pro Fahrt Freundinnen und Mütter zu Besuchsterminen mit ihren inhaftierten Lieben transportierte. Sherrena hatte ihre Berufung gefunden: Inner-City-Unternehmerin.

Sherrena hielt vor Lamars Haus und griff sich zwei Zwangsräumungsbescheide. Das Gebäude lag ganz in der Nähe der Wright Street, neben leeren Grundstücken und improvisierten Mahnmalen für Mordopfer: Teddybären, Black & Mild-Zigarren und handgeschriebene Zettel an Baumstämmen. Auf dem Grundstück standen zwei zweistöckige Häuser mit insgesamt vier Wohneinheiten. Die beiden Häuser lagen von der Straße aus gesehen direkt hintereinander, waren länger als breit und mit Balkons aus grobem Holz ausgestattet, die wie die Tür- und Fensterrahmen blaugrau angestrichen waren. Die Vinylverkleidung an den Außenwänden hatte eine bräunlich weiße Farbe, wie Milch, die in einer Müslischüssel nach dem Frühstück übrig geblieben war. Das Haus an der Straße hatte zwei Eingangstüren – je eine für die obere und für die untere Wohnung – und hölzerne Stufen, die zu ihnen führten, die eine alt, mit abblätternder Farbe, die andere neu und noch nicht angestrichen.

Lamar lebte in der unteren Wohnung des hinteren Hauses, zu dem ein kleiner Gehweg führte. Als Sherrena ihren Wagen vor dem Haus parkte, war er schon auf der Straße. Patrice, deren Name auf dem zweiten Zwangsräumungsbescheid stand, schob seinen Rollstuhl. Lamar hatte seine Beinprothesen angeschnallt. Er war schon etwas älter, doch von der Hüfte aufwärts machte er einen drahtigen und jugendlichen Eindruck. Seine Haut hatte die Farbe von nassem Sand. Sein Kopf war rasiert, bis auf einen schmalen Schnurrbart, der von grauen Sprenkeln durchsetzt war. Er trug ein gelbes Sporttrikot und hatte einen Schlüsselbund um den Hals hängen.

"Gleich zwei auf einen Schlag", versuchte Sherrena zu scherzen. Sie reichte Lamar und Patrice ihre Zwangsräumungsbescheide.

"Du warst fast spät dran", sagte Patrice. Sie trug ein Kopftuch, Pyjamahosen und ein weißes Tanktop, das den Blick auf ein Tattoo am rechten Oberarm freigab: ein Kreuz mit einem Band, das die Namen ihrer drei Kinder trug. Mit vierundzwanzig Jahren war sie halb so alt wie Lamar, doch ihre Augen ließen sie älter aussehen. Sie und ihre Kinder lebten im oberen Apartment des vorderen Hauses. Ihre Mutter Doreen Hinkston und ihre drei jüngeren Geschwister wohnten unter ihr in der Erdgeschosswohnung. Patrice zerknitterte den Zwangsräumungsbescheid und stopfte ihn in die Hosentasche.

"Ich geh gleich zum Training", sagte Lamar aus seinem Rollstuhl.

"Was denn für ein Training?", fragte Sherrena.

"Fußballtraining von meinen Jungs." Er schaute auf den Bescheid in seiner Hand. "Weißt du, wir wollten gerade den Keller fertig machen. Ich hatte schon damit angefangen."

"Davon hat er mir nichts gesagt", gab Sherrena zurück. Mit "er" meinte sie Quentin. Manchmal erledigten Mieter kleine Arbeiten für die Hausbesitzer, um ihre Miete abzubezahlen – Keller ausräumen zum Beispiel. "Mich solltest du anrufen. Nicht vergessen, wer der Boss ist", scherzte Sherrena. Lamar lächelte zurück.

Während Patrice Lamar die Straße herunterschob, ging Sherrena eine Checkliste in ihrem Kopf durch. Es gab so viele Dinge, mit denen sie sich herumschlagen musste: Reparaturen, Mietzahlungen, Umzüge, Anzeigen, Gutachter, Sozialarbeiter, Polizisten. Der Stress und die Tausenden kleinen Dinge, zu denen sich regelmäßig noch einige große gesellten, hatten schon seit einiger Zeit das sonntagabendliche Soul Food Dinner mit ihrer Mutter unmöglich gemacht. Erst vor einem Monat war jemand in einer ihrer Wohnungen erschossen worden. Der neue Freund einer Mieterin hatte drei Kugeln in die Brust bekommen, das Blut war aus ihm herausgeschossen wie aus einem aufgedrehten Wasserhahn. Nachdem die Polizisten ihre Fragen gestellt und das gelbe Absperrband zusammengeknüllt hatten, blieben die Aufräumarbeiten an Sherrena und Quentin hängen. Quentin machte sich zusammen mit ein paar Männern an die Arbeit, bewaffnet mit Gummihandschuhen und einem Industriestaubsauger. "Was soll das mit dem neuen Freund in der Wohnung? Und ich weiß nichts davon?", hatte Sherrena die Mieterin gefragt. Quentin kümmerte sich um den Saustall; sie kümmerte sich um die Menschen. Das war der Deal.

Ein paar Tage nach der Schießerei rief eine andere Mieterin bei Sherrena an und sagte, die Stadt sei gerade dabei, ihr Haus zu sperren. Sherrena glaubte ihr zunächst nicht, bis sie hinfuhr und sah, wie ein paar weiße Männer mit Schutzhelmen grüne Bretter vor die Fenster schraubten. Die Mieter waren beim Stromdiebstahl erwischt worden, also hatten die Leute von We Energies die Stromleitung am Mast abgeklemmt und das Department of Neighborhood Services (DNS)** gerufen. Noch am selben Tag mussten die Bewohner das Gebäude verlassen.

In Milwaukee wie in den restlichen Vereinigten Staaten mussten Mieter dafür sorgen, dass ihnen weder Strom noch Gas abgeklemmt wurden, doch das gestaltete sich immer schwieriger. Seit dem Jahr 2000 waren die Kosten für Brennstoffe und Strom um 50 Prozent gestiegen, was an der weltweit gestiegenen Nachfrage und dem Wegfallen von Preisbeschränkungen lag. In einem typischen Jahr konnte fast ein Fünftel aller einkommensschwachen Mieterfamilien seine Strom- oder Gasrechnung nicht bezahlen und wurde vom Versorgungsnetz getrennt. Familien, die nicht in der Lage waren, die Miete und die Nebenkosten zu begleichen, bezahlten manchmal einen Verwandten oder Nachbarn, um den Stromzähler zu überbrücken. In Amerika wird jedes Jahr Strom im Wert von sechs Milliarden Dollar gestohlen. Übertroffen wird diese Summe nur von Kreditkarten- und Autodiebstählen. Gasdiebstahl ist komplizierter und daher auch seltener. Darüber hinaus war er im Winter auch nicht notwendig, da die Stadt ein Moratorium über Trennungen vom Gasnetz verhängt hatte. Im April, wenn das Moratorium auslief, fuhren die Leute der Gasbetriebe mit ihren Werkzeugkisten und Trennungsbescheiden in die einkommensschwachen Viertel.

We Energies trennte wegen ausgebliebener Zahlungen jährlich etwa 50 000 Haushalte vom Netz. Viele Mieter, die über den Winter ihre Mietzahlungen leisten konnten, weil sie die Heizungsrechnungen nicht zahlten, versuchten über den Sommer bei den Gaswerken in die schwarzen Zahlen zu kommen, indem sie den Vermieter hinhielten. Im kommenden Winter mussten sie ans Netz angeschlossen sein, um den Schutz des Moratoriums zu genießen. Dies hatte zur Folge, dass die Anzahl der Zwangsräumungen in Milwaukee im Sommer und Frühherbst anstieg, und wieder zurückging, sobald im November das Moratorium in Kraft trat.

(Continues…)


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Table of Contents

Vorbemerkung des Autors,
Prolog: Kalte Stadt,
ERSTER TEIL: MIETE,
1. Die Besitzer der Stadt,
2. Die Miete zusammenkratzen,
3. Warmes Wasser,
4. Gute Ausbeute,
5. Thirteenth Street,
6. Das Rattenloch,
7. Das Übel,
8. Weihnachten in Saal 400,
ZWEITER TEIL: RAUS,
9. Zum Mitnehmen?,
10. Junkies im Sonderangebot,
11. Das Ghetto ist gut zu mir,
12. Zweckgemeinschaften,
13. Trailer E-24,
14. Hohe Toleranz für Ungleichheit,
15. Ein Verstoß,
16. Asche und Schnee,
TEIL DREI: DANACH,
17. Wir sind hier in Amerika,
18. Hummer und Essensmarken,
19. Kinder und Katzen,
20. Niemand will in die North Side,
21. Ein großer Junge,
22. Wenn sie Mama bestrafen,
23. Klarer Kopf,
24. Egal, was ich tu, es geht schief,
Epilog: Zuhause und Hoffnung,
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