Unsere Tage am Ende des Sees: Roman

Unsere Tage am Ende des Sees: Roman

by Linda Winterberg

NOOK Book1. Auflage (eBook - 1. Auflage)

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Overview

Das Glück, das wir suchten. Nach fünfundzwanzig Jahren der Trennung steht Hanna plötzlich zum ersten Mal wieder ihrer Mutter gegenüber. Damals sah Hanna keinen anderen Ausweg, als von ihrem Zuhause fortzugehen – und ließ damit auch Alexander zurück, ihre erste große Liebe. Einen Sommer lang trafen sie sich Tag für Tag auf dem Steg am Ende des Sees. Ihre Flucht ermöglichte Hanna ein neues Leben, doch Alex hat sie nie vergessen. Und nun findet sie heraus, dass auch er nicht aufgehört hat, an sie zu denken... Das bewegende Schicksal zweier Frauen und eine große Liebesgeschichte – tieftraurig und sehr romantisch.

Product Details

ISBN-13: 9783841214096
Publisher: Aufbau Digital
Publication date: 11/06/2017
Sold by: Libreka GmbH
Format: NOOK Book
Pages: 432
Sales rank: 952,688
File size: 4 MB

About the Author

Hinter Linda Winterberg verbirgt sich Nicole Steyer, eine erfolgreiche Autorin historischer Romane. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern im Taunus und begann schon im Kindesalter erste Geschichten zu schreiben, ganz besonders zu Weihnachten, was sie schon immer liebte. Bei atb liegen von ihr die Romane „Das Haus der verlorenen Kinder“, „Solange die Hoffnung uns gehört“ und "Unsere Tage am Ende des Sees" vor.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

MÄRZ, 2016

Hanna bog in die von Reihenhäusern gesäumte Straße ein, in der sie die übliche Beschaulichkeit empfing. In den Vorgärten der Häuser trotzten Schneeglöckchen und Krokusse dem kalten Hamburger Nieselregen, der die Bewohner der Häuser zum Innehalten zwang. Bald jedoch würden sie in ihre Gärten ausschwärmen, Rasenmäher und Heckenschneider auspacken, abends den Grill anmachen und die Siedlung in einen niemals schlafenden sommerlichen Bienenstock voller Lebendigkeit verwandeln. Vor ihrem Haus blieb sie stehen. Ein einfaches Reihenhaus, wie es viele in Hamburg-Niendorf gab. Der vertraute Anblick ließ sie plötzlich an jenen Tag zurückdenken, an dem sie es zum ersten Mal gesehen hatte. Der Himmel war ebenso grau und wolkenverhangen gewesen wie heute. Gemeinsam mit Maurice hatte sie genau an dieser Stelle gestanden und dem Makler gelauscht, der ihnen die Eckdaten der Immobilie erläutert hatte, die sie beide eigentlich schrecklich altbacken fanden. Wie verliebt sie damals waren. Frisch verheiratet und voller Tatendrang starteten sie in das Wagnis des gemeinsamen Lebens. Der günstige Preis hatte am Ende den Ausschlag gegeben, das renovierungsbedürftige Haus zu kaufen. In den Folgewochen schliffen sie Fußböden, tapezierten und strichen Wände, das Badezimmer flieste Maurice eigenhändig neu. Trotz der vielen Arbeit fühlten sich diese Monate wunderbar leicht, beinahe abenteuerlich an. Dem kalten Frühjahr folgte ein heißer Sommer. Wochenlang lebten sie von Würstchen vom Campinggrill und Fertigkartoffelsalat. Zwei alte Gartenstühle, ein klappriger Tisch auf der mit Waschbetonplatten ausgelegten Terrasse, Zweisamkeit bei Kerzenschein in lauen Sommernächten. Ende August wurde die neue Küche geliefert, und die ersten Spaghetti vom neuen Herd schmeckten so gut, dass sie es nie vergessen würde. Wenige Tage später bemerkte sie ihre Schwangerschaft.

Hanna schob die Erinnerungen beiseite, öffnete die Gartentür und lief an dem Maklerschild vorüber, das ihr mit seiner geradlinigen Schrift die unaufhaltsame Veränderung vor Augen führte. Im Haus empfing sie der vertraute Geruch, da waren seine Schuhe im Flur, an der Garderobe seine Jacke. Als würde er gleich kommen, als wäre er noch da. Sie lehnte den Kopf gegen die Wand und lauschte in die Stille. Gerade eben war es noch laut gewesen. Christina. Sie sah das Gesicht ihrer Tochter vor sich. Im Hintergrund die lauten Geräusche des Hamburger Flughafens. Wie huschende Schatten waren ihr die Unmengen von Menschen vorgekommen. Nur Christina hatte sie klar gesehen. Ihre braunen Augen, ihre Sommersprossen auf der Nase, das wellige Haar mit den blonden Strähnchen, ihr Lächeln – gleichzeitig die Tränen in ihren Augen. Eine Umarmung, wenige Worte, ein Kuss auf die Wange, dann war sie gegangen. Sie war wie ihr Vater. Sich niemals dem Trübsinn überlassen, immer nach vorn sehen. Amerika, die ferne Welt voller Möglichkeiten, und nun war ihr Kind auf dem Weg dorthin. Zu ihrem Onkel, der in Washington in einem dieser Holzhäuser mit Frau, zwei Kindern und Hund den amerikanischen Traum lebte. Ein Jahr College und Abenteuer, wie ihre Tochter es nannte. Hannas Blick wanderte in die Küche. Es war doch erst gestern, als sie zu dritt an dem Tisch am Fenster gesessen und darüber gesprochen hatten. Sie war dagegen, er dafür gewesen. Was auch sonst. Maurice hatte den Wünschen seiner Tochter selten widersprochen. Mit unendlich viel Liebe hatte er Christina, seinen Sonnenschein, überschüttet. In ihrer Erinnerung hörte Hanna ihre Stimme laut werden. Sah sich wütend mit der flachen Hand auf den Tisch schlagen. Mal wieder war sie die Böse. Amerika, Washington, was für eine Schnapsidee. Sie wusste, dass es die Angst war, die sie so aufgebracht hatte. Loslassen war nicht ihre Stärke. Christina war doch erst siebzehn, ein halbes Kind.

Heute hatte jedoch eine Erwachsene vor ihr gestanden. Christina war die Stärkere von ihnen beiden. Sie war in den letzten Wochen ihr Anker gewesen, der Grund, nicht durchzudrehen, morgens aufzustehen. Papa hätte nicht gewollt, dass wir traurig sind, sagte sie immer wieder. Und weinte trotzdem. Abends, in ihrem Zimmer, damit ihre Mutter die Tränen nicht sah. Jetzt war sie fort. Fröhlich winkend war sie hinter einer der vielen gläsernen Schiebetüren des Flughafens verschwunden, um in ein neues Leben aufzubrechen.

Sie selbst war zurückgeblieben. In dem Haus, das ihrer Familie ein Heim gewesen war und vor dem nun ein Maklerschild im Vorgarten stand. Und mit dem Versprechen, es auf die Reihe zu kriegen. So hatte sich Christina ausgedrückt. Du kriegst das doch auf die Reihe, Mama?

Selbstverständlich, hatte Hanna geantwortet. Sie wussten beide, dass es eine Lüge war. Die Tage vergingen, die Wochen flogen dahin. Der Herbst war in den Winter übergegangen, aus dem Winter wurde Frühling, und es fühlte sich wie gestern an, als er mit den vertrauten Worten gegangen war. Sie schlüpfte aus ihren Schuhen und lief die Treppe nach oben in Christinas Zimmer. Sonnengelb waren die Wände gestrichen. Ihr weißes Metallbett hatte sie mit einer Blumengirlande und einer Lichterkette geschmückt. Das Bücherregal darüber teilten sich »Harry Potter« und »Twilight«-Bücher, die sie irgendwann einmal heiß und innig geliebt hatte. Auf ihrem Schreibtisch standen sauber beschriftete Ordner. An der Wand hing noch das Puzzle, das sie vor Jahren miteinander gepuzzelt hatten. Sie krabbelte aufs Bett und berührte die romantische Landschaft hinter Glas. Eigentlich hatten nur Maurice und Christina es gepuzzelt. Stundenlang hatten die beiden damit auf dem Fußboden im Wohnzimmer zugebracht. Ein romantischer Sonnenuntergang, ein Häuschen in einem wunderbaren Blumengarten. Himmelteile, alles Himmelteile. Alle sehen gleich aus. Wie oft hatte Christina diese Sätze gesagt. Sie lächelte. Ihr Blick fiel auf Paola. Eine sündhaft teure Käthe-Kruse-Puppe, die neben vielen weiteren Kuscheltieren auf dem Bett saß. Maurice hatte sie Christina zum achten Geburtstag geschenkt. Sie hatten sich damals gestritten deswegen. So viel Geld für eine einzige Puppe auszugeben, was für ein Irrsinn. Sie lehnte sich gegen die Wand und nahm Paola auf den Schoß. Sie hatte blaue Augen, lange Wimpern, hübsches kastanienbraunes Haar, das dem von Christina, dem von Maurice glich. Hanna blickte in die Spiegeltür des gegenüber dem Bett stehenden Kleiderschranks. Ähnlichkeiten zwischen ihr selbst und ihrer Tochter hatte sie stets vergebens gesucht. Sie war blond, ihr Gesicht schmal, die Haut hell. Christina hatte Maurice' breite Wangenknochen geerbt, seine Stupsnase. Ihr Blick fiel auf den Nachttisch. Dort hatte bis gestern ein Bild der beiden gestanden. Vater und Tochter fröhlich im Sommerurlaub auf Korsika. Gewiss hatte es Christina mitgenommen. Es war im vergangenen Sommer aufgenommen worden. In ihrem letzten gemeinsamen Sommer. Sie seufzte. Wenige Wochen später, an einem kühlen Septembertag, war ihr Leben auseinandergefallen, einfach so. Ein Verkehrsunfall auf der Autobahn. Ein Lastwagen war ungebremst ins Stauende gefahren. Sie sah sich die Haustür öffnen. Zwei Polizisten hatten ihr mit ernster Miene entgegengeblickt. Verunglückt, Autounfall. Im ersten Moment hatte sie geglaubt, sie sollte die beiden ins Krankenhaus begleiten und Maurice wäre nur verletzt. Mit klopfendem Herzen und zittrigen Händen suchte sie nach ihrer Tasche und den Autoschlüsseln. Die Polizistin war es, die ihr Einhalt gebot und behutsam sagte, dass ihr Mann tot sei. Genau in diesem Moment war Christina vom Sport zurückgekommen. Das Haar zurückgebunden, ihre Sporttasche über der Schulter. Was dann passiert war, wusste sie nicht mehr. Es folgten Stunden, Tage, die im Nebel lagen. Bei seiner Beerdigung einige Tage später hatte die Sonne geschienen.

Zweimaliges Läuten an der Haustür riss Hanna aus ihren Gedanken. Gewiss war es der Postbote, der endlich die von Christina ersehnten Turnschuhe brachte, die sie nach Amerika hatte mitnehmen wollen. Am Flughafen hatte Hanna ihr fest versprechen müssen, die Schuhe sofort nachzuschicken. Sie lief die Treppe hinunter und öffnete die Tür. Der Postbote hatte bereits den Benachrichtigungszettel in der Hand.

»Guten Tag, Frau Becker. Sie sind ja doch da«, sagte er mit einem Lächeln und hielt ihr das Paket unter die Nase.

Sie legte es im Flur ab und ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Morgen würde sie es zur Post bringen. Am Kühlschrank hing der Zettel mit der Adresse in Washington, umrandet von vielen Herzchen, typisch Christina. Im Vorbeigehen fiel ihr auf, dass der Anrufbeantworter im Flur blinkte. Gewiss war es Frau Meister, die Maklerin, die eine erneute Besichtigungstour starten wollte. Drei Ehepaare und einen verrückten Musiker hatte sie bisher angeschleppt. Der Musiker hatte Hanna am besten gefallen. Allerdings hätte er mit seiner Idee, im Dachgeschoss ein Tonstudio einzurichten, gewiss die Nachbarn verärgert. Besonders Kohlgrubers von nebenan reagierten sehr empfindlich auf Lärm, obwohl er bereits zweiundachtzig und eigentlich schwerhörig war. Der Musiker hatte abgelehnt. Nicht verwunderlich. Hippe Musiker zogen nicht in biedere Reihenhaussiedlungen, auch wenn Quadratmeterzahl und Raumaufteilung passten. Sicher fand sich irgendwo ein Loft, ein ehemaliges Fabrikgebäude, eine Wohnung mit Dachterrasse im Grindelviertel. Dorthin passte er besser. Die Ehepaare sagten ebenfalls ab. Eines von ihnen hatte sie nach wenigen Minuten eigenhändig rausgeworfen. Genau die Sorte arrogante Schnepfe mit Highheels und Möchtegerngroßkotzehemann an der Seite konnte sie noch nie leiden, und die Vorstellung, dass diese beiden das Heim ihrer Familie übernahmen, war einfach unerträglich. Die Aktion führte zu einem längeren Gespräch mit der Maklerin.

Hanna drückte auf den Knopf des Anrufbeantworters. Sie lag richtig. Frau Meisters Stimme war zu hören. Ob am Freitag ein Termin für eine Besichtigung möglich wäre. Eine junge Familie mit Baby. Sie nannte eine Uhrzeit und legte auf. Eine weitere Nachricht wurde angekündigt, und dann war auf einmal die Stimme ihrer Mutter zu hören. Hanna erstarrte. Ihre Mutter klang unsicher, sagte ihren Namen, fragte, ob sie da sei. Stille, ihr Atem. Sie entschuldigte sich für den Anruf. Wieder Stille. Erneut hörte sie ihre Mutter atmen, dann den Ton des Anrufbeantworters. Hanna sank auf den Boden. Ihr Herz pochte heftig, in ihren Ohren begann es zu rauschen. Eine dritte Nachricht wurde angekündigt. Noch einmal war die Stimme ihrer Mutter zu hören. Nur ganz kurz.

»Bist wohl wirklich nicht da.« Sie legte auf.

Hanna war wie gelähmt. Keine weiteren Nachrichten, hörte sie den Anrufbeantworter sagen. Ihre Hände zitterten. Sie lehnte den Kopf nach hinten und blickte zum Telefon. Ihre Mutter. Dieses Jahr waren es fünfundzwanzig Jahre, dass sie ihre Stimme nicht mehr gehört hatte. Wann hatte sie aufgehört, an sie zu denken? Hatte sie jemals damit aufgehört? Zumindest hatte sie es gewollt. Kein einziges Mal hatte ihre Mutter sie angerufen – bis heute. Und es war besser so gewesen, hatte sich jedenfalls so angefühlt. Hannas Blick fiel auf den Anrufbeantworter. Fünfundzwanzig Jahre, eine halbe Ewigkeit, und plötzlich meldete ihre Mutter sich. Sie musste einen Grund haben. Niemand rief nach so langer Zeit einfach so an. Hanna stand auf. Ihr Vater musste es wissen. Sie musste ihre Nummer von ihm haben. Anders konnte es nicht sein. Sie standen in keinem Telefonbuch, waren unbekannt in der digitalen Welt, sofern das heute noch möglich war. Wie auf Kommando spürte sie das Vibrieren ihres Handys in ihrer Hosentasche. Sie ließ es brummen. Gewiss war es Frau Meister. Geduld war keine ihrer Stärken.

Entschlossen schlüpfte Hanna in ihren Mantel, griff nach dem Schlüssel und verließ das Haus. Sie musste mit ihrem Vater reden. Es war nicht weit zu ihm. Die Straße hinunter und durch einen kleinen Park, in dem ihr eine einsame Joggerin begegnete. Zwei Querstraßen weiter lebte er in einem Wohnblock. Drei Zimmer im dritten Stock rechts, gemeinsam mit Dagmar, die sie noch nie leiden konnte. Grünflächen lagen zwischen den Häusern, Wäschestangen, umhüllt vom tristen Grau des schwindenden Tages. Als sie klingelte, öffnete sich gerade die Tür, und Frau Stresemann aus dem ersten Stock kam mit ihrem Dackel Billy aus dem Haus. Ein fieser Köter, der gern mal schnappte. Hanna grüßte kurz, in diesem Moment war der Türsummer zu hören. Ihr Vater, den sie Bernie nannte, war kein Freund von Sprechanlagen. Im Hausflur empfing sie der Geruch von Reinigungsmitteln. Sie lief die Treppe nach oben. Er stand in der Tür, wie immer eine Kippe in der Hand.

Ohne zu grüßen, fragte er: »Hat sie angerufen?«, und schob die Tür auf.

Hanna betrat wortlos nickend die Wohnung. Es roch nach Mittagessen, irgendetwas mit Kartoffeln und Kohl. Im Wohnzimmer lag der Kater Felix schlafend auf dem Sofa. Auf dem Tisch stand der übliche Aschenbecher, daneben ein Stapel Kataloge und Zeitungen, Gläser und eine Schüssel voll Chips. Der Fernseher lief. Biathlon. Er drückte seine Zigarette aus und setzte sich in einen neben dem Sofa stehenden Sessel.

»Dagmar ist drüben bei Bille. Dauert immer länger.«

Hanna nickte und sank neben Felix, der träge den Kopf hob. Der alte Kater war halb blind und wohl auch taub. Sie begann ihn zu streicheln.

»Ist auch besser, wenn sie nicht da ist«, sagte Bernie. »Fuchsteufelswild ist sie geworden, als sie mitbekommen hat, dass Gabi am Telefon war. Aber was soll's«, er winkte ab, »wäre nicht die erste Szene.« Seine Stimme klang gleichgültig. Seine Beziehung mit Dagmar war schon lange kaum mehr als Gewohnheit.

Hanna nickte. Mit Dagmar war es von Beginn an schwierig gewesen. Ein Blick hatte gereicht, und sie mochten sich nicht. Bis heute war es so geblieben, und Bernie verstand es. Mit Hilfe der Jugendfürsorge fand Hanna nach ihrem Umzug aus Bayern ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Später hatte sie eine kleine Wohnung gehabt, dann war sie Maurice begegnet. Aber war es wirklich nur Dagmar, die sie bewog, ihrem Vater aus dem Weg zu gehen? Erinnerungen an ihre Jugend kamen hoch. An all das Geschrei, den Streit, das Türenknallen – die vielen Weinflaschen auf dem Tisch. An Mamas Traurigkeit. Aber auch andere, schöne Dinge. Wie sie gemeinsam an einem warmen Sommertag das Gartenhaus strichen. Mama machte Limonade. Eine Umarmung, der Geruch von Farbe, Sonnenlicht, das durch die Blätter der Kirschbäume fiel, sein Lachen. Momente des Glücks, tief in ihrem Inneren vergraben – konserviert für die Ewigkeit.

»Mama hat noch nie angerufen«, sagte Hanna.

»Irgendwann ist immer das erste Mal.«

»Nach fünfundzwanzig Jahren?«

»Was weiß ich. Sie hat nach dir gefragt, wollte deine Nummer haben.«

»Und du hast sie ihr einfach so gegeben.«

»Was ist falsch daran? Sie ist deine Mutter.«

Hanna lehnte sich zurück. Im Fernsehen gab es den Zieleinlauf zu sehen.

»Ich hab gewusst, dass wir gewinnen«, kommentierte Bernie das Ende des Rennens.

Wie sehr er sich verändert hat, kam es Hanna in den Sinn. Der attraktive Mann von einst war einem grauhaarigen, unrasierten Rentner gewichen, der in einem billigen Hausanzug vor dem Fernseher saß. Hanna wusste, dass er seine Heimat Bayern vermisste, obwohl er es nie sagte. Der unbedingte Wille zur Veränderung und ein gutes berufliches Angebot, das ihm ein alter Freund machte, führten ihn damals in den Norden. Doch er war hier niemals heimisch geworden. Trotz Dagmar, die er irgendwann einmal geliebt hatte.

»Hat sie was erzählt?«, fragte sie.

»Nein. Ich hab ihr deine Nummer gegeben, mehr nicht.«

»Denkst du, es geht ihr gut?«

»Was ich denke, spielt keine Rolle.« Bernie griff nach der Chipsschüssel und begann zu essen.

»Ist Christina nicht heute abgereist?«, wechselte er das Thema. Hanna nickte.

»Ja, vorhin.«

»Dann sitzt du jetzt allein in dem Haus.«

Seine Worte trafen Hanna. Feinfühligkeit war noch nie eine seiner Stärken.

»Kann man so sagen«, erwiderte sie. Dann waren Schritte im Flur zu hören, und Dagmar schaute in den Raum. Ihr blondiertes Haar hatte einen grauen Ansatz. Ihre enge Jeans betonte ihre üppigen Hüften. In einem anderen Leben war sie hübsch gewesen. Sie zog eine Grimasse, als sie Hanna sah.

»Lässt dich auch mal blicken«, sagte sie ohne Begrüßung. Sie verschwand in der Küche und schloss die Tür hinter sich. Hanna stand auf.

»Ich geh wohl besser.«

Ihr Vater erhob sich ebenfalls. Plötzlich wirkte er bekümmert. Hanna berührte kurz seine Schulter. »Du hast nichts falsch gemacht.«

Er nickte. Wie müde er aussah.

(Continues…)



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