Sie waren Sand im Getriebe: Frauen im Widerstand

Sie waren Sand im Getriebe: Frauen im Widerstand

by Elisabeth Stiefel

NOOK Book1., Auflage (eBook - 1., Auflage)

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Overview

Dieses Buch porträtiert bekannte und weniger bekannte Frauen des Deutschen Widerstandes. Faszinierende Frauen, die es wagten, während der Nazidiktatur kritische Fragen zu stellen. Frauen, die sich mutig für die Rechte verfolgter Minderheiten einsetzten. Aber auch „stille Heldinnen“, die im Verborgenen wirkten und jüdische Mitbürger unter Einsatz ihres eigenen Lebens versteckten. Neben der Philosophin Edith Stein und der Widerstandskämpferin Corrie ten Boom porträtiert Elisabeth Stiefel die Lehrerin Elisabeth von Thadden, die Juden bei der Flucht ins Ausland half. Die Theologin Katharina Staritz setzte sich für jüdische Christen ein. Pfarrfrauen wie Elisabeth Goes, Gertrud Mörike und Johanna Stöffler nahmen in ihren Häusern Juden und andere Verfolgte auf. Gemeinsam war ihnen allen die Verankerung im christlichen Glauben, die ihr mutiges Handeln erst ermöglichte.

Product Details

ISBN-13: 9783868278538
Publisher: Verlag der Francke-Buchhandlung
Publication date: 01/01/2015
Sold by: CIANDO
Format: NOOK Book
Pages: 128
File size: 405 KB

About the Author

Elisabeth Stiefel ist verheiratet, Hausfrau und Mutter von vier Kindern. Aus ihrem Engagement in der kirchlichen Frauenarbeit zieht sie vielerlei Anregungen für Inhalt und Gestaltung von Gemeindestunden. Sie lebt mit ihrer Familie in Dettingen.

Read an Excerpt

Elisabeth von Thadden Mach End, o Herr mach Ende mit aller unsrer Not, stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein. (Letzte Worte von Elisabeth von Thadden) Liedstrophe von Paul Gerhardt „Meine Zeit ist nur ein Durchgang durch Gottes ewiges Heute.“ Diesen Satz eines alten Kirchenvaters schrieb Elisabeth von Thadden am 24.10.1943, knapp ein Jahr vor ihrem Tod, in das Buch einer Freundin. Er scheint wie eine Zusammenfassung für ihr Leben zu sein, das geprägt war von Umbrüchen und Neuanfängen. Das Leben als eine Durchgangsstation zu einem ewigen Leben in Gottes Herrlichkeit – dieser Gedanke gab ihr Kraft in einer Zeit, in der ihr eigenes Leben bereits bedroht war durch die Gewalt der herrschenden Naziregierung. Wer war diese Frau, die sich auch oder gerade in den dunklen Zeiten ihres Lebens so fest an ihren Glauben und an die Hoffnung auf ein ewiges Leben klammerte und darin Trost und Kraft fand? Elisabeth Adelheid Hildegard von Thadden wurde am 29. Juli 1890 in Mohrungen geboren. In der ostpreußischen Kleinstadt, in der ihr Vater Adolf von Thadden Landrat war, verbrachte sie ihre ersten Lebensjahre. Die Mutter, Ehrengard von Gerlach, kam, ebenso wie der Vater, aus einer gutsituierten adligen Familie. Bereits ein Jahr nach der Geburt von Elisabeth kam ihr Bruder Reinold, drei Jahre später die Schwester Marie-Agnes, genannt Anza, zur Welt. Unterstützt wurde die Mutter bei der Erziehung von einer Kinderfrau, später von einer englischen Nurse und einer französischen Mademoiselle. 1894 ließ sich der Vater in seine pommersche Heimat nach Greifenberg versetzen, nur wenige Kilometer entfernt von den Familiengütern Trieglaff, Gruchow und Vahnerow, die von Großvater Reinhold bewirtschaftet wurden. Als Landrat kümmerte sich Adolf von Thadden unter anderem um die Ansiedlung von Fabriken und um bessere Wohnmöglichkeiten für die Tagelöhner. Er war bekannt für seine Frömmigkeit, seine Gastfreundschaft, aber auch für sein Talent, Geschichten zu erzählen. In Greifenberg wurden zwei weitere Schwestern Elisabeths, Helene und Ehrengard, geboren. Tugenden wie Pflichterfüllung, Fleiß, Bescheidenheit und Frömmigkeit, die allgemein als „preußische Tugenden“ angesehen wurden, waren auch Erziehungsziele im Hause Thadden-Trieglaff. Erzieherinnen aus dem In- und Ausland kümmerten sich um die Kinder, Hauslehrerinnen übernahmen den Unterricht. Erdkunde und Geschichte unterrichtete die Mutter selbst. Ehrengard von Thadden unternahm gerne ausgedehnte Reisen mit ihren Kindern, insbesondere zu der weitverzweigten Verwandtschaft. Nach dem Tod des Großvaters ging das Gut in den Besitz das Vaters Adolf von Thadden über. Neben dem alten Gutshaus der Großeltern wurde aus dem Vermögen der Mutter ein neues angebaut. Großmutter Marie zog nach Berlin, der Vater konnte weiterhin Landrat bleiben und die Familie bezog das neue großzügig ausgebaute Gutshaus, das Elisabeth nun zur Heimat wurde. Um ihre französischen Sprachkenntnisse zu verbessern, besuchte Elisabeth 1904 ein Internat in Neuchâtel in der Schweiz. Von dort aus führte sie einen regen Briefwechsel mit ihrer Mutter. Ehrengard gab ihrer ältesten Tochter Ratschläge, wie sie sich in der neuen, für sie so ganz fremden Umgebung zurechtfinden konnte. Immer wieder wurde Elisabeth dabei ermahnt, ihr Äußeres nicht zu vernachlässigen. So schrieb Ehrengard von Thadden: „Ich selbst finde es wünschenswert, dass junge Mädchen in Deinem Alter sich möglichst wenig mit Eitelkeitsfragen und hauptsächlich mit ihren Studien und netten Freundschaften, also mit innerlichen Dingen, beschäftigen, die ihnen im späteren Leben ein Schatz sind. Darum sollst Du aber auch dadurch Deiner Familie und Deinem Stande Ehre machen, dass du einfach, aber immer der Situation angemessen anständig und ordentlich erscheinst und es lernst, darin selbst auf dein Äußeres zu achten.“ Und in einem anderen Brief ermutigt die Mutter ihre Tochter, ihren eigenen Weg in Sachen Geschmack zu finden: „Ärgere Dich nur nicht zu sehr über … der anderen Liebe für äußerliche Dinge. Man kann auch davon erziehlich lernen; Geschmack und Schönheitssinn müssen sich auch entwickeln, das kann einen später zur Freude an den schönen Künsten führen. Hier in Pommern hört und sieht man davon entschieden zu wenig, und wenn die Menschen dadurch auch vielleicht ernster werden, so macht es sie doch viel zu unbeholfen und schwerfällig.“ Nach einem Jahr zog Elisabeth von 1905 bis 1907 ins Viktoria-Stift der Großherzogin Luise von Baden. In dieser Internatsschule, die bereits ihre Mutter besucht hatte, lernte Elisabeth eine Verbindung von Ordnung und Freiheit kennen, die später auch ihre eigenen Erziehungsvorstellungen prägte. Die Mutter schrieb ihr: „Wenn Du in das Viktoriastift der Großherzogin von Baden … kommst, wirst Du dort Uniform und nur das denkbar Einfachste tragen, zur Vermeidung von Eitelkeit und Putzsucht; Schmuck und Garnituren sind dort ganz verpönt.“ Anschließend absolvierte sie ein Ausbildungsjahr in ländlicher Hauswirtschaft an der Reifensteiner Schule in Maidburg / Westpreußen. Dort erwarb sich Elisabeth, wie für Gutstöchter zu Beginn des 20. Jahrhunderts üblich, praktische Kenntnisse, die für die Führung eines Gutshaushaltes notwendig waren. Abrupt wurde diese Zeit in Maidburg abgebrochen. Die Mutter starb 1909 während ihrer sechsten Schwangerschaft. Elisabeth wurde nach Hause gerufen. Mit 18 Jahren wurde ihr die Verantwortung für den Gutshaushalt mit etwa 70 Personen übertragen. Engagiert übernahm Elisabeth die Verantwortung für die vielen verschiedenen Bereiche auf dem Gut. Als junge Gutsherrin hatte sie nun plötzlich eine Vielzahl von Aufgaben zu bewältigen. Mit der Wirtschafterin hatte sie den Speiseplan abzuklären und den Dienstmädchen wies sie ihre Arbeit zu. Auf dem Hof gab es den Hühnerstall zu beaufsichtigen. Obst und Gemüse mussten geerntet und Vorräte für den Winter angelegt werden. Fischlieferungen aus dem See, Fleisch und Wurst wurden an Schlachttagen verarbeitet. Auch die Wäsche des riesigen Haushaltes musste bewältigt werden, wobei die Seife in großen Zubern selbst gekocht wurde. Für alle diese Aufgaben war Elisabeth als Gutsherrin gemeinsam mit ihren Angestellten zuständig. Auch die Erziehung und Ausbildung der jüngeren Geschwister musste geregelt werden und lagen nun in Elisabeths Hand. Die Gutsbesitzerfamilie war für das ganze Dorf mitverantwortlich. Vom Gut wurden die Weihnachtsvorbereitungen sowie passende Geschenke organisiert. Hinzu kamen soziale Hilfsdienste, wenn es Not oder Krankheit unter den Arbeiterfamilien gab. Außerdem mussten Geburtstagsbesuche bei älteren Dorfbewohnern getätigt werden. Aber auch größere Projekte wie beispielsweise der Bau neuer Arbeiterhäuser wurden in Angriff genommen. Die Vielfalt dieser Aufgaben forderte Elisabeths ganze Kraft und Organisationstalent. Unterstützt wurde sie dabei von Großmutter Marie von Thadden, die nach dem Tod ihres Mannes zunächst nach Berlin gezogen war, nun aber nach dem Tod der Schwiegertochter wieder nach Trieglaff übersiedelte, um den mutterlosen Enkeln zu helfen. Elisabeth wuchs mit der Größe der Anforderungen. Verwandte und Bekannte waren beeindruckt, wie souverän sie die Leitung des Gutes bewältigte. Sie selbst merkte, wie ihr die Organisation des großen Betriebes zunehmend Freude machte und gut gelang. Das Gut bot ungeahnte Möglichkeiten, um Elisabeths soziale und gesellschaftliche Interessen auszubauen. Sie entwickelte immer neue Ideen und Projekte. Im Sommer lud sie Feriengäste ein, die für mehrere Wochen auf Trieglaff Erholung und oft auch Hilfe in verschiedenen Lebensfragen suchten und fanden. Die unterschiedlichsten Persönlichkeiten kamen auf dem Gut zusammen und bereicherten den Alltag. Georg Michaelis, der spätere Reichskanzler und Freund der Familie, wurde von Vater Thadden alljährlich zur Entenjagd eingeladen. Beeindruckt von Gut Trieglaff schrieb er 1911 an seine Frau: „Im Hause führt die Wirtschaft eine 21-jährige Tochter sehr tüchtig und sicher, sie hat etwas Herbes, vielleicht durch die zeitige große Verantwortung.“ In einem späteren Brief revidiert er seine Meinung über Elisabeth: „Die älteste Tochter hier gefällt mir bei näherer Bekanntschaft immer besser. Da steckt auch was drin von selbständigem Denken, auch über Frauenberuf und die wichtigste Frage des Lebens.“ Der Beginn des Krieges 1914 wurde von der Familie Thadden mit großer Beklommenheit erlebt. Die ungeheure Not, die nun vor allem in den großen Städten entstand, beeinflusste auch das Leben auf Gut Trieglaff. 1916 lud Adolf von Thadden-Trieglaff den Berliner Pfarrer Friedrich Siegmund-Schultze ein, um in der Trieglaffer Kirche am Erntedankfest zu predigen. Siegmund-Schultze war bekannt für seine außergewöhnlichen Überzeugungen. So hatte er eine angesehene Pfarrstelle an der Friedenskirche in Potsdam, die auch von der Kaiserin selbst besucht wurde, zugunsten einer Stelle im Berliner Osten ausgeschlagen, um dort eine Sozialarbeit im Arbeiterviertel aufzubauen. Am Abend des Erntedankfestes traf sich eine kleinere Gruppe Interessierter auf Gut Trieglaff zum Gespräch. Siegmund-Schultze berichtete über seine Arbeit unter Sozialisten und Atheisten, von der trostlosen Situation während des Krieges in Berlin, von Elend, Hunger und Not. Elisabeth war zutiefst betroffen und beeindruckt von der Arbeit. Kurze Zeit später schrieb sie an den Pfarrer: „Was Sie uns am 1. Oktober hier erzählten, bewege ich viel in meinem Herzen. Und diese Gedanken möchte ich zur Tat werden lassen mit beiliegender kleiner Hilfe für Ihre Arbeit. – Wenn ich später bei meinem Vater keine Pflichten mehr haben sollte, dann möchte ich in Ihrem Sinne sozial arbeiten!“ Elisabeth von Thadden hatte bereits, wie viele andere Gutsbesitzer auch, arme und unterernährte Stadtkinder zur Erholung nach Trieglaff eingeladen, wo sie wieder zu Kräften kommen und das Leben auf dem Lande erleben konnten. Doch dies schien angesichts der überwältigenden Not nur ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Friedrich Siegmund-Schultze begeisterte die junge Gutsfrau für die Idee, in großem Stil Erholungsreisen für Kinder zu organisieren. Einerseits übernahm sie gerne diese Aufgaben, andererseits war sie aber auch unsicher, ob sie dieser großen Verantwortung gewachsen war. Zaghaft schrieb sie dem Pfarrer: „Mit der Kinderlandverschickung wurde ich immer mutloser, besonders immer unsicherer, ob es recht sei, diese erweiterte Organisation zu planen! Aber nun sehe ich doch, dass Gott helfen will. … Ich werde versuchen, mich recht in die Arbeit hineinzugraben.“ Das Projekt wurde tatsächlich immer erfolgreicher. Bald konnten unzählige hungernde Kinder nach Holland, Dänemark und Norwegen reisen, wo sie wieder ganz neu zu Kräften kamen. Allein nach Holland fuhren in jenen Jahren weit über 100.000 Kinder zur Erholung. Elisabeth organisierte das Projekt mit viel Engagement, schrieb unzählige Briefe, warb für die Kinderlandverschickung, betreute Menschen, hielt Kontakte nach Dänemark und Holland. Aber auch nach Trieglaff wurden weiterhin viele Ferienkinder eingeladen, die begeistert die Bewegungsfreiheit und die vielen Angebote des Landlebens genossen. Friedrich Siegmund-Schultze und seine Frau Maria wurden zu gern gesehenen Gästen auf Gut Trieglaff. Dort fanden sie Erholung und schöpften wieder neue Kraft für ihre Aufgaben in Berlin. Elisabeth genoss die Freundschaft mit dem Pfarrerehepaar. Sie sollte für ihr Leben in späteren Jahren eine wichtige Bedeutung erlangen. In den Jahren 1918, 1919 und 1920 organisierte sie gemeinsam mit ihrem Vater die Trieglaffer Konferenzen. Dazu wurden verschiedene Persönlichkeiten eingeladen, um gesellschaftspolitische und theologische Themen zu diskutieren. Zur ersten Trieglaffer Konferenz in dieser neuen Form (die Trieglaffer Konferenzen gab es bereits seit 1829, jedoch waren sie zunächst stark auf Glaubensfragen konzentriert) schrieb Adolf von Thadden-Trieglaff in seiner Einladung: „. Wenn es auch eine große Kühnheit ist, im Kriege eine größere Anzahl Männer einzuladen, weil Betten und Nahrungsmittel nicht unbeschränkt zur Verfügung stehen, möchte ich, eben gerade weil es Krieg ist, mich in das Unternehmen stürzen, gestützt auf die Unternehmungslust meiner Tochter, die ja einen großen Teil der Last zu tragen haben wird.“ Etwa 70 Personen nahmen an der Konferenz teil und waren auf Trieglaff und den umliegenden Gütern unterzubringen. Die unterschiedlichsten Personen waren bei den Konferenzen vertreten: Sozialarbeiterinnen, Theologen, Juristen, Politiker verschiedener Richtungen, Frauenrechtlerinnen und Wissenschaftler. Genauso vielfältig waren die Themen, mit denen man sich beschäftigte: Es ging unter anderem um „Stadt und Land“, „Volkshaus in Berlin“, „Jesu Forderung an uns“. 1920 änderte sich plötzlich die Situation auf Gut Trieglaff auf unerwartete Weise. Die 25-jährige Barbara Blank, Lehrerin und Freundin der jüngeren Töchter, verbrachte einige Wochen zur Erholung dort und half bei der Organisation der Trieglaffer Konferenz. Der Kontakt zwischen Barbara Blank und Adolf von Trieglaff wurde enger. Bereits im Sommer verlobte er sich mit der jungen Frau. Diese neue Situation war für Elisabeth von Thadden nicht leicht. Nun war plötzlich kein Platz mehr für sie auf Gut Trieglaff. Sie schrieb an das Ehepaar Siegmund-Schultze: „Vater hat sich mit Bärbchen Blank verlobt. Ich kann mich schon mit ihm über sein großes Glück freuen in Anbetracht meiner eigenen Unzulänglichkeit in dieser Beziehung. Aber alles andere zu denken ist so schwer, dass man kaum wagt daran zu rühren. Ewigkeit, in die Zeit leuchte hell herein, dass uns werde klein das Kleine und das Große groß erscheine. Und schließlich ist ja Heimat, Familie, Arbeit, Tradition nur Diesseitigkeit. Und ,wenn uns die Form zu Scherben geschlagen wird‘, dann bleibt uns doch das Beste. Aber man wird frieren ohne diese Form, ohne das Trieglaffkleid!.“ Elisabeth von Thaddens jüngere Schwester Ehrengard schrieb in ihren Erinnerungen über die Verlobung des Vaters mit Barbara Blank: „Für meine Schwester war dieses Ereignis natürlich ein furchtbarer Schlag … Das Bittere für sie war, dass sie ihm (dem Vater) ihre besten Jugendjahre gegeben hatte, ohne an eine eigenen Ausbildung denken zu können, und dass sie nun, von einem Tag zum andern, aus der Heimat herausmusste, während eine junge Frau ihren Platz einnahm, die aus kleinen städtischen Kreisen des Westens sozusagen hineinschneite. Es hat Jahre gedauert, bis sie diesen Schlag überwunden hatte, und Jahrzehnte, bis der Bruch in unserer Familie geheilt war.“ Früher als geplant musste sich Elisabeth nun mit 30 Jahren nach einer neuen Arbeit umsehen. Die Vielzahl der Aufgaben auf dem Gut hatte ihr keinen Raum für eine Berufsausbildung gelassen, jedoch viele Erfahrungen im sozialen und organisatorischen Bereich gebracht. Diese Fähigkeiten wollte sie nutzen. Sie wandte sich an Pfarrer Siegmund-Schultze: „Am 1. Januar könnte ich bei Euch anfangen. Ende September wird geheiratet, dann richte ich alles ein, bis sie wiederkommen Mitte Oktober … Brauche meine Sprachkenntnisse, meine Erfahrungen im Umgang mit Menschen, mein Organisationstalent und glaube, dass ich in dieser Zeit noch für Jahre zugelernt habe.“ Elisabeth, die ja schon seit Jahren von der Arbeit des Pfarrers beeindruckt war, freute sich darauf, sich nun an dieser Stelle engagieren zu können. Allerdings musste die finanzielle Situation geklärt werden, denn von Gut Trieglaff erwartete sie keine Unterstützung. „Gehalt muss ich haben“, schrieb sie, „um ganz unabhängig in Berlin leben zu können und nicht gehemmt zu sein in der Hingabe an die große Sache.“ Das Engagement im Projekt von Friedrich Siegmund-Schultze lag überwiegend in den Händen eines ehrenamtlichen Teams. Um als bezahlte, hauptamtliche Angestellte beschäftigt zu werden, brauchte Elisabeth aber eine berufliche Qualifikation. Daher beschloss sie, zunächst die Soziale Frauenschule von Alice Salomon in Berlin-Schöneberg zu besuchen. Die Ausbildung dort dauerte drei Jahre. Die Schülerinnen mussten ihren Lebensunterhalt sowie Schulgeld bezahlen, daher schien dieser Weg für Elisabeth von Thadden zunächst nicht möglich. Da jedoch in der Nachkriegszeit der Bedarf an Wohlfahrtspflegerinnen sehr hoch war, wurden für Frauen mit entsprechenden Vorkenntnissen und Erfahrungen in sozialen Bereichen Übergangskurse angeboten. So konnte Elisabeth nach einem solchen Schnellkurs die Prüfung als staatlich anerkannte Sozialfürsorgerin ablegen. Diese Monate in Berlin, wo Elisabeth eine weit verzweigte Verwandtschaft und Bekanntschaft vorfand, halfen über die ersten Monate fern von Trieglaff hinweg. Kontakte mit vielen interessanten Persönlichkeiten bereicherten ihr Leben. Zu ihrem Bekanntenkreis gehörten die Politikerin Elly Heuss-Knapp, der Theologe Adolf von Harnack, Anna von Gierke, die eine sozialpädagogische Schule leitete, sowie Marie Baum, die Referentin für Wohlfahrtspflege im badischen Innenministerium war. Letztere vermittelte Elisabeth nach ihrer Ausbildung zunächst eine Stelle als evangelische Erziehungsleiterin im Kinderdorf Heuberg auf der Schwäbischen Alb, einer Kindererholungsstätte mit 3000 Betten. 1924 übernahm Elisabeth dort die Aufgabe der Wirtschaftsleiterin. Das Kinderdorf Heuberg war jedoch nur im Sommer belegt. Die Wintermonate verbrachte sie daher in Berlin. Während dieser Zeit sammelte sie Spenden, damit die Heubergkinder ordentliche Kleidung erhalten konnten. Außerdem half sie Pfarrer Siegmund-Schultze bei der Essensausgabe in den Elendsvierteln. Ihr Vater, Adolf von Thadden, spendete regelmäßig Nahrungsmittel für das Projekt. Elisabeth von Thadden besuchte immer wieder ihre alte Heimat auf Gut Trieglaff. Diese Besuche beinhalteten sicher stets auch schmerzliche Erfahrungen. Nun war sie auf dem Gut, wo sie einst Kind und später Gutsherrin gewesen war, plötzlich nur noch Gast. Tapfer versuchte sie, diese Gratwanderung zu meistern. Sie schrieb: „Darum soll jetzt wirklich alles schweigen, was vielleicht gerechter Wunsch und berechtigtes Sehnen ist. Wir wollen nicht fordern vom Vater, wenn wir nicht zu geben bereit sind … Wenn ich wieder nach Trieglaff gehe, will ich ganz des Vaters freundliches Leben mit leben.“ Der Wechsel zwischen der Arbeit auf dem Heuberg im Sommer und der Zeit in Berlin im Winter empfand Elisabeth auf Dauer als unbefriedigend. Sie träumte davon, selbständig zu arbeiten und zu prägen, ein eigenes Projekt zu entwickeln. Ihr Wunsch, ein eigenes Internat zu gründen, nahm immer mehr Gestalt an. Bereits 1922 schrieb sie: „Der Heuberg will mich für nächstes Jahr wieder haben. Ich habe mich auch mehr und mehr für die große Sache ins Zeug gelegt. sodass es ganz schwer werden wird, davon wieder loszukommen, nicht zuletzt von den feinen Mitarbeitern in der Anstaltsleitung. Aber einmal muss der Zeitpunkt doch kommen für Bodenständigeres, das meiner Herkunft, Lebensführung und Gedankenrichtung mehr entspricht! – nicht wie ein Wanderer zwischen zwei deutschen Welten.“ Eines Tages war sie mit einer Kindergruppe vom Heuberg unterwegs zum Bodensee auf die Insel Mainau. Sie verbrachten einen herrlichen Tag auf der Insel. Die Gruppe verpasste jedoch das Schiff, das sie zurück nach Meersburg bringen sollte. Während die Kinder sich weiter am See vergnügten, erkundigte sich Elisabeth bei einem vorübergehenden Herrn nach einer Möglichkeit, zurück zum Heuberg zu kommen. Es entwickelte sich ein interessantes Gespräch über soziale, politische und auch persönliche Themen. Als Elisabeth erzählte, dass sie gerne den Heuberg verlassen würde, lud sie ihr Gesprächspartner nach Salem ein, um die dortige Schule zu besichtigen. Bei dem freundlichen Herrn handelte es sich um Prinz Max von Baden, den Gründer der Internatsschule Salem. Gerne nahm Elisabeth die Einladung an und wechselte 1925 an den Bodensee nach Salem. Dort kam sie in Verbindung mit der Reformpädagogik des damaligen Schulleiters Kurt Hahn. Hier standen körperliche und charakterliche Entwicklung gleichwertig neben wissenschaftlicher Bildung. Auch die Erziehung zur Verantwortung war ein wichtiger Aspekt. So gehörten zum Schulleben neben dem Unterricht regelmäßige sportliche Betätigung, Reisen, Expeditionen, künstlerische und wissenschaftliche Projekte, aber auch Pflichten im Bereich der Berg- und Seenotrettung. Dies alles beeindruckte Elisabeth von Thadden sehr. Es gab jedoch auch Bereiche, in denen sie mit Kurt Hahn nicht einig war. So befürchtete sie, dass bei der Koedukation Frauen benachteiligt würden. Außerdem war für den Schulleiter das Christentum nur eine sinnvolle Religion unter mehreren, während für Elisabeth ihr Glaube den Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens darstellte. Ihr Suchen und Fragen nach ihrem weiteren Lebensweg legte sie daher in Gottes Hände. Sie schrieb: „Wenn sich dies alles klar und deutlich erwiesen hat, dann bestimmt gehe ich von hier fort. Der Moment kommt ganz bestimmt, ich muss es Gottes Führung überlassen, ihn richtig zu erkennen und im rechten Geist zu erfassen.“ Am 1. April 1926 verließ Elisabeth von Thadden Salem. Das Jahr dort war ein weiterer Schritt und eine gute Vorbereitung gewesen für die Erfüllung ihres Lebenstraums, der Gründung einer Internatsschule. Im Sommersemester 1926 besuchte sie an der Universität Heidelberg Vorlesungen in Psychologie, Geschichte und Theologie. Während dieser Zeit wohnte sie bei ihrer Schwester Ehrengard, die dort seit 1925 mit ihrem Mann lebte. Zu ihrer großen Freude fanden sich nach einigem Suchen geeignete Räumlichkeiten für die geplante Internatsschule. Nach dem Krieg berichtete Ehrengard über diese Zeit. „Nach einem kurz gemeinten Besuch in unserem kleinen Häuschen wurde ein Zusammenleben von einem Vierteljahr, währenddessen meine Schwester Umschau hielt nach einer eigenen Arbeit. Es war schließlich während ihrer Abwesenheit, dass mir das Schloss Wieblingen für sie angeboten wurde.“ Elisabeth von Thadden konnte das leer stehende Schloss pachten. Mutig ging sie das Projekt an. Als Anfangskapital hatte Elisabeth 3.000 Mark aus ihrem mütterlichen Erbe zur Verfügung. Gemeinsam mit ihrer Schwester hatte sie eine Summe von insgesamt 70.000 Mark errechnet, die im ersten Jahr zur Finanzierung der Pacht, für Anschaffungen und Gehälter benötigt wurde. Nach vielen Gesprächen erhielt sie die erforderlichen Darlehen und schloss 1926 einen Vorvertrag ab. Im Sommer 1927 begann der Schulbetrieb im „Evangelischen Landschulheim“. Sechzehn Schülerinnen hatten sich angemeldet. Sie waren in zwei Klassen, einer Frauenschulklasse und eine Gymnasialklasse, aufgeteilt. Im Schulprospekt von 1927 werden als Ziele der Schule genannt: „Erziehung zu klarem evangelischem Bewusstsein; Sichern der wissenschaftlichen Grundlagen als Vorbereitung auf spätere Frauenberufe; Ergänzung der abgeschlossenen Schulausbildung, Pflichttreue, Ordnung und Reinlichkeit.“ Elisabeth von Thadden betrachtete ihre Schule als Bildungsschule, die am evangelischen Glauben ausgerichtet war. Viele Ideen Kurt Hahns übernahm sie, entwickelte jedoch auch eigene Ziele. Zum Programm gehörten neben dem Unterricht kulturelle Unternehmungen wie Besichtigungen, Ausflüge, medizinische Vorträge und jährliche Auslandsreisen sowie verschiedene Feste. Morgendliche Andachten der Schulleiterin prägten den Tagesablauf. Mindestens einmal pro Woche lud die Schulleiterin zu „Gemeinsamen Abenden“ ein. Dann las sie vor, während die Schülerinnen Handarbeiten fertigten. Ehrengard beschrieb die Arbeit ihrer Schwester als Schulleiterin im Rückblick so: „Es zeigte sich nun, wie die schweren Jahre seit ihrer Trieglaffer Zeit an ihr gearbeitet hatten. Sie hatte verstanden, aus ihren Fehlern zu lernen. Sie wusste jetzt, dass es ihre wichtigste Aufgabe war, den jungen Menschen, die ihr anvertraut waren, vor allem eine warme Atmosphäre zu geben, dass sie sich zuallererst wohl fühlen mussten.“ Anlass für viele spannende und auch heitere Erlebnisse war Elisabeth von Thaddens Begeisterung für ihr Automobil. Autofahren war ihre Leidenschaft, die Beziehung zwischen Elisabeth und ihrem Fahrzeug war jedoch etwas zwiespältig. Häufig fuhr sie mit dem Auto los und kam mit der Straßenbahn nach Wieblingen zurück. Ihren hilfsbereiten Mitarbeiter Walter Staege bat sie dann, das Auto zurückzubringen, da der Motor streikte. Manches Mal gab es unliebsame Kollisionen zwischen Straßenbahn und ihrem Gefährt und Fräulein von Thadden musste Walter bitten: „Wenn Sie es für richtig halten, bringen Sie doch meine Kotflügelverbeulungen lieber zur Reparatur.“ Wenn sie mit der Bahn fuhr, gab es ebenfalls manche Überraschungen. So kam sie öfters in letzter Minute oder noch später zum Bahnhof. Manchmal schickte sie ihre Sekretärin voraus mit der Botschaft: „Fräulein von Thadden muss noch mit“, und der Zug wartete tatsächlich auf die Schulleiterin, die im Dorf voller Respekt behandelt wurde. Es kam sogar vor, dass die Schülerinnen bereits im Zug saßen, während Elisabeth von Thadden noch auf dem Bahnhof stand und wichtige Post ihrer Sekretärin unterschrieb. Der Schaffner rief „Alles einsteigen! Türen schließen!“ Doch die Schulleiterin stellte dann resolut ihren Fuß auf das Trittbrett und unterschrieb weiterhin die Post. Der Zug fuhr erst ab, wenn sie alles erledigt hatte und eingestiegen war. Ein Mitarbeiter der Schule schrieb später anerkennend: „Die erstaunliche Tatsache, dass ein Mensch mit so lächerlich offenkundigen Unzulänglichkeiten, wie sie sie hatte, doch eine so tiefgreifende, weit in das Leben der ihr Anbefohlenen hineinstrahlende Wirkung ausüben konnte, deren sie erst in Jahren der unaufhebbaren Nachwirkung innewurden, kennzeichnete Elisabeth von Thadden als geborenen Menschenerzieher. Selber ein Mensch, angreifbar an zahllosen Punkten, wirkte sie schlechthin durch ihr Sein!“ Ab 1928 entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen Elisabeth von Thadden, Anna von Gierke und Bianca Segantini, der Tochter des Malers Giovanni Segantini, die sie in Sils im Engadin kennen gelernt hatte. Häufige Besuche mit Anna von Gierke bei Bianca in Sils und gemeinsame Reisen verbanden die drei Frauen. Doch sollte die Freundschaft mit Bianca Segantini tragische Folgen haben. 1933, nach der nationalsozialistischen Machteroberung, stand Elisabeth von Thadden der neuen Regierung zunächst positiv gegenüber. Es kam in der Wieblinger Schule sogar zur Gründung einer BDM-Gruppe (Bund deutscher Mädel), dem weiblichen Zweig der Hitlerjugend. Schon bald erlebte Elisabeth jedoch die negativen Seiten des neuen Regimes. Einige ihrer Bekannten kamen bereits zu Beginn des Dritten Reiches in Bedrängnis. Alice Salomon, Friedrich Siegmund-Schultze und Kurt Hahn mussten Deutschland verlassen. Elisabeths Schule blieb jedoch in den ersten Jahren der Nazi-Diktatur unbehelligt. Sie hatte in prominenten Kreisen im In- und Ausland einen guten Ruf, was den Nationalsozialisten wichtig war. So wurde ihr sogar 1933 der Status der Gemeinnützigkeit zuerkannt, was eine Steuerermäßigung von 50 Prozent bedeutete. Die Schule wuchs ständig, sodass im Jahr 1938 bereits 128 Schülerinnen das Evangelische Landschulheim im Schloss Wieblingen besuchten. Im Lauf der Zeit ging Elisabeth von Thadden auf Distanz zum Nationalsozialismus. Zu deutlich kristallisierte sich die wahre Gesinnung des neuen Regimes heraus. Sie schloss sich ebenso wie ihr Bruder Reinold der Bekennenden Kirche an. Immer wieder versuchte sie, soweit möglich, verfolgten Juden zu helfen. So nahm sie jüdische Kinder in ihrer Schule auf, verringerte für manche den Pensionspreis und wirkte daran mit, Juden zur Flucht ins Ausland zu verhelfen. Auf die Reichspogromnacht reagierte sie entsetzt, konnte jedoch nicht öffentlich Stellung beziehen, um die Schule nicht zu gefährden. 1937 wurde ihr Bruder Reinold, der in der Bekennenden Kirche eine wichtige Funktion hatte, von der Gestapo für einige Wochen verhaftet. In der Folge sah Elisabeth von Thadden das Regime noch kritischer. Mit Kriegsbeginn 1939 wurde sich Elisabeth mehr und mehr der Gefahr für ihre Schülerinnen durch die grenznahe Lage Wieblingens zu Frankreich bewusst. Daher beschloss sie, die Schule nach Tutzing am Starnberger See zu verlegen. Der Umzug der gesamten Schule nach Bayern bedeutete einen immensen organisatorischen Aufwand. Elisabeth von Thadden berichtete: „Alle, mit denen wir hier in Berührung kamen, haben uns das schwierige Umsiedeln und Wiederaufbauen mit großem Verständnis und großer Hilfsbereitschaft so leicht wie möglich gemacht. Es war keine Kleinigkeit, mit Sack und Pack für hundert Menschen aus- und wieder einzuwandern. Es ging aber nicht anders. Zahllose Väter, Brüder oder Schwäger unserer Schülerinnen sind im Feld. Ich musste den Müttern die Sorge erleichtern zu helfen.“ Elisabeth berichtet weiter: „Unsere Schülerinnen waren bei Ausbruch des Krieges noch in den Ferien. Vierundachtzig Koffer mussten von uns gepackt werden – viele Bücher, Lehrmittel aller Art, z. B. das Epidiaskop, Turngeräte, Nähmaschinen, Geschirr, Wäsche, Bestecke, Bettzeug für alle Erwachsenen, Gartenprodukte in zahllosen Weckgläsern, Dosen und Eimern, 120 Zentner Äpfel vom Dilsberg, Koks, der Konzertflügel, ein Klavier, meine persönlichen Möbel und Bilder, um wenigstens ein heimatliches Wieblingen immer hier zu haben für unsere gemütlichen Abende. Eines kam zum anderen, bis schließlich sechs Waggons rollten. Und nun sind wir hier mit rund hundert Menschen – achtzig Schülerinnen und zwanzig Erwachsenen.“ Zusätzlich zum Internat in Tutzing gab es jedoch auch weiterhin eine Schule für externe Schülerinnen in Wieblingen. Diese erhielt im Februar 1940 die Anerkennung zu einer Oberschule für Mädchen. Doch sollten auch in Tutzing keine ruhigen Zeiten für Elisabeth von Thadden anbrechen. Durch die Denunziation einer Schülerin, deren Mutter NS-Frauenschaftsleiterin in Tutzing war, kam die Schulleiterin in das Visier des Kultusministeriums und der Gestapo. Schon in Wieblingen war sie aufgefallen, als sie sich unter anderem offen im Café mit jüdischen Bekannten getroffen hatte. Außerdem hatte sie mit ihren Schülerinnen den Gottesdienst von Pfarrer Maas besucht, einem Mitglied der Bekennenden Kirche, der bereits mehrmals verhaftet und verhört worden war. Möglicherweise boten Elisabeth von Thadden in Wieblingen ihr Ansehen und ihre Kontakte zu höchsten Kreisen nach Berlin einen gewissen Schutz vor dem Zugriff der Nationalsozialisten. In Bayern jedoch hatte sie diese Stellung nicht mehr. In Tutzing wurde sie argwöhnisch beobachte. Bald kam es zu Anfragen und Verhören. So wurde der Schulleiterin angelastet, dass sie bei der Siegesfeier nach dem Frankreichfeldzug einen Psalm gelesen habe und dass bei ihrem 50. Geburtstag auch jüdische Gäste eingeladen waren. Die Gestapo kontrollierte die Schule und reklamierte, dass kein offizielles Hitlerbild an der Wand hing – es war in Wieblingen zurückgeblieben. Schließlich entzog das Bayerische Kultusministerium am 26. Februar 1941 der Schule die Genehmigung zur gastweisen Unterbringung in Bayern. Elisabeth von Thadden kehrte mit ihren Schülerinnen nach Wieblingen zurück und versuchte dort noch einmal einen Neustart. Doch das Badische Kultusministerium war vom Bayerischen bereits über die Vorfälle in Tutzing informiert worden. Vergeblich setzte sich Elisabeth von Thadden für ihre Schule ein, mobilisierte Heidelbergs Oberbürgermeister und die Eltern ihrer Schülerinnen. Da auch andere Privatschulen verstaatlicht wurden, hatte die Wieblinger Schule keine Chance, in der bisherigen Form weiterzubestehen. Am 14. Mai 1941 wurde ihr die Führung des Landerziehungsheims untersagt, „da dieses Unterrichtsunternehmen keine ausreichende Gewähr für eine nationalsozialistisch ausgerichtete Erziehung der Jugend bietet“. Die Schule wurde nun verstaatlicht und unter neuer Leitung weitergeführt. Unter Tränen musste Elisabeth von Thadden ihren Platz mit Beginn der Sommerferien. räumen. Ihre Schwester Ehrengard schreibt über den Abschied von Wieblingen: „Als wir damals am letzten Tag der alten Schule noch einmal alle in die Wieblinger Schlosskapelle zogen, wurde, da kein Pfarrer zugegen sein konnte, der Bibeltext verlesen aus Joh. 15 und 16. Die letzten Worte lauteten: „Solches habe ich zu euch gesagt, dass ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Wieder, wie schon vor 20 Jahren, musste Elisabeth von Thadden Abschied nehmen von einem Ort, der ihr Heimat geworden war und den sie mit viel Tatkraft geprägt hatte. Nach einigen Kurwochen in Oberbayern, in denen sie versuchte, das Geschehene zu verarbeiten, zog sie nach Berlin. Im Haus von Anna von Gierke konnte Elisabeth von Thadden eine kleine Souterrainwohnung beziehen. Der Vorsitzende des Trägervereins der Wieblinger Schule hatte für sie ein Ruhestandsgehalt von 355 Reichsmark ausgehandelt, sodass sie eine gewisse finanzielle Absicherung hatte. Anna von Gierke führte ein offenes Haus. Jeden zweiten Mittwoch trafen sich dort etwa 40 bis 50 Menschen zum gemeinsamen Bibelstudium unter der Leitung von Pfarrer Dr. Jakobi. An den übrigen Mittwochabenden kamen bis zu 80 Gäste zu einem einfachen Abendessen und einem Vortrag über religiöse oder literarische Themen zusammen. Hier begegneten sich unter anderem die Theologen Helmut Gollwitzer und Martin Niemöller, der katholische Priester und Religionsphilosoph Romano Guardini sowie Theodor und Elly Heuss. Am Ende des Abends wurden Lebensmittelkarten für untergetauchte Juden gesammelt. In Berlin fand Elisabeth von Thadden auch Kontakt zum Leiter der überkonfessionellen Una-Sancta Bewegung, dem Priester Max Josef Metzger, der 1944 hingerichtet wurde. Auch zum Kreis der Diplomatenwitwe Hanna Solf, die jüdischen und anderen verfolgten Mitbürgern half, entwickelte sich ein guter Kontakt. Auf der Suche nach einer neuen Tätigkeit bemühte sich Elisabeth von Thadden um eine Mitarbeit in der Zentralverwaltung des Roten Kreuzes. Ihre Aufgabe dort war die Versorgung von Kriegsgefangenen und Internierten mit Lesematerial. Schließlich stellte man ihr die Leitung eines Soldatenheimes in Frankreich in Aussicht. Vorher sollte sie jedoch in einem solchen Heim in Meaux in Frankreich arbeiten. Immer wieder unternahm sie auch Reisen, las viel und versuchte das Kapitel „Wieblingen“ loszulassen und für sich abzuschließen. So schrieb sie einer Freundin ins Gästebuch: „Ergebung in das, was geschehen kann, Hoffnung und Vertrauen, dass nur dasjenige geschehen wird, was heilsam und gut ist, und Standhaftigkeit, wenn etwas Widerwärtiges einbricht, sind alles, was man dem Schicksal entgegenstellen kann (Wilhelm von Humboldt).“ Dass die Lage Elisabeth von Thaddens und ihrer Freunde immer riskanter wurde, hatte seinen Ursprung fatalerweise in ihrer Freundschaft zu Bianca Segantini. Elisabeth hatte Bianca das letzte Mal vor Ausbruch des Krieges in Sils besucht. Sie verabschiedeten sich mit dem Versprechen: „Wir bleiben in Verbindung.“ Immer wieder wurden Grüße und kurze Briefe ausgetauscht. Bianca hatte ein offenes Haus, in dem viele Familien zu Gast waren, unter anderem auch die Familie Reckzeh, die sie als ihre Freunde ansah, zu deren Sohn jedoch der Kontakt im Laufe der Zeit abgebrochen war. Dieser hatte Medizin studiert, zwischenzeitlich geheiratet und reiste im Sommer 1943 mit seiner Frau nach Sils. Der junge Mann gab vor, Bianca seine Ehefrau vorstellen zu wollen. Das Gespräch kam auf Elisabeth von Thadden. Bianca erlaubte dem Arzt, Elisabeth in Berlin von ihr zu grüßen. Auf seine Bitte hin schrieb sie eine Empfehlung an ihre Freundin: „Nimm dich dieses jungen Mannes an!“, nicht ahnend, dass Dr. Reckzeh ein Spitzel der SS war. Im September 1943 erhielt Elisabeth von Thadden Urlaub, da das Haus der inzwischen verstorbenen Anna von Gierke durch eine Bombe getroffen worden war. So reiste sie von Meaux nach Berlin, um dort nach dem Rechten zu sehen. Am 10. September 1943 feierte Anza, Elisabeths Schwester, ihren 50. Geburtstag. Aus diesem Anlass lud Elisabeth von Thadden einige Berliner Freunde zum Tee ein. Unter anderem befanden sich die Politikerin Hanna Solf, der Diplomat Otto Kiep, der ehemalige Staatssekretär Arthur Zarden und Legationsrat Hilger van Scherpenberg unter den Gästen. Auch Dr. Reckzeh, der aufgrund der überbrachten Grüße aus der Schweiz Zutritt zu diesem Kreis gefunden hatte, erschien. Vorherrschendes Gesprächsthema des Nachmittags war der Krieg und die schwindende Aussicht für Deutschland auf einen militärischen Sieg. Auch über Hilfsmaßnahmen nach Kriegsende wurde diskutiert. Nach nationalsozialistischem Verständnis erfüllte dies den Tatbestand des Hochverrats. Kiep sprach aus, was die anderen dachten: Deutschland konnte den Krieg militärisch nicht gewinnen. Um die Auslandskontakte der Gruppe aufzudecken, bot Reckzeh an diesem Nachmittag immer wieder an, Post in die Schweiz zu überbringen. Nach der Geburtstagsfeier leitete er die Informationen über den Verlauf der Gespräche umgehend an die Gestapo weiter. Als sich herumsprach, dass sich bei der Teegesellschaft ein Spitzel befunden hatte, war schnell klar, in welch prekärer Lage sich die Gäste befanden. Otto Kiep erklärte unumwunden: „Die geführten Gespräche waren absolut tödlich.“ Schockiert über das Geschehen reiste Elisabeth von Thadden zunächst nach Schloss Elmau in Oberbayern. Dort traf sie sich mit ihrer Freundin Elisabeth Wirth, um sich zu beraten. Sie fand auch die Gelegenheit, hier mit den Familien van Scherpenberg und Kiep zu reden. Dr. Reckzeh tauchte nochmals bei ihr auf, um ihr u. a. Grüße von Friedrich Siegmund-Schultze zu überbringen, der durch die Gestapo in die Schweiz abgeschoben worden war. Die prekäre Lage, in der sie sich befand, wurde Elisabeth dadurch nur umso bewusster. Freunde boten ihr an, sie in die sichere Schweiz zu bringen. Doch sie lehnte ab, denn sie fühlte sich schuldig an der sich anbahnenden Katastrophe, da sie Reckzeh in den Freundeskreis eingeführt hatte. Sie wollte sich dieser Verantwortung nicht entziehen. Im Oktober 1943 traf sie sich mit Inge van Scherpenberg in Elmau, um zu beratschlagen, was zu tun sei. Doch es schien keine Lösung zu geben. Frau van Scherpenberg bat Elisabeth von Thadden in diesen schwierigen Tagen, einige Sätze in ihr persönliches Freundschaftsbuch zu schreiben. Die Worte, die Elisabeth schrieb, lassen erahnen, wie unsicher und schwierig sie ihre eigene Situation einschätzte.

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