Sag niemals stirb: Kriminalroman

Sag niemals stirb: Kriminalroman

by Tess Gerritsen, Rainer Nolden

NOOK Book(eBook)

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Overview

Zwanzig Jahre sind vergangen, seit ihr Vater mit seinem Flugzeug abgestürzt ist: Wilone "Willy" Maitland reist nach Vietnam, um seinem Schicksal auf den Grund zu gehen. Dort trifft sie auf Guy Barnard, einen ortskundigen Paläontologen, der ihr seine Hilfe anbietet. Er erzählt ihr von einem berüchtigten US-Piloten, den man nur unter Friar Tuck kannte - und der für den Feind geflogen ist. War ihr Vater etwa ein Verräter? Schnell erfährt Willy, dass dunkle Mächte auch vor Mord nicht zurückschrecken, damit diese Frage unbeantwortet bleibt … »Tess Gerritsen ist eine der besten in ihrem Metier.« USA Today

Product Details

ISBN-13: 9783959677530
Publisher: HarperCollins Publishers
Publication date: 04/03/2018
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 304
File size: 2 MB

About the Author

Tess Gerritsen studierte Medizin und arbeitete mehrere Jahre als Ärztin, bis sie für sich das Schreiben von Romantic- und Medical-Thrillern entdeckte. Die Kombination von fesselnden Stories und fundierten medizinischen Kenntnissen brachte ihr den internationalen Durchbruch. Die Bestseller-Autorin lebt mit ihrem Mann in Maine.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

20 Jahre später Bangkok, Thailand

Auf General Joe Kistners Stirn zeigte sich kein einziger Schweißtropfen, was Willy Jane Maitland in Erstaunen versetzte. Denn sie selbst schwitzte, obwohl sie nur hauchdünne Baumwollunterwäsche, eine ärmellose Bluse und einen Leinenrock trug, der ziemlich zerknittert war. Dabei sah Kistner aus wie ein Mann, der bei solchen Temperaturen eigentlich schweißüberströmt sein sollte. Sein Gesicht war stark gerötet, er hatte Hängebacken, eine von roten Adern durchzogene Nase und einen Hals, der so dick war, dass er den steifen Kragen seiner Uniform zu sprengen drohte. Jeder Zoll der draufgängerische, unverkennbare alte Haudegen, dachte sie. Bis auf die Augen. Sie sind unsicher. Ausweichend.

Diese Augen, ein kaltes Blassblau, schauten jetzt über die Veranda. In der Ferne schienen die üppig bewachsenen Thai-Berge in der Nachmittagshitze zu dampfen. »Das ist doch vergebene Mühe, Miss Maitland«, sagte er. »Es ist immerhin schon zwanzig Jahre her. Sie glauben doch auch nicht, dass Ihr Vater noch am Leben ist.«

»Meine Mutter hat das niemals akzeptiert. Sie braucht einen Toten, den sie bestatten kann, General.«

Kistner seufzte. »Natürlich. Die Ehefrauen. Es sind immer die Ehefrauen. Bei so vielen Witwen vergisst man leicht ...«

»Sie hat es nicht vergessen.«

»Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen kann. Was ich Ihnen sagen sollte.« Er drehte sich zu ihr um und heftete den Blick seiner blassblauen Augen auf ihr Gesicht. »Und mal ehrlich, Miss Maitland: Wozu sollte das gut sein? Bis auf die Tatsache, dass Ihre Neugier befriedigt wird.«

Seine Bemerkung ärgerte sie. Es ließ ihren Auftrag unwichtig erscheinen, und es gab nur wenig, das Willy so sehr in Rage versetzte wie das Gefühl vermittelt zu bekommen, unbedeutend zu sein. Vor allem von einem aufgeblasenen, kurzgeschorenen Kriegstreiber. Dienstgrade beeindruckten sie nicht im Geringsten – erst recht nicht, nachdem sie in den vergangenen Monaten mit so vielen steifbeinigen Militärs geredet hatte. Sie hatten alle ihr Mitgefühl bekundet und ihr mitgeteilt, dass sie ihr nicht helfen könnten und all ihre Fragen zurückgewiesen. Aber Willy war keine Frau, die sich so leicht abwimmeln ließ. Sie würde so lange an dieser Mauer aus Schweigen kratzen, bis sie Antworten bekam – selbst auf das Risiko hin, unsanft hinausgeworfen zu werden.

Und in letzter Zeit hatte man sie aus vielen Büros hinausgeworfen. Das war jedenfalls ihr Eindruck.

»Das ist ein Fall für die Vermisstenabteilung«, sagte Kistner jetzt. »An die sollten Sie sich wenden ...«

»Sie haben mir schon gesagt, dass sie mir nicht helfen können.«

»Ich kann es auch nicht.«

»Wir wissen beide, dass Sie es können.«

Ein Schweigen entstand, ehe er leise fragte: »Wirklich?«

Sie beugte sich ein wenig vor, fest entschlossen, ihren Vorteil zu nutzen. »Ich habe meine Hausaufgaben gemacht, General. Ich habe Briefe geschrieben, mit Dutzenden von Leuten gesprochen – praktisch mit jedem, der etwas mit diesem letzten Auftrag zu tun hatte. Und wann immer ich Laos oder Flug Nummer 5078 von Air America erwähnt habe, fiel Ihr Name.«

Er lächelte flüchtig. »Wie schön, dass man sich an mich erinnert.«

»Man hat mir erzählt, dass Sie Militärattaché in Vientiane waren und dass Ihre Dienststelle den letzten Flug meines Vaters in Auftrag gegeben hat. Und dass Sie persönlich den Befehl dazu gegeben haben.«

»Woher haben Sie denn dieses Gerücht?«

»Von meinen Kontaktleuten bei Air America. Dads ehemalige Kameraden. Ich würde sie durchaus als verlässliche Informationsquelle bezeichnen.«

Kistner schwieg eine Weile. Dabei studierte er sie so gründlich, wie er vermutlich auch einen Schlachtplan studieren würde. »Möglicherweise habe ich einen solchen Befehl gegeben«, entgegnete er.

»Soll das heißen, Sie erinnern sich nicht?«

»Das soll heißen, dass ich nicht darüber reden darf. Es handelt sich um geheime Informationen. Die Ereignisse von Laos sind ein äußerst heikles Thema.«

»Wir reden hier nicht über militärische Geheimnisse. Der Krieg ist seit fünfzehn Jahren vorbei.«

Ihre Aggressivität ließ Kistner überrascht schweigen. Sie verblüffte ihn umso mehr, als er sie von einer so zierlichen Person kaum erwartet hätte. Offenbar konnte Willy Maitland, die gerade einmal einen Meter fünfundfünfzig maß, genauso ruppig werden wie ein Marine von einem Meter neunzig, und sie scheute offenbar keinen Streit. Von dem Augenblick an, als sie seine Veranda betreten hatte, die Schultern entschlossen gestrafft, das Kinn angriffslustig vorgereckt, hatte er gewusst, dass mit dieser Frau nicht zu spaßen war. Sie erinnerte ihn an einen Ausspruch Eisenhowers: »Was zählt, ist nicht die Größe des Hundes im Kampf – es ist die Größe des Kampfes im Hund.« Drei Kriege – in Japan, Korea und Vietnam – hatten Kistner gelehrt, niemals einen Gegner zu unterschätzen.

Er beschloss, Wild Bill Maitlands Tochter auf keinen Fall zu unterschätzen.

Sein Blick schweifte von der großzügigen Veranda hinüber zu den leuchtend grünen Bergen. Ein Ara kreischte einen lauten Protest in seinem schmiedeeisernen Käfig.

Endlich sprach Kistner weiter. »Flug Nummer 5078 startete von Vientiane mit drei Besatzungsmitgliedern – Ihrem Vater, einem Frachthelfer und dem Kopiloten. Irgendwo auf der Route überflogen sie nordvietnamesisches Hoheitsgebiet. Wir vermuten, dass sie dort unter feindlichen Beschuss gerieten. Nur Luis Valdez, der Mann, der für die Fracht verantwortlich war, gelang der Ausstieg. Er wurde sofort von den Nordvietnamesen festgenommen. Ihren Vater hat man nicht gefunden.«

»Das heißt nicht, dass er tot ist. Valdez hat überlebt ...«

»Ich würde diese Art von Davonkommen nicht gerade als ›Überleben‹ bezeichnen.«

Beide schwiegen eine Weile in Erinnerung an den Mann, der fünf Jahre als Kriegsgefangener hatte überstehen müssen und als gebrochener Mann in die Zivilisation zurückgekehrt war. Luis Valdez war an einem Samstag zurückgekommen und hatte sich am darauffolgenden Sonntag erschossen.

»Sie haben etwas ausgelassen, General«, bohrte Willy weiter. »Ich habe gehört, dass es noch einen Passagier gegeben hat ...«

»Ach ja.« Kistner reagierte sofort. »Den hatte ich vergessen.«

»Wer war er?«

Kistner zuckte mit den Schultern. »Ein Laote. Sein Name spielt keine Rolle.«

»Arbeitete er für den Geheimdienst?«

»Diese Information ist vertraulich, Miss Maitland.« Er wandte den Blick ab, womit er ihr zu verstehen gab, dass er nicht vorhatte, auch nur ein weiteres Wort über den Laoten zu verlieren. »Nach dem Absturz des Flugzeugs haben wir eine Suche eingeleitet«, fuhr er fort. »Aber das Bodenfeuer war äußerst heftig. Und uns war klar: Sollte jemand überlebt haben, würde er sich in Feindeshand befinden.«

»Also haben Sie die Leute dort sich selbst überlassen.«

»Wir halten nichts davon, Menschenleben aufs Spiel zu setzen, Miss Maitland. Doch genau das hätten wir mit einer Rettungsaktion getan. Wir hätten die Lebenden den Toten geopfert.«

Sie verstand seine Beweggründe. Er war ein militärischer Taktiker, der keine Zeit mit Sentimentalitäten verschwendete. Selbst jetzt saß er kerzengerade in seinem Stuhl, während er gelassen die grünen Hügel rund um seine Villa betrachtete, als sei er noch immer und bis in alle Ewigkeit auf der Suche nach einem Gegner.

»Wir haben die Absturzstelle nie gefunden«, fuhr er fort. »Dieser Dschungel kann alles verschlucken. Über den Tälern hängen Nebel und Rauch. Die Bäume stehen so dicht, dass noch nie Tageslicht den Boden erreicht hat. Aber Sie werden es ja selbst bald sehen. Wann fahren Sie nach Saigon?«

»Morgen früh.«

»Und die Vietnamesen haben sich bereiterklärt, mit Ihnen über die Angelegenheit zu reden?«

»Ich habe ihnen den Grund für meinen Besuch nicht mitgeteilt. Sonst hätte ich möglicherweise kein Visum bekommen.«

»Ein kluger Schachzug. Die Vietnamesen mögen Konflikte nicht besonders gern. Was haben Sie ihnen denn erzählt?«

Sie schmunzelte. »Dass ich eine ganz normale Touristin bin, die auf eigene Faust unterwegs ist und sechs Städte in zwei Wochen besichtigen will.«

»So muss man das in Asien machen. Nur nicht mit der Tür ins Haus fallen. Immer um den heißen Brei reden.« Er schaute auf seine Uhr, um ihr zu verstehen zu geben, dass das Gespräch beendet war.

Sie erhoben sich gleichzeitig. Während er ihr die Hand schüttelte, musterte er sie mit einem abschätzenden Blick. Sein Griff war fest und entschlossen – genau wie man es von einem altgedienten Soldaten erwarten konnte.

»Viel Glück, Miss Maitland«, sagte er und nickte zum Abschied. »Ich hoffe, Sie finden, wonach Sie suchen.«

Er wandte sich um und schaute erneut zu den Bergen hinüber. In diesem Moment bemerkte sie zum ersten Mal die Schweißtropfen auf seiner Stirn. Sie glänzten wie kleine Diamanten.

General Kistner schaute der Frau hinterher, die von einem Diener zurück ins Haus geführt wurde. Kistner fühlte sich unbehaglich. An Wild Bill Maitland erinnerte er sich nur zu gut. Seine Tochter war ihm sehr ähnlich. Es würde Ärger geben.

Er ging zum Teetisch und griff nach einer silbernen Glocke. Ihr Läuten hallte über die Veranda, und Sekunden später tauchte Kistners Sekretär auf.

»Ist Mr. Barnard schon eingetroffen?«, fragte Kistner.

»Er wartet bereits seit einer halben Stunde«, antwortete der Mann.

»Und Miss Maitlands Fahrer?«

»Ich habe ihn fortgeschickt, wie Sie angeordnet haben.«

»Gut.« Kistner nickte. »Sehr gut.«

»Soll ich Mr. Barnard hereinbitten?«

»Nein. Sagen Sie ihm, dass ich meine Termine gestrichen haben. Und die für morgen geplanten ebenfalls.«

Der Sekretär runzelte die Stirn. »Er wird ziemlich verärgert sein.«

»Das kann ich mir vorstellen«, erwiderte Kister, drehte sich um und ging zu seinem Büro. »Aber das ist sein Problem.«

Ein thailändischer Diener in gestärkter weißer Jacke begleitete Willy durch einen kathedralenhaften Saal in den Empfangsraum. Ihre Schritte hallten von den Wänden wider. Schließlich blieb er stehen und sah sie mit einem höflichen Blick an. »Soll ich Ihnen einen Wagen bestellen?«, fragte er.

»Nein, vielen Dank. Mein Fahrer bringt mich zurück.«

Der Diener sah verwirrt aus. »Aber Ihr Fahrer ist bereits vor einiger Zeit weggefahren.«

»Unmöglich.« Verärgert schaute sie aus dem Fenster. »Er sollte doch auf mich warten ...«

»Vielleicht hat er im Schatten der Bäume geparkt. Ich schaue mal nach.«

Durch die deckenhohen Terrassenfenster sah Willy dem Diener hinterher, der mit eleganten Schritten die Stufen zur Straße hinunterlief. Das Anwesen war weitläufig und reich bepflanzt. In diesem Pflanzendickicht ließ sich ein Wagen gut verstecken. Hinter der Zufahrt schnitt ein Gärtner eine Jasminhecke. Ein mit Kies säuberlich bedeckter Weg führte quer über den Rasen zu einem von Bäumen beschatteten Blumengarten mit steinernen Bänken. In der Ferne schwebte ein märchenhaft blauer Schleier über Bangkok.

Ein Räuspern erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie drehte sich um und bemerkte erst jetzt den Mann, der in der entgegengesetzten Ecke des Empfangsraumes stand. Er nickte ihr kurz zu, womit er ihr klarmachte, dass er ihre Gegenwart zur Kenntnis nahm. Sie sah ein schiefes Grinsen und eine braune Locke, die ihm in die gebräunte Stirn gefallen war. Dann widmete er sich wieder dem antiken Wandteppich.

Seltsam. Er sah nicht aus wie ein Mann, der sich für mottenzerfressene Stickereien interessierte. Auf dem Rücken seines Khaki-Hemdes zeichnete sich ein Schweißfleck ab, und die Ärmel hatte er lässig bis über die Ellbogen hochgekrempelt. Seine Hosen sahen aus, als hätte er wochenlang in ihnen geschlafen. Eine Aktentasche mit der Aufschrift U.S.-Armeelabor stand zu seinen Füßen, aber er wirkte auf Willy nicht wie ein Soldat. Seine ganze Erscheinung wirkte alles andere als diszipliniert. Sie konnte sich ihn eher in einer Bar vorstellen, lässig über die Theke gebeugt, anstatt in General Kistners marmorgefliestem Empfangsraum herumzuhängen.

»Miss Maitland?«

Der Diener war zurückgekehrt und schüttelte bedauernd den Kopf. »Das muss ein Missverständnis sein. Der Gärtner sagte mir, dass Ihr Fahrer in die Stadt zurückgekehrt ist.«

»O nein.« Ratlos blickte sie aus dem Fenster. »Wie komme ich denn jetzt zurück nach Bangkok?«

»Vielleicht kann der Fahrer von General Kistner Sie zurückbringen? Er ist gerade wegen einer Besorgung unterwegs, aber er müsste bald zurückkommen. Wenn Sie möchten, könnten Sie inzwischen den Garten besichtigen?«

»Ja. Ja, das wäre schön.«

Mit einem stolzen Lächeln öffnete der Diener die Tür. »Der Garten ist geradezu berühmt. General Kistners Sammlung von Lianen genießt einen ausgezeichneten Ruf. Sie finden sie am Ende des Weges in der Nähe des Karpfenteichs.«

Sie trat hinaus in die schwül-warme Luft des späten Nachmittags und schlenderte über den Kiesweg. Abgesehen vom regelmäßigen Schnipp-schnapp der Gartenschere war es absolut ruhig. Auf halbem Weg zu einer Baumgruppe hielt sie plötzlich inne und schaute zurück zum Haus.

Zunächst sah sie nur das Sonnenlicht, das von der Marmorfassade reflektiert wurde. Dann entdeckte sie die Silhouette eines Mannes, der an einem der Terrassenfenster im Erdgeschoss stand. Der Diener vielleicht?

Sie drehte sich und ging langsam weiter. Aber bei jedem Schritt war sie sich der Tatsache bewusst, dass sie von jemandem beobachtet wurde.

Guy Barnard stand am Terrassenfenster und betrachtete die Frau, die über den Rasen zum Garten lief. Ihm gefiel, wie das Sonnenlicht auf ihren kurz geschnittenen honigblonden Haaren zu tanzen schien. Er mochte auch die Art ihrer anmutig schwingenden Hüften, wenn sie sich bewegte. Geradezu generalsstabsmäßig nahm er sie von Kopf bis Fuß in Augenschein: die ärmellose Bluse, der etwas knitterige Rock, der leider viel zu lang war und das Wesentliche verdeckte. Eine schmale Taille. Niedliche Hüften. Schöne Waden. Nette Knöchel. Hübsche ...

Widerwillig schob er seine Gedanken beiseite. Das war kein guter Zeitpunkt für Ablenkungen. Dennoch konnte er sich einen letzten anerkennenden Blick auf die kleiner werdende Gestalt nicht verkneifen. Zugegeben, sie war ein bisschen dünn. Aber sie hatte fantastische Beine. Echt tolle Beine ...

Schritte hallten über den Marmorboden. Guy drehte sich um. Kistners Sekretär, ein glattrasierter Thai mit ernstem Gesicht, näherte sich ihm.

»Mr. Barnard?«, fragte der Sekretär. »Entschuldigen Sie bitte die Verzögerung. Aber eine dringende Angelegenheit ist dazwischengekommen.«

»Empfängt er mich jetzt?«

Der Sekretär druckste herum. »Ich fürchte ...«

»Ich warte bereits seit drei Uhr.«

»Ja, ich verstehe. Aber es gibt ein Problem. Es sieht so aus, als könne General Kistner die Verabredung mit Ihnen nicht einhalten.«

»Darf ich Sie daran erinnern, dass nicht ich es war, der um dieses Treffen gebeten hat? Sondern General Kistner.«

»Ja, aber ...«

»Ich habe meinen wirklich engen Terminplan extra seinetwegen umgestellt«, Guy übertrieb bewusst ein wenig, »und bin den ganzen Weg hierhergekommen, um ...« »Ich verstehe, aber ...«

»Dann verraten Sie mir wenigstens, warum er dieses Treffen veranstalten wollte.« »Das müssen Sie ihn selbst fragen.«

Bis jetzt hatte Guy seine Verärgerung im Zaum halten können. Jetzt richtete er sich zu voller Größe auf. Obwohl er kein besonders hochgewachsener Mann war, überragte er den Sekretär dennoch um einen Kopf. »Ist das die Art, mit der der General normalerweise seine Geschäfte tätigt?«

Der Sekretär zuckte nur mit den Schultern. »Es tut mir leid, Mr. Barnard. Diese Planänderung kommt in der Tat völlig überraschend ...« Er löste seinen Blick von Guy und konzentrierte sich auf etwas jenseits der Terrassenfenster.

Guy folgte seinem Blick und sah, was das Interesse des Mannes erregt hatte: die Frau mit dem honigblonden Haar.

Der Sekretär trat von einem Fuß auf den anderen – ein unmissverständlicher Hinweis darauf, dass er andere Aufgaben zu erledigen hatte. »Ich versichere Ihnen, Mr. Barnard, dass wir ein neues Treffen vereinbaren, wenn Sie in einigen Tagen anrufen«, versprach er ihm.

Guy griff nach seiner Aktentasche und ging zur Tür. »In ein paar Tagen bin ich in Saigon«, konterte er.

Ein ganzer Nachmittag verschwendet, überlegte er missmutig, während er die Eingangstreppe hinunterlief. Als er die leere Einfahrt erreichte, stieß er einen Fluch aus. Sein Wagen parkte fast hundert Meter entfernt im Schatten eines Flammenbaums. Der Fahrer war nirgendwo zu sehen. So, wie er Puapong kannte, flirtete er vermutlich mit der Tochter des Gärtners.

Frustriert schlenderte Guy zu seinem Wagen. Die Sonne brannte wie ein Grill, und der Kiesweg reflektierte die Hitze in sengenden Wellen. Nach der Hälfte der Strecke schaute er zufällig in den Garten und entdeckte die honigblonde Frau, die auf einer Steinbank saß. Sie wirkte deprimiert. Kein Wunder; die Fahrt zurück in die Stadt war lang, und wer weiß, wann ihr Fahrer auftauchen würde.

Was soll's, dachte er und ging zu ihr. Er konnte ein wenig Gesellschaft gebrauchen.

(Continues…)


Excerpted from "Sag niemals stirb"
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