Mein Leben als Sonntagskind

Mein Leben als Sonntagskind

by Judith Visser

NOOK BookAuflage (eBook - Auflage)

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Overview

»Eine ganz besonders mitreißende Geschichte. Judith Visser weiß genau, wie man den Leser verlockt und seine Neugier entfacht.« Hebban

Jasmijn ist ein ganz normales junges Mädchen. Kontaktfreudig und bei allen Mitschülern beliebt. Ein Sonntagskind, dem die Welt offensteht. Doch es gibt einen Haken: So ist sie nur in ihrem Tagebuch. Denn die wahre Jasmijn ist anders. Sie redet nicht. Nur mit ihrer Hündin Senta. Und mit Elvis Presley, mit dessen Postern sie ihr Zimmer tapeziert hat. Denn beide antworten nicht, und das ist gut. Dann muss Jasmijn sich nicht fragen, was gemeint ist. Oder überlegen, was sie antworten soll. Wie schaffen es andere Menschen bloß, dass sie immer wissen, wie sie sich verhalten sollen? Mit Senta und Elvis an ihrer Seite macht sich Jasmijn auf, dieses Geheimnis zu ergründen und ihr Glück zu finden.

Der Bestseller aus den Niederlanden: ein berührender Roman über das Erwachsenwerden mit Autismus

»Judith Visser trifft den Leser direkt ins Herz.« Noordhollands Dagblad

»In klarer, schnörkelloser Sprache gibt Visser Einblicke in eine autistische Welt, die so anders ist und verwirrend parallel existiert.« Neue Presse

 

Product Details

ISBN-13: 9783959678698
Publisher: HarperCollins Publishers
Publication date: 05/02/2019
Series: HarperCollins , #1
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 608
File size: 2 MB

About the Author

Judith Visser wurde in Rotterdam geboren. 2006 debütierte sie mit ihrem Roman »Tegengif«. Sie gewann zweimal den Preis »Beste Rotterdamse Boek«. Ihr jüngstes Buch, »Mein Leben als Sonntagskind«, stand auf Platz 5 der niederländischen Bestsellerliste und gewann den Hebban Literatuur Clubprijs 2018. Erst im Erwachsenenalter hat Judith Visser erfahren, dass sie am Asperger-Syndrom leidet. Dank ihrer Erfahrungen versteht sie es, die Gefühlswelt eines jungen autistischen Mädchens auf wunderbar einfühlsame Weise einzufangen.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Ich war vier, als ich zum ersten Mal aus der Schule weglief. Es war mein erster Tag an der Prinses Marijkeschool, und ich verstand nicht, warum meine Mutter mich hergebracht hatte. Noch nie war ich ohne sie oder ohne Senta irgendwo gewesen. Senta war meine beste Freundin. Sie war zwei Jahre jünger als ich, und für andere war sie ein Hund. Ihr eines Ohr stand hoch, das andere hing herab, und nachts schlief sie bei mir im Bett. Meine Mutter löste meine Finger aus Sentas dichtem, weichem Fell und sagte, Senta werde jetzt mit ihr nach Hause gehen.

»Und ich?«, fragte ich.

»Du bleibst ein Weilchen hier, das hab ich dir doch erklärt.«

Ich schüttelte heftig den Kopf. Meine Mutter hatte gesagt, wir würden in die Vorschule gehen, und ich hatte gedacht, das wäre etwas Ähnliches wie einkaufen zu gehen. Von Dableiben hatte niemand etwas gesagt!

»Lassen Sie mich das machen«, hörte ich eine unbekannte Stimme. Eine blonde Frau trat zu uns. Sie streckte die Hand aus, um Senta zu streicheln.

Senta und ich wichen zurück.

Die Frau ging vor mir in die Hocke. »Du bist Jasmijn, nicht wahr? Ein schöner Name. Ich bin Fräulein Marleen, und du bleibst erst mal bei mir. Mama holt dich dann in drei Stunden wieder ab.«

Ich drehte mich entschlossen um und lief mit Senta zum Ausgang.

»Nein, Jasmijn.« Die Frau fasste mich am Handgelenk. »Du musst schön dableiben. Die anderen Kinder kommen auch gleich. Es wird dir hier gefallen, du wirst sehen.«

Ich riss mich los. Ich würde doch nicht bei einer Frau bleiben, die ich gar nicht kannte!

Meine Mutter legte mir die Hand auf den Kopf. Sie hatte mir heute mit viel Geduld die Haare geflochten. Wenn eine Strähne in der Bürste hängen blieb, hatte ich nicht mal »Au« sagen müssen; sie hatte sie ganz vorsichtig wieder herausgezogen. Sie wusste immer, was in mir vorging, und deshalb würde sie mich ganz bestimmt nicht hier zurücklassen.

Die Frau sagte etwas zu ihr, so leise, dass ich es nicht verstand.

Meine Mutter nickte.

»Sieh mal, Jasmijn.« Die Frau zeigte in eine Ecke. »Das ist unsere Puppenecke. Schön, nicht wahr?«

Ich folgte ihrem Finger mit den Augen, wurde aber durch die kahlen Fenster abgelenkt, durch die gleißendes Sonnenlicht hereinfiel. Auch die Neonröhren an der Decke verbreiteten ein grelles Licht. Darunter standen Stühle im Kreis, und in der Ecke, die mir die Frau gezeigt hatte, lagen die Puppen wild durcheinander. Ein rothaariges Mädchen packte eine davon an den Haaren und schwenkte sie im Kreis herum.

Meine Mutter hatte gesagt, Colette würde auch hier sein, aber ich sah sie nirgends.

»Komm«, sagte die Frau, »du kannst mit Mathilde spielen.« Warum ließ sie mich nicht in Ruhe? Ich drehte mich um. Ich musste meiner Mutter klarmachen, dass wir jetzt wirklich gehen mussten. Aber wo sie eben noch mit Senta gestanden hatte, stand jetzt eine andere Mutter. Ein schreiender Junge hing an ihrem Arm. Ich trat einen Schritt zur Seite und schaute an ihnen vorbei. Dann sah ich in die andere Richtung und sperrte die Augen auf. Mama! Senta!

Die Frau nahm mich an der Hand und zog mich in die Puppenecke.

Senta! rief ich im Kopf. Senta!

Aber Senta kam nicht.

Das grelle Licht brannte mir in den Augen. Und überall waren Stimmen, so laut, als würden mir alle Kinder gleichzeitig in die Ohren schreien.

»Gib das her!«, rief ein Junge, der Ramon hieß.

»Nein!« Colette rannte weg. Sie hielt ein Feuerwehrauto hoch über den Kopf.

Ramon stürmte schreiend hinter ihr her.

»Fang mich doch, fang mich doch!« Colette machte kreischende Sirenengeräusche. Ihr schien es hier zu gefallen.

Ich setzte mich in der Puppenecke auf den Boden und hielt mir die Ohren zu. Der Boden dröhnte von Ramons Gestampfe. Sein roter Pulli – so rot wie Colettes Feuerwehrauto und Mathildes Wangen – blitzte mir in die Augen. Die ganze Welt war rot, und das Rot schlug mir gegen den Kopf. Bumbum-bum. Ich kniff die Augen zu. Auch die Ohren hielt ich mir immer noch zu, aber der Lärm rann durch meine Finger wie Sand. Jemand stieß mich gegen die Schulter und trampelte davon. Der Boden zitterte, und das Zittern kroch in meinen Körper. Meine Zähne klapperten.

Tatü-tata! Tatü-tata!

Gib her!

Fang mich doch!

Hahaha!

Ich zog die Knie an, drückte den Kopf dazwischen und hielt die Arme wie ein Dach darüber. Dann hob ich das Gesicht vorsichtig wieder und öffnete das linke Auge einen Spalt. Die hin und her hüpfenden Flecken waren jetzt nicht mehr nur rot, sondern auch lila. Blau. Grellgelb. Die Welt war ein Ausmalbild, und alle Felder explodierten. Peng-peng-peng!

Die Frau stand in einer Ecke. Ein Junge neben ihr schlug mit der Faust gegen einen Turm. Alle Klötzchen prasselten zu Boden, aber niemand schien den ohrenbetäubenden Lärm zu hören.

Niemand außer mir.

»Hab dich!«, brüllte Ramon auf der anderen Seite des Klassenzimmers.

Colette kreischte.

Ich bekam keine Luft mehr. Taumelnd rappelte ich mich hoch. Ich musste zu Senta. Nach Hause. Zu warmer Milch mit Honig. Zum Surren der Nähmaschine meiner Mutter.

Die Frau stand noch immer in derselben Ecke, mit dem Rücken zu mir.

Wieder presste ich die Hände auf die Ohren, und dann rannte ich, so schnell ich konnte, hinaus. Zwischen den fremden Jacken an der langen Hakenreihe im Flur suchte ich meine eigene heraus, dann lief ich mit großen Schritten zum Ausgang und drückte mit beiden Händen fest gegen die Glastür. Sie flog auf. Ich rannte über den Schulhof, am Sandkasten und der Grünfläche vorbei, weg von dem ganzen Radau.

Nie wieder würde ich in die Vorschule gehen.

Mein Magen knurrte. Zu Hause würden wir Brot mit Thunfischsalat essen, hatte meine Mutter gesagt. Ich lief in die Richtung, aus der wir heute Morgen gekommen waren. Jetzt waren da keine Mütter mit Kindern mehr, keine Fahrradklingeln, kein Reden und Lachen. Aber im Kopf hörte ich immer noch den Lärm, vor dem ich geflüchtet war. Ich lief schneller. Wenn ich Senta wiedersah, würden all die Geräusche verschwinden. Bei ihr ging es mir immer gut.

Aber ... Moment mal ...

Ich blieb stehen.

War das der richtige Weg? Alles war auf einmal so groß.

Langsam machte ich noch einen Schritt. Die Straße, in der wir wohnten, würde ich erkennen, das wusste ich. Geertruidenbergstraat hieß sie. Dort musste ich in die zweite Tür und dann vier Treppen hoch. Das Haus gegenüber sah genauso aus wie unseres, auch mit drei Stockwerken. Zwischen den beiden Häusern standen ein paar Bäume, und für Leute mit Auto gab es Parkplätze. Wir hatten kein Auto.

Ich machte noch einen Schritt und noch einen.

Meine Jacke hielt ich mit den Händen gegen die Winterkälte zusammen. Zuknöpfen konnte ich sie nicht, das machte immer meine Mutter. Manchmal schaute ich ihr dabei zu, aber ihre Finger bewegten sich so schnell, und wenn ich es selbst probierte, verhedderte ich mich. Ich blieb auf dem Bürgersteig; über die Straße durfte ich noch nicht allein.

Mein Bruder schon, der war acht.

Der scharfe Wind machte meine Finger rot und steif. Ein Auto fuhr vorbei. Der Mann hinterm Lenkrad drehte sich nach mir um. Ich hielt mir die Hände vors Gesicht, um mich unsichtbar zu machen. Wenn mich jemand anschaute, war es, als würden seine Augen mich berühren. Wieder dröhnte mir das Getöse der Vorschule in den Ohren. Ich ging schneller. Immer wenn ich an eine Querstraße kam, bog ich um die Ecke, sodass ich kein einziges Mal den Bürgersteig verlassen musste. Dann konnte mir niemand böse sein.

Den Springbrunnen links kannte ich. Hier fütterten Oma und ich doch immer die Enten! Und dort drüben kamen wir vorbei, wenn ich mit meiner Mutter einkaufen ging; der Bäcker am Plein gab mir dann immer einen Eierkeks, den ich mit Senta teilte.

Ich war ganz nahe an zu Hause!

Vor mir schob eine Frau einen ratternden Einkaufswagen über das Pflaster. Auf einer Bank saßen ein paar Opas und rauchten. Irgendwo bellte ein Hund, aber es war eher ein Kläffen, nicht Sentas Bellen. Das konnte es auch gar nicht sein, Senta war ja zu Hause. Und ich ...

Ich wusste nicht mehr, wie ich nach Hause finden sollte.

Ich blieb stehen. Was nun?

Nach dem Weg fragen ging nicht, mit Erwachsenen konnte ich nicht sprechen. Nur mit meinen Eltern und mit Opa und Oma, sonst mit niemandem. Manchmal war das schlimm, zum Beispiel, wenn der Bäcker hinter der Theke hervorkam und mir den Eierkeks gab. Dann hätte ich »Danke« sagen müssen, aber ich wusste nicht, wie ich meine Stimme aus dem Kopf herausbekommen sollte. Ich nahm dann den Eierkeks und lief schnell aus dem Laden.

»Sie ist ein bisschen schüchtern«, hatte meine Mutter gesagt, als ich wieder einmal hinausrannte.

Vor ein paar Tagen hatte sich der Bäcker zu mir herabgebeugt und gefragt: »Hast du vielleicht deine Zunge verschluckt?«

Senta hatte ihn angeknurrt. Sie wollte nicht, dass jemand sein Gesicht so nahe an meines brachte, sie wusste, dass ich dann keine Luft mehr bekam.

Ich hatte nicht auf die komische Frage reagiert.

Die Zunge konnte man doch gar nicht verschlucken, die war doch im Mund festgewachsen.

»So ist sie eben«, hatte meine Mutter noch gesagt. Das sagte sie immer, zu jedem. Meine Mutter machte sich keine Sorgen darüber, dass ich schwieg.

Ich ging weiter. Meine Zehen waren steif vor Kälte, aber ich blieb nicht stehen, denn direkt vor mir befand sich ein niedriges rotes Gebäude, das ich kannte. Bürgerhaus nannte es meine Mutter. Es hieß De Middelburgt, das wusste ich. Da trank sie manchmal Tee mit Colettes Mutter und ein paar anderen Müttern.

Vielleicht war sie jetzt auch dort!

Die Türen standen weit offen. Eine angenehme Wärme zog mich nach drinnen, in einen Saal, in dem Erwachsene an kleinen Tischen saßen. Sie hatten Spielkarten in den Händen. Blaue Rauchschwaden schwebten über ihren Köpfen. Alle redeten durcheinander, ein lautes Geschnatter, eine Vorschule voller Erwachsener. Ich sah mir jedes Gesicht und jeden Hinterkopf genau an, aber nirgends entdeckte ich die braunen Locken meiner Mutter.

Neben mir war ein langer Gang. Vielleicht würde der mich zu ihr bringen. Ich ging an einer Wand mit Bildern von Vögeln und Bergen entlang und kam wieder in einen Saal mit Tischen. Der Saal war leer.

Wo war meine Mutter?

Was, wenn ich nie wieder nach Hause fand?

Aus dem ersten Saal kam dröhnendes Erwachsenengelächter. Und ganz in meiner Nähe hörte ich Schritte. Ein dumpfes Geräusch, nicht das Klack-klack der Absätze meiner Mutter. Die Schritte kamen näher.

Hinter mir stand eine Tür einen Spalt offen.

Ich schlüpfte hinein.

Endlich war der Lärm der Vorschule in meinem Kopf verstummt. Hier würde ich bleiben, in der stillen Kabine, auf dem zugeklappten Deckel. Ich hatte die Tür verriegelt, und meine Füße baumelten über dem Steinboden. Ab und zu benutzte jemand die Toilette nebenan und ging dann wieder hinaus. An der Wand war ein Lichtschalter, den ich aber nicht anrührte. Die Dunkelheit war schön.

Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war, obwohl ich seit Kurzem die Uhr lesen konnte. Mein Bruder hatte es mir beigebracht. Er war gut mit Zahlen, ich nicht. Mit Buchstaben schon, die kannte ich alle. Ich konnte sogar schon lesen. Besser als Emiel.

Im Dunkeln formte ich Klopapierkügelchen. Ganz viele weiße Kügelchen. Unter der Tür war ein Lichtstreifen, sodass ich sie ein bisschen sehen konnte. Sie lagen überall. Auf meinem Rock, auf meiner Strumpfhose, auf dem Boden, in meinen Händen. Sie waren bei mir, ohne Lärm zu machen. Sie waren ganz still. Sie waren lieb.

Ich drückte sie an mein Gesicht. »Ihr seid meine Freunde«, sagte ich.

Dann schloss ich die Augen.

»Hallo?«

Ich rieb mir die Augen; meine Wimpern waren vom Schlaf verklebt.

»Hallo?«, tönte es noch einmal. Eine Frau. Sie klopfte an meine Tür.

Um mich herum war es dunkel. Ich saß auf etwas Hartem.

»Ist da jemand drin?«, rief die Frau.

Ah, jetzt wusste ich wieder, wo ich war. Ich sprang auf. Meine Freunde wirbelten zu Boden und senkten sich wie Schneeflocken um meine Füße. Mein Bauch fühlte sich leer an, wie Luft. Der Thunfischsalat wartete auf mich, aber ich konnte nicht weg, solange da eine Frau vor meiner Tür stand. Jemand, der Fragen stellte. Ich verharrte reglos, die Hand an der Türklinke.

»Alles in Ordnung da drin?« Ich klopfte an die Tür. Das hieß »Ja«. Jetzt konnte die Frau gehen.

»Haben Sie sich eingesperrt?«

Ich trat gegen die Tür. Die Frau musste weg. Ich musste raus, zurück zu dem Wasser mit den Enten, zurück in die Straße, in der die Vorschule war. Wahrscheinlich war es jetzt endlich Mittag, und meine Mutter und Senta warteten schon auf mich. Wir würden zusammen nach Hause gehen, und ich konnte meiner Mutter sagen, dass ich nie wieder in die Schule gehen würde.

Die Frau ging weg. Ich hörte, wie die große Tür auf- und zugemacht wurde.

Endlich war es wieder still.

Ich öffnete den Riegel, steckte den Kopf durch die Tür und kniff die Augen gegen die plötzliche Helligkeit zusammen. Niemand war zu sehen. Schnell trat ich aus der Kabine und ... »Jasmijn!« Tante Teun, Colettes Mutter, kam hereingestürzt und sah mich groß an. Sie hatte immer knallblaue Flecken über den Augen, als hätte sie sich verletzt. Lidschatten nannte sich das.

»Kind!«, rief sie.

Ich starrte sie an. Ich hatte ihre raue Stimme nicht erkannt, aber als ich jetzt ihr Gesicht sah, passte wieder alles. Wie oft hatte ich sie schreien hören: Nein, Colette, Pfoten weg, Colette! Gib mir mal meine Kippen, Colette!

»Ja, um Himmels willen, Kind, warst du die ganze Zeit da drin?« Tante Teun schüttelte den Kopf, als wäre das die Antwort auf ihre Frage.

Nur war es nicht die richtige Antwort.

Ich wollte zur Tür hinaus, kam aber nicht an ihrem dicken Körper vorbei.

Sie stemmte die Hände in die Seiten. »Weißt du überhaupt, dass deine Mutter schier durchdreht vor Angst? Sie sucht dich überall, und dein Vater ist extra von der Arbeit nach Hause gekommen. Sie haben sogar bei der Polizei angerufen. Alle sind in heller Aufregung!«

Ihr Gekreische klatschte gegen die gefliesten Wände. Ich hielt mir die Ohren zu.

»Weißt du, was«, sagte sie, »ich bring dich jetzt nach Hause. Deine Oma ist da, falls jemand anruft. Komm.«

Ich rührte mich nicht. Wovon redete sie?

»Komm, Kind.« Sie fasste mich am Arm. »O Gott, deine armen Eltern!«

Meine Mutter saß auf der Sofalehne. Ihre Wangen waren nass und verschmiert, ihre Unterlippe zitterte. Ihre Finger zupften an der schwarz glänzenden Spirale der Telefonschnur. Den grauen Hörer hatte sie am Ohr. So hatte ich sie noch nie gesehen. Ihr sonst so fröhliches Gesicht sah aus wie ein fleckiges Gemälde. »Ja, sie ist wieder da«, sagte sie ins Telefon. »Das mache ich, ja. Vielen Dank für Ihre Hilfe.«

Mein Vater sah mich kopfschüttelnd an. Emiel saß still neben meiner Mutter auf dem Sofa. Opa war nicht da, er radelte auf der Suche nach mir immer noch durch die Gegend. Auch meine Eltern hatten mit dem Rad nach mir gesucht, waren aber sofort zurückgefahren, als ihnen auf der Straße jemand sagte, Tante Teun habe mich gefunden.

Oma ging neben mir in die Hocke und sagte leise: »Ich hab gebetet, dass du wohlbehalten zurückkommst, Mijntje. Wir hatten solche Angst.«

Ich schluckte. »Alle sind böse auf mich.«

Aber warum? Ich hatte doch nur versucht, nach Hause zu kommen. Wo ich hingehörte. Und dann war ich eingeschlafen.

Oma strich mir den Pony zur Seite und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. »Papa und Mama waren in Sorge, weil sie dich lieb haben. Es ist schon fast Abend! Seit heute Morgen suchen dich alle, wir haben uns solche Sorgen gemacht. Verstehst du das?«

»Wo ist Senta?«, fragte ich. Senta war bestimmt nicht böse auf mich. Senta freute sich immer, wenn sie mich sah.

Meine Mutter legte den Hörer auf und wischte sich über die Augen. »Geh ruhig nach Hause«, sagte sie mit rauer Stimme zu Oma. »Ich ruf dich später noch mal an.«

Oma nickte und ging. Ihre Schritte entfernten sich, dann fiel die Haustür ins Schloss. Ich kletterte auf das Sofa am Fenster, um ihr nachzuwinken. Oma schaute immer noch mal hoch. Sie und Opa wohnten in der Gasse schräg um die Ecke, im letzten von sechs ebenerdigen kleinen Häusern.

»Jasmijn«, sagte meine Mutter, noch immer heiser.

Ich drückte meine Nase ans Fenster. Draußen wurde es schon dunkel. Omas kurze graue Locken sahen im Licht der Straßenlaternen silbern aus. Ich hob die Hand und ...

Mein Vater trug mich vom Fenster weg.

»Ich muss doch Oma nachwinken!«, sagte ich strampelnd.

»Jetzt nicht.« Er setzte mich aufs andere Sofa, neben Emiel. »Wir müssen reden, Jasmijn.«

Ich sah mich um. Der Aschenbecher auf dem Tisch war noch nie so voll gewesen. Zerknüllte Papiertaschentücher lagen daneben. »Wo ist Senta?«, fragte ich wieder.

»Weißt du, mit wem Mama eben telefoniert hat?«, fragte mein Vater.

»WO IST SENTA?«, brüllte ich.

»Die ist bei Opa«, sagte Emiel. »Sie hilft ihm suchen.«

»Aber ich bin doch hier!« Ich hatte Senta so vermisst! Tränen brannten mir in den Augen. Mittag war längst vorbei. Es gab kein Brot mit Thunfischsalat. Keine Milch.

(Continues…)


Excerpted from "Mein Leben als Sonntagskind"
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