Kobaltblaue Tage

Kobaltblaue Tage

by Irene Hannon

NOOK Book(eBook)

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Overview

Es passiert nicht alle Tage, dass sich ein Ex-Straftäter und eine Polizistin ineinander verlieben. Dennoch geschieht genau das, als Lexie Graham und Adam Stone sich dank der Einmischung des beliebten Tacoverkäufers von Hope Harbor näherkommen. Dabei hat Lexie mit der Erziehung ihres Sohnes und einer Serie von Straftaten in Hope Harbor eigentlich alle Hände voll zu tun. Und Adam steht der Sinn gerade überhaupt nicht danach, eine Frau kennenzulernen – schon gar keine Polizistin. Doch die Funken beginnen rasch zu sprühen, als Lexie Adam bittet, einem Jungen zu helfen, der eine Karriere als Kleinkrimineller einzuschlagen droht …

Product Details

ISBN-13: 9783963629532
Publisher: Verlag der Francke-Buchhandlung
Publication date: 01/01/2019
Sold by: CIANDO
Format: NOOK Book
Pages: 360
File size: 447 KB

About the Author

Irene Hannon studierte Psychologie und Journalistik. Sie kündigte ihren Job bei einem Weltunternehmen, um sich dem Schreiben zu widmen. In ihrer Freizeit spielt sie in Gemeindemusicals mit und unternimmt Reisen. Die Bestsellerautorin lebt mit ihrem Mann in Missouri.

Read an Excerpt

Kapitel 1 Nicht schon wieder! Adam Stone schlug die Tür seines klapprigen Kia zu, atmete tief aus und sah sich den Schaden an. Dieses Mal schien die rustikale Hütte, in der er wohnte, verschont geblieben zu sein. Aber er würde kräftig schleifen müssen, um die obszönen Schmierereien zu beseitigen, die an den kleinen Schuppen gesprüht worden waren, in dem sich seine Schreinerwerkstatt befand. Wenigstens hatten die Vandalen dieses Mal keine Fenster eingeschlagen. Aber wo war Clyde? Adam lief über die Schotterstraße und suchte die Bäume ab, die an mehreren Stellen den Blick auf den sauberen Oregon-Strand und das stürmische kobaltblaue Meer freigaben. »Clyde!« Keine Antwort. »Clyde! Komm zu mir, Junge! Alles ist wieder gut.« Schweigen. Er hörte nur das unverkennbare Trillern der Wasserläufer, denen diese Bucht ihren Namen verdankte. Er biss die Zähne zusammen. Mit mutwilliger Sachbeschädigung konnte er leben. Aber sollten diese Kerle seinem Hund … Aus Richtung der Werkstatt kam ein leises Wimmern und die Schwingtür bewegte sich leicht. Er hatte sie für den herrenlosen Hund eingebaut, den er bei sich aufgenommen hatte. Adam änderte rasch die Richtung, zog die Schlüssel zum Schuppen aus seiner Tasche und sprintete los. »Jetzt bin ich da, mein Junge. Warte!« Als er den Schlüssel ins Schloss steckte, zitterten seine Finger. Eigentlich war es verrückt, sich um einen Hund Sorgen zu machen, der nicht einmal so schlau gewesen war, einem fahrenden Auto aus dem Weg zu gehen. Wenn man für jemanden – oder für etwas – Gefühle entwickelte, machte man sich verwundbar. Er hatte schon genug Schmerz in seinem Leben erfahren und wollte sich eigentlich auf niemanden mehr einlassen. Aber er hatte das verletzte, wehrlose Tier, das er an jenem nebligen Tag am Straßenrand der Bundesstraße gefunden hatte, unmöglich liegen lassen können. Das Schloss klickte und er schob die Schuppentür auf. Aus der Ecke der Werkstatt steckte Clyde seine schwarze Schnauze hinter einem Holzstück hervor, hinter dem er sich verkrochen hatte. Wieder winselte er und seine großen braunen Augen waren angsterfüllt. Adam atmete erleichtert auf und seine Anspannung verflüchtigte sich. Clyde hatte Angst, aber er war unversehrt. Adam ging in die Hocke, hielt dem Hund die Hand hin und sprach mit sanfter Stimme: »Alles ist wieder gut, mein Junge. Komm zu mir.« Doch Clyde rührte sich keinen Millimeter vom Fleck. Kein Problem. Er konnte warten. Adam setzte sich mit überkreuzten Beinen auf die rauen Bodenbretter und wartete. Es machte keinen Sinn, jemanden zu drängen, der noch nicht bereit war, einem anderen zu vertrauen. Das konnte schlecht ausgehen. Auch wenn man es nur gut meinte. Die kleine weiße Narbe an seiner rechten Hand war ein sichtbarer Beweis dafür. Sie stammte von dem Abend, an dem Clyde eine freundliche Geste irrtümlich als Bedrohung verstanden hatte. Inzwischen dauerte es normalerweise nicht mehr so lange, bis der Mischlingshund aus seinem Versteck kam. Keine fünfzehn Sekunden später kroch Clyde heraus und hinkte langsam auf ihn zu. Das eine Bein von ihm war nach jenem Autounfall nicht mehr richtig zusammengewachsen. Als der Hund näher kam, unterdrückte Adam nur mühsam den Drang, die zittrige Fellmasse in seine tröstenden Arme zu schließen. Er blieb regungslos sitzen, bis ihn Clyde beschnuppert hatte, seine feuchte Schnauze in seine Handfläche legte und auf seinen Schoß krabbelte. Hier lag er dann mit seinen 21 Kilo. Erst jetzt wagte Adam es, dem Hund über das Fell zu streichen. »Niemand tut dir etwas, Kumpel. Alles ist gut.« Sein letztes Wort klang fast heiser. »Jetzt bin ich hier und bleibe da, bis ich morgen wieder zur Arbeit muss. Wir verbringen den Rest des Sonntags zusammen. Vielleicht grille ich dir sogar einen Burger, statt dir dieses Hundefutter zu geben, das der Tierarzt empfohlen hat. Klingt das nicht verlockend?« Natürlich hatte der Hund keine Ahnung, wovon er sprach, aber Adams sanfter Tonfall schien ihn zu beruhigen. Clydes Zittern legte sich, und als er den Kopf hob und ihn anschaute, leuchteten seine Augen. Eine plötzliche Wärme erfüllte Adams Herz. Aber er verdrängte sie schnell. Wie armselig, dass ihn die Zuneigung eines Hundes anrührte! Außerdem war alles nur Einbildung. Hunde hatten keine Gefühle. Ohne den Blick von seinem Gesicht abzuwenden, schleckte Clyde seine Finger kurz ab. Es war, als wollte er sagen: Doch, wir haben Gefühle. Und ich finde, du bist großartig. Adams Kehle war wie zugeschnürt, als er Clyde über den Rücken strich und seine Fingerspitzen die vielen Narben berührten. Er hatte sie schon gehabt, als sich ihre Wege vor 18 Monaten gekreuzt hatten und beide dringend einen Freund gebraucht hatten. Okay. Vielleicht deutete er in die Reaktion des Hundes zu viel hinein. Vielleicht war er zu sentimental. Aber heute wollte er einfach glauben, dass der misshandelte Hund tatsächlich tiefere Gefühle hatte. Auch wenn er in den anderthalb Jahren, seit er hier wohnte, ein paar Freunde in Hope Harbor gefunden hatte, wartete am Ende des Tages doch nur Clyde auf ihn. Ohne diesen vierbeinigen Gefährten, der sein Herz erobert hatte, wäre sein Leben noch einsamer. »Einen schönen Montag, Lexie! Hat deine Woche gut angefangen?« Hope Harbors Polizeichefin, Lexie Graham, lehnte sich mit der Schulter an die Seite von Charleys Taco-Stand und ließ ihren Blick über den malerischen Hafen schweifen. Pflanzkästen mit bunten Blumen dienten als Abgrenzung zwischen dem Gehweg und den Felsen, die zum Wasser hin abfielen. Auf der anderen Seite säumten schlichte Geschäfte, die mit leuchtenden Markisen und Blumenkästen geschmückt waren, die Straße und gaben einen ungehinderten Blick auf den Hafen und das Meer frei. Ein weißer Pavillon beherrschte den kleinen Park hinter Charleys Stand. Hier endete die halbkreisförmige Geschäftsstraße in einer Sackgasse. Alles war friedlich und vorhersehbar. Wie immer. So wie es ihr gefiel. »Bis jetzt ganz gut. Alles ist ruhig.« »Aber der Schein kann manchmal trügen. Willst du heute nur eine Portion?« »Ja.« Sie betrachtete den Taco-Koch, der gleichzeitig ein erfolgreicher Künstler war. In all den Jahren, die sie ihn kannte, hatte er sich kein bisschen verändert. Dieselbe ledrige, gebräunte Haut. Dieselben langen grauen Haare, die zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden waren. Dieselben freundlichen, einfühlsamen Augen. Es war tröstlich, in einer Welt, die einem gern Knüppel zwischen die Beine warf, etwas zu haben, das sich nicht veränderte. Auf den Künstler der Stadt war Verlass. Er hatte immer einen klugen Ratschlag und aufmunternde Worte parat. Aber seine Bemerkung, dass der Schein trügen könne, löste bei ihr keine angenehmen Gefühle aus. Mit zusammengekniffenen Augen ließ sie ihren Blick noch einmal über die Hafenstraße wandern. Soweit sie es beurteilen konnte, war in der Stadt alles so wie immer. Und auf dem Wasser schien es auch keine Probleme zu geben, die ihre Aufmerksamkeit erforderten. Der lange Steg auf der linken Seite und die beiden Felseninseln auf der rechten Seite, die die stürmischen Wellen brachen und die Boote im Hafen schützten, waren genauso unveränderlich wie die Wellenbrecher am Strand außerhalb der Stadt. Alles wirkte normal. Vielleicht war Charleys Bemerkung nur einer jener philosophischen Sprüche gewesen, die er gelegentlich von sich gab. Egal, was der Grund für seine Bemerkung war, sie hatte nicht die Absicht, sich davon den Tag verderben zu lassen. »Welche Tacos gibt es heute?« »Der Taco des Tages ist mit Kabeljau gefüllt.« Er holte eine Handvoll geschnittener roter Zwiebeln aus einer Kühlbox und warf sie in die Pfanne. Bei dem köstlichen Duft knurrte ihr der Magen. »Mit Koriandersahnesoße nach einem Geheimrezept meiner Großmutter.« »Das klingt köstlich. Wie immer.« »Das Wohl meiner Kunden liegt mir stets am Herzen.« Er drehte den Fisch in der Pfanne um und streute Gewürze über die Zutaten. »Habt ihr draußen bei Adam verwertbare Spuren gefunden?« Bei diesem abrupten Themenwechsel blinzelte sie verwirrt. »Wovon sprichst du?« »Über den Vandalismus gestern bei Adam Stone.« Er rührte die Zwiebeln um. »Hat er das der Polizei denn nicht gemeldet?« »Nicht, dass ich wüsste.« Wenn er den Fall angezeigt hätte, wüsste sie es. Auf ihrem Schreibtisch landete schließlich jede Verbrechensmeldung. »Das überrascht mich, denn es war schon das zweite Mal, dass diese Kerle bei ihm gewütet haben.« Es gab innerhalb der Stadtgrenze zwei Fälle von nicht gemeldetem Vandalismus? »Wenn die Leute ein Verbrechen nicht melden, kann ich den Fall auch nicht lösen.« Eine leichte Gereiztheit schwang in ihrer Stimme mit. »Angesichts seiner Geschichte will er mit der Polizei wahrscheinlich nichts zu tun haben. Du kennst Adam doch, oder?« Sie erinnerte sich vage an den Mann, den sie bisher nur aus der Ferne gesehen hatte: Zwischen 1,80 und 1,85 Meter groß, schlank, muskulös, dunkle, lange Haare, die er mit einem schwarzen Tuch zusammenhielt, Stoppelbart, normalerweise trug er Jeans und eine abgenutzte schwarze Lederjacke. Es würde sie nicht überraschen, wenn er auch ein paar Tattoos hätte. Mit anderen Worten, ein Mann, der gut in eine Motorradgang passen würde. Und zu dem sein Nachname passte. Stone. Stein. Alle nannten ihn so. Außer Charley. »Ich weiß, wer er ist.« Wenn ein ehemaliger Strafgefangener in die Stadt zog, holte die Polizeichefin Erkundigungen über ihn ein. »Aber ich habe nie mit ihm gesprochen.« »Wirklich?« Charley legte drei Mais-Tortillas vor sich auf die Theke. »Er geht regelmäßig in den Gottesdienst der Grace-Christian-Gemeinde. Ich bin davon ausgegangen, dass ihr euch schon längst begegnet seid.« Das wäre gut möglich. Aber sie ging nicht zur Kirche. Doch über dieses Thema wollte sie nicht bei Fisch-Tacos auf einem öffentlichen Platz sprechen. Allerdings fand sie es interessant, dass Stone zum Gottesdienst ging. Als einen Kirchgänger hätte sie ihn gewiss nicht eingestuft. »Nein. Ich habe sonntagvormittags oft Dienst.« Immer. Absichtlich. »Ich hoffe nur, dass ihr diese Vandalen bald erwischt, bevor noch mehr passiert. Die gesprühten Graffiti, eingeschlagenen Fenster und ausgerissenen Blumen sind schon schlimm genug.« Er deutete auf die Pflanzkästen im Hafen, bevor er begann, ihre Tacos zusammenzurollen. »Rose und ihr Gartenklub haben Stunden gebraucht, um von den Blumen so viele wie möglich zu retten, nachdem diese Vandalen zugeschlagen hatten. Mehrere Pflanzkästen wurden dabei beschädigt.« »Wir arbeiten mit voller Kraft an dem Fall, aber der oder die Täter schlagen immer dann zu, wenn niemand in der Nähe ist. Mit unseren wenigen Leuten können wir nicht rund um die Uhr überall sein.« »Das verstehe ich.« Er wickelte die Tacos in weißes Papier, steckte sie in eine braune Tüte und legte sie auf die Theke. »Aber dass ausgerechnet Adams Hütte beschädigt wurde, ist eine Schande. Er hat wirklich schon genug durchgemacht.« »Nur wenn er die Fälle nicht meldet, können wir nichts unternehmen.« Sie kramte ihr Geld aus der Tasche. »Aber da draußen könnte es eine Spur geben.« Charley zählte das Wechselgeld ab und schob es ihr hin. Vielleicht solltest du einmal nachsehen. Charley musste diese Worte nicht laut sagen. Sie verstand seine Aufforderung auch so. Er setzte andere nie unter Druck, aber er hatte eine sanfte Art, Menschen in die Richtung zu stupsen, die sie seiner Meinung nach einschlagen sollten. Mit einem Seufzen steckte Lexie die Münzen ein. »Ich könnte ja einmal bei ihm vorbeischauen.« »Das kann nicht schaden. Aber er ist erst am Abend zu Hause.« Richtig. Stone und der Rest von BJs Baufirma waren mit dem Bau von Tracys und Michaels Haus draußen auf dem Gelände von Harbor Point Cranberries beschäftigt. Da sie wusste, wie gern in der Stadt getratscht wurde, hielt sie es für keine gute Idee, aus heiterem Himmel auf der Cranberryfarm aufzutauchen und dort mit ihm zu sprechen. Wer konnte schon vorhersagen, was die Leute denken würden, wenn die Polizei zu ihm kam! Ein Mann, der seine Strafe verbüßt hatte und jetzt ein ehrliches Leben führte, brauchte nicht noch mehr Scherereien. »Ich könnte ja mal nach der Arbeit auf dem Nachhauseweg bei ihm vorbeifahren.« Auch wenn sie genau wusste, dass einen Tag nach dem Vorfall kaum noch eine Spur zu finden wäre. »Woher weißt du überhaupt, was da draußen passiert ist?« »Adam war gestern Nachmittag hier und hat sich Tacos gekauft. Ich glaube, Sonntagstacos aus meiner bescheidenen Küche sind sein wöchentlicher Luxus.« Eine Portion von Charleys Tacos war ein Luxus? Anscheinend ging der Mann mit dem Geld, das er bei BJ verdiente, nicht gerade sparsam um. Andererseits dauerte es bestimmt eine Weile, bis man sich etwas angespart hatte, wenn man nach fünf Jahren im Gefängnis wieder bei null anfangen musste. »Danke für das Essen.« Lexie nahm die Tüte, aus der ihr ein verführerischer Duft entgegenströmte. »Guten Appetit.« Charley hob grinsend den Daumen und begrüßte den nächsten Kunden in der Schlange. Lexie warf einen sehnsüchtigen Blick auf die einladenden Bänke, die am Rand des Hafens aufgestellt waren. Aber auf ihrem Schreibtisch wartete eine Menge Arbeit auf sie, die sie nicht noch länger vor sich herschieben konnte. Sie beschleunigte ihre Schritte. Vielleicht würde sie heute Abend nach dem Essen mit Matt zum Hafen fahren und eine Weile den Booten und Schiffen zusehen. Das gefiel ihm immer. Und es wäre ein angenehmer Tagesabschluss. Besonders für den Fall, dass der polizeischeue Adam Stone nicht allzu herzlich auf ihren Besuch reagieren würde. Jemand näherte sich seiner Hütte. Als das Knirschen von Autoreifen auf dem Schotter in der stillen Bucht widerhallte, hörte Adam auf, die Holzwand abzuschleifen. Er bekam keinen Besuch. Nie. Er lud niemanden ein und es kam auch niemand. Bis auf diese Vandalen. Aber da sein jetziger Besuch nicht versuchte, sich heimlich anzuschleichen, brauchte er sich vermutlich auch nicht auf einen erneuten Akt mutwilliger Sachbeschädigung einzustellen. Clyde drückte sich an ihn heran und stieß ein ängstliches Wimmern aus. »Keine Angst, Junge.« Er bückte sich und streichelte ihn beruhigend. »Vielleicht ist das nur jemand, der falsch abgebogen ist und sich verfahren hat.« Hoffentlich. Ein unbekannter Civic tauchte dreißig Meter von der Hütte entfernt aus dem Wald auf. Beim Anblick des Autos läuteten bei ihm noch keine Alarmglocken. Aber bei der uniformierten Gestalt, die durch das offene Fenster auf der Fahrerseite zu erkennen war. Sein Herz stockte. Warum kam die Polizei zu ihm? Als spüre er seine plötzliche Unruhe, schmiegte sich Clyde an sein Hosenbein und stieß erneut ein leises Wimmern aus. Adam bückte sich und streichelte den Hund erneut, behielt aber die Frau, die aus dem Wagen stieg, argwöhnisch im Auge. Obwohl sie nie ein Wort miteinander gesprochen hatten, wusste er, wer Lexie Graham war. Jeder in der Stadt kannte diese Frau. Sie war nicht nur die Polizeichefin, sondern sie strahlte auch etwas Geheimnisvolles aus. Aufgrund ihres früheren Einsatzes im Dienst des Außenministeriums an irgendeinem Brennpunkt auf der anderen Seite der Erde. Außerdem sah sie umwerfend aus. Bis jetzt hatte er sie allerdings nur aus der Ferne gesehen. Und das war auch gut so. Es bestand kein Anlass, sich auf eine Frau einzulassen, die schon aus der Ferne einschüchternd war und viel Macht besaß. Aus der Nähe war sie noch viel beängstigender. Er war zwar ein Ex-Knacki mit einer hässlichen Lebensgeschichte. Aber er war trotzdem ein Mann. Und kein Mann war gegen die unübersehbaren Reize der Polizeichefin immun. Als sie zwei Meter vor ihm stehen blieb und ihre Sonnenbrille abnahm, verschlug es ihm den Atem. Ihre Augen waren so blau wie das kobaltfarbene Meer an einem sonnigen Tag in der Strandläuferbucht. »Mr Stone, ich bin Lexie Graham. Ich glaube, wir sind uns noch nicht begegnet.« Ihre Stimme war sachlich, aber angenehm und ein wenig heiser. Er starrte auf die schlanken Finger, die sie ihm hinhielt, bis ein Stups von Clyde seinen Verstand wieder in Gang setzte. Schweigend nahm er das Schleifpapier in die linke Hand und schüttelte ihr die Hand. Nach einigen Momenten zog sie eine Braue hoch und warf einen kurzen Blick auf ihre Hand, die er immer noch festhielt. Ups. Er ließ sie sofort wieder los. »Entschuldigen Sie, dass ich Sie zu Hause störe, aber ich habe gehört, dass Sie gestern hier einen Fall von Vandalismus hatten. Zum zweiten Mal.« Ihr Blick wanderte zur Seite der Werkstatt, wo nach wie vor Reste der obszönen Schmierereien zu sehen waren, obwohl er mit aller Kraft versucht hatte, das Holz abzuschleifen. Er runzelte die Stirn. Woher wusste sie, dass sein Zuhause zweimal von Vandalen aufgesucht worden war? »Wer hat Ihnen das gesagt?« »Das spielt keine Rolle. Mich interessiert, warum Sie den Schaden nicht gemeldet haben.« »Es gab nicht viel zu melden.« »Ein Gesetzesverstoß ist ein Gesetzesverstoß.« »Hören Sie, ich will keine Schwierigkeiten.« »Sie haben bereits Schwierigkeiten. Derjenige, der das getan hat, könnte wiederkommen.« »Damit werde ich schon fertig. Das hier ist keine Luxusvilla. Hier kann man nichts kaputt machen, das ich nicht wieder reparieren könnte.« Sie verschränkte die Arme und nahm die breitbeinige Körperhaltung ein, mit der Polizisten andere gern einschüchterten. Damit machte sie sich bei ihm nicht gerade beliebt. »Es ist Aufgabe der Polizei, mit Gesetzesbrechern fertigzuwerden.« Ihre Stimme war jetzt schärfer und ihre Augen hatten eine stählerne Härte angenommen. »Und Sie sind nicht der einzige Betroffene. Es gibt noch andere Opfer in der Stadt. Lauter unbescholtene Bürger, die diese Schikanen nicht verdienen. Einige sind schon älter und nicht so gut in der Lage wie Sie, den Schaden selbst zu beheben.« »Das tut mir leid. Aber ich will trotzdem nichts damit zu tun haben.« Seine Antwort klang steif. Fast trotzig. Sich gegenüber einer Polizistin so zu verhalten war keine kluge Idee. Aber statt gemein und hässlich zu werden, nahm die Polizeichefin ihre Arme wieder nach unten, atmete langsam aus und drehte sich zum Wasser herum, das kobaltfarben durch die Bäume zu sehen war. Mehrere Sekunden verstrichen, ohne dass sie etwas sagte. Als sie sich wieder umdrehte, waren ihre Miene und ihr Tonfall freundlicher. »Ich kann ja verstehen, dass Sie keine Scherereien haben wollen. Aber wir kommen bei der Lösung dieses Falls nicht weiter. Ich brauche mehr Spuren und ich hatte gehofft, Sie würden mir erlauben, mich hier ein wenig umzusehen. Vielleicht entdecke ich ja etwas, das uns helfen kann, die Schuldigen zu finden und ihnen das Handwerk zu legen, bevor jemand ernsthaft zu Schaden kommt.« Ihre Bitte klang vernünftig. Er hatte in seinem Leben gelernt, dass man Fleißpunkte bekam, wenn man vernünftig war. Besonders dann, wenn man nichts zu verbergen hatte. »Gut.« Seine angespannten Schultern lockerten sich ein wenig. »Sie können sich gern umsehen. Aber ich bezweifle, dass Sie etwas finden. Ich habe jedenfalls nichts gefunden.« »Danke. Wurde außer dem hier«, sie deutete zu seiner Werkstatt, »noch mehr beschädigt?« »Dieses Mal nicht. Vor drei Wochen wurde ein Fenster in der Hütte eingeschlagen und eine Verandastufe wurde herausgerissen, während ich auf der Arbeit war.« »Anscheinend machen sich diese Vandalen keine Sorgen, dass jemand sie hören könnte.« Sie betrachtete die neue Stufe, die sauber und hell vom verwitterten grauen Holz der anderen Stufen abstach. »Diese Hütte ist sehr abgelegen und außer meinem Hund, Clyde, ist unter der Woche tagsüber niemand hier.« Als sein Name fiel, spähte der Hund hinter seinen Beinen hervor. Die Haltung der Polizeichefin entspannte sich noch mehr. Sie ging in die Knie und hielt dem Hund eine Hand hin. »Hallo, Clyde.« »Er ist scheu und …« Noch bevor Adam seinen Satz beenden konnte, kam Clyde aus der Deckung, beschnupperte die Hand der Frau und näherte sich ihr so weit, dass sie ihn streicheln konnte. Er schleckte sogar ihre Finger ab. Adams Kinnlade fiel nach unten. »Du bist aber ein hübscher Junge, weißt du das?« Clyde begann, mit dem Schwanz zu wedeln. Sie schmunzelte. Der tiefe, heisere Ton aus ihrem Mund löste in Adams Magen ein sonderbares Kribbeln aus. »Ja. Das weißt du.« Sie hob das Kinn. »Zu welcher Rasse gehört er?« » Ähm … Promenadenmischung.« »Hm.« Sie betrachtete den Hund genauer. »Ich sehe eine Spur von einem Terrier. Ein wenig von einem Beagle. Und etwas von einem Labrador. Sagen wir lieber Mischlingshund. Das klingt netter. Findest du nicht auch, Clyde?« Der Hund kläffte zustimmend. Sein Hund hatte sich mit einer Polizeichefin angefreundet? Wer hätte das gedacht! »Das sehe ich auch so.« Als sie noch einmal sein Fell gestreichelt hatte, stand sie auf. »Ich nehme nicht an, dass die Vandalen irgendwelche Sprühdosen hiergelassen haben.« Er zwang sich, sich auf ihre Fragen zu konzentrieren. »Nein.« »Schade. Sie können gern weitermachen, während ich mich umsehe.« Sie deutete mit dem Kopf zu dem Schleifpapier, das er immer noch in der Hand hatte. »Es wird viel Arbeit sein, diese Farbe abzubekommen.« »Mit Fleiß und Geduld kann man alles so abschleifen, dass es wieder wie neu aussieht.« Ein überraschtes Funkeln trat in ihre blauen Augen. »Ein Gedanke, über den es sich nachzudenken lohnt.« Dann ging sie langsam um den Schuppen herum. Clyde folgte ihr dicht auf den Fersen. Adam widmete sich wieder dem Abschleifen. Bei dieser Arbeit musste man nicht denken. Er ertappte sich dabei, wie seine Gedanken ungehindert um die überraschende Besucherin kreisten, die über sein Grundstück schlenderte und sich mit seinem menschenscheuen Hund angefreundet hatte. Wenn Clyde ihr vertraute, musste sie vertrauenswürdig sein. Tiere hatten in dieser Hinsicht einen guten Instinkt. Das war bei der Polizeichefin natürlich nicht nötig. Wenn sie für das Außenministerium gearbeitet hatte, musste sie vertrauenswürdig sein. Um eine solche Stelle zu bekommen, musste man immerhin alle möglichen strengen Sicherheitsüberprüfungen bestehen. Er hätte bei solchen Überprüfungen keine Chance. Die Fehler, die er in der Vergangenheit gemacht hatte, würden ihm für den Rest seines Lebens anhaften und seine Möglichkeiten stark einschränken. Auch die Möglichkeit, eine nette Frau kennenzulernen. Welche anständige Frau wollte schon etwas mit ihm zu tun haben? Eine dunkle Wolke legte sich auf ihn, obwohl die Frühlingssonne die Lichtung mit einem strahlenden Licht und einer angenehmen Wärme durchflutete. Er biss die Zähne zusammen und schliff noch kräftiger. Solche Gedanken taten nicht gut. Er sollte sein neues Leben lieber Tag für Tag angehen, statt sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie … »Ich habe nichts gefunden.« Die Polizistin blieb ein paar Meter von ihm entfernt stehen und wischte sich die Hände ab, während sie seine Arbeit begutachtete. »An dieser Stelle haben Sie schon fast wieder alles sauber.« Sie hatte recht. Von den Schmierereien waren nur noch schwache Spuren zu erkennen. Zu schade, dass man die beschmutzten, rauen Flecken in einer Seele nicht genauso leicht wegschleifen konnte! »Ja, das kriege ich wieder hin.« Wenigstens die Schuppenwand. »Sind Sie sicher, dass Sie die zwei Vorfälle nicht offiziell anzeigen wollen?« »Ja. Ich habe den Schaden behoben. Mein Vermieter braucht sich also nicht mit der Versicherung herumzuschlagen.« »Wie Sie meinen.« Sie bückte sich und streichelte Clyde zum Abschied noch einmal. »Was ist mit seinem Bein passiert?« »Keine Ahnung. Es war schon so krumm, als ich ihn fand. Aber er hat gelernt, damit umzugehen.« »Ein kluger Hund. Mit Schicksalsschlägen richtig umzugehen, ist wichtig, um zu überleben.« Ein paar Sekunden des Schweigens vergingen. Adam hatte das Gefühl, dass sie bei diesen Worten nicht an Clyde gedacht hatte. Doch als sie sich dann aufrichtete, hatte sie ihre professionelle Miene wieder aufgesetzt. Sie zog eine Visitenkarte aus der Tasche und reichte sie ihm. »Falls Sie Ihre Meinung ändern oder wieder etwas passiert, können Sie mich jederzeit anrufen. Mach’s gut, Clyde.« Sie winkte kurz und kehrte zu ihrem Wagen zurück. Clyde folgte ihr mit ein wenig Abstand. Als sie den Motor angelassen hatte, wendete sie auf dem Schotterweg und fuhr davon. Kurz darauf war sie zwischen den Bäumen verschwunden. Erst als sich der Staub gelegt hatte, kehrte Clyde zu ihm zurück. Mit wedelndem Schwanz, heraushängender Zunge und dem albernen Grinsen, das ihm oft einen Hundekeks einbrachte. »Wann hast du beschlossen, so extrovertiert zu sein? Ich dachte, dein bester Freund wäre ich?« Clyde hockte sich auf die Hinterbeine und legte eine Vorderpfote auf Adams Bein. Wer konnte schon diesem unschuldigen Hundeblick widerstehen? »Entschuldigung angenommen. Komm, wir suchen etwas Leckeres für dich.« Der Hund folgte ihm in die Hütte, verdrückte einen Keks und lief dann zu der offenen Tür zurück und schaute hinaus. Als hoffte er, ihre Besucherin würde wiederkommen. Daraus konnte ihm Adam keinen Vorwurf machen. Ein weiterer Besuch von Lexie Graham wäre tatsächlich nett. Auch wenn sie die Polizeichefin war. Aber während er die Dose mit den Hundekeksen wieder in den Küchenschrank stellte, mit dem Finger über die Visitenkarte der Frau strich und dann wieder hinausging, um die Schuppenwand weiter abzuschleifen, wurde ihm bewusst: Dieser Gedanke war reines Wunschdenken und hatte mit der Realität genauso wenig zu tun wie die Märchen in einem Kinderbuch.

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