Im frühen Morgenlicht

Im frühen Morgenlicht

by Kristen Heitzmann

NOOK Book1., Auflage (eBook - 1., Auflage)

$16.42

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Overview

Morgan Spencer, der erfolgreich große Firmen saniert und für jedes Problem eine Lösung findet, fühlt sich seit dem Tod seiner Frau wie betäubt. Wenn seine kleine Tochter Livie nicht wäre, hätte sein Leben allen Sinn verloren. Doch dann trifft er Quinn Reilly und plötzlich überstürzen sich die Ereignisse. Denn Quinn wird verfolgt – und Morgan springt ihr heldenhaft zur Seite. Er ahnt nicht, dass diese Entscheidung sein Leben für immer verändern wird.

Product Details

ISBN-13: 9783868278392
Publisher: Verlag der Francke-Buchhandlung
Publication date: 01/01/2015
Sold by: CIANDO
Format: NOOK Book
Pages: 496
File size: 659 KB

About the Author

Kristen Heitzmann lebt mit ihrem Mann und den vier Kindern am Fuße der Rocky Mountains. Bereits in der Grundschule begann sie zu schreiben, und studierte später Englische Literatur und kreatives Schreiben. Wenn sie nicht an einem ihrer Bücher arbeitet oder ihre Kinder unterrichtet, engagiert sich die überaus erfolgreiche Autorin im Musikteam ihrer Gemeinde.

Read an Excerpt

1. Kapitel Quinn genoss es, dass die hohen Berge ihr das Gefühl gaben, winzig zu sein – nicht ungewöhnlich bei einem Meter sechzig und gerade mal fünfzig Kilogramm, aber unter den hoch aufragenden Gipfeln war sie praktisch unsichtbar, beinahe unsichtbar genug. Sie trat auf ihren schmalen Balkon hinaus, auf dem kein Platz für Möbel war, aber genug, um zu stehen und hinauszuschauen und ein menschliches Thermometer zu werden – wertvoll an einem Ort mit solch wechselndem Wetter wie Juniper Falls, Colorado. Und wenn sie über das Geländer kletterte und sich hängen ließ, wäre der Sprung von ihrem Schlafzimmer aus machbar, sollte das jemals nötig sein. Ihr Schlafzimmer, das sich in den Spitzbogen ihrer kleinen Hütte schmiegte, beherbergte ein normal großes Bett, einen Schrank mit eingebauten Schubladen, die Tür zum Balkon und sie. Ebenfalls unterm Dach war das winzige Bad mit Dusche – keine Wanne – mit seinen blassgelben Fliesen. Sie stieg die leiterartige Treppe ins Wohn- und Esszimmer mit integrierter Küche hinunter. In ihrer Hütte fühlte sie sich manchmal wie Alice, die von einem Pilz gegessen und ihre Körpergröße dadurch verändert hatte. Aber das Blockhaus gehörte ihr. Was konnte sich besser anfühlen? Sie zog sich den Mantel aus gewalkter Wolle an, stopfte ihre dunklen Locken in die Kapuze und ging zu ihrem Pickup hinaus, mit dem sie kurz darauf in den Feldweg bog. Eine Nebelwolke hing am Rande des Tals und ließ eine graue Landschaft erkennen – hier die dunklen Arme immergrüner Bäume, dort die Wand einer Steinschlucht mit Quellwasser, das zu fantastischen Formen gefroren war. Sie konnte es kaum erwarten, dass der Nebel sich verzog. Die Chance, vor allen anderen etwas zu begutachten, was wie ein Nachlass beachtlicher Größe klang, war eine Gelegenheit, die sie sich nicht entgehen lassen würde. Davon lebte sie. Manchmal fuhr sie meilenweit, nur um einen Blick auf etwas zu werfen. Normalerweise lohnte es sich wegen ein paar Einzelstücken – manchmal kam gar nichts dabei heraus, und gelegentlich stieß sie auf eine Goldgrube. Jetzt erwachte in ihr die Vorfreude auf einen lohnenden Fund. Sie hatte Glück, dass das Anwesen sich in der Nähe befand, nur wenige Kilometer entfernt. Die Verstorbene kannte sie jedoch nicht. Da sie erst seit sechs Monaten in Juniper Falls wohnte, war ihr auch der Großteil der lebenden Bevölkerung noch unbekannt. Es bedeutete auch, dass sie die Möglichkeiten in dieser Gegend noch kaum ausgelotet hatte. Familien, die einen Nachlass zu verwalten hatten, konnten das immer auch selbst tun und auf den richtigen Käufer oder Sammler warten, alles einpacken, abtransportieren und versichern und sich mit den Leuten herumschlagen, während sie um ihre Angehörigen trauerten, aber sie hatte die Erfahrung gemacht, dass die meisten Hinterbliebenen froh waren, wenn sie ihnen ein Komplettangebot machte und alles abwickelte. Denjenigen, die habgierig waren oder sentimental wurden, ließ sie ihre Karte da, für den Fall, dass sie ihre Meinung noch änderten. Viele von ihnen taten das irgendwann. Mit dieser Arbeit verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt, einen Reibach machte sie nicht. Sie hielt vor dem Gebäude und stellte überrascht fest, dass vor dem kleinen Wohnhaus der Ranch ein Pickup parkte. Zwei Autos standen in der Garage, ein Subaru in blau und hellbraun, der vermutlich der Verstorbenen gehört hatte, und ein weißer Kleinwagen, der als Mietwagen gekennzeichnet war. Der Pickup könnte darauf hindeuten, dass außer ihr noch jemand an dem Nachlass interessiert war. Da sie neu in der Gegend war, kannte sie ihre Konkurrenz noch nicht so gut. Aber man hatte ihr versprochen, dass sie die Erste sein würde, die alles besichtigte. Langsam ging sie auf das Haus zu, ihr Atem vermischte sich mit dem dichten Nebel. Die Türklingel gab ein kurzes Brummen von sich, auf das niemand reagierte. Mit gerunzelter Stirn trat sie ein paar Schritte zurück und ging um das Haus herum. Durch die feuchte Luft waren ihre Locken noch krauser als sonst. Sie hörte Stimmen, zwei Frauen standen an einem grünen Metallzaun, auf dem das Kondenswasser glitzerte. Sie drehten sich zu ihr um, als Quinn näher kam. „Hallo“, sagte die eine Frau, deren blonde Haare einzeln festgeklebt sein mussten, wenn sie bei diesem Nebel in Form blieben. Ihr Regenmantel wölbte sich über ihre breiten Hüften. „Sie müssen Riley sein.“ „Quinn. Ich heiße Quinn Reilly.“ „Oh, dann habe ich es falsch herum aufgeschrieben.“ „Das kommt vor.“ Und zwar deutlich häufiger, als es sollte. „Ich bin RaeAnne, und das hier ist Noelle. Sie wohnt neben der Ranch von meiner Mutter.“ Die andere Frau war von einer klassischen Michelle-Pfeiffer-Schönheit mit seidigen goldbraunen Haaren und einer natürlichen Anmut. Quinn war so damit beschäftigt, die Frau zu mustern, dass sie zusammenzuckte, als ein Schnauben ertönte urplötzlich ein knochiges schwarzes Gesicht aus dem Nebel auftauchte. Sie warf einen skeptischen Blick auf die Schnauze des Tieres, die vom Alter ganz weiß war, und trat einen Schritt zurück. RaeAnne tätschelte das Pferd. „Noelle hat angeboten, Matilda das Gnadenbrot zu geben. Das arme alte Mädchen.“ „Wir haben genug Weideland.“ Noelle streichelte die dürre Stute. „Und Vera hat dieses Pferd geliebt.“ „Ja, das hat sie.“ RaeAnnes Stimme klang belegt. „Obwohl sie es mit dem Haus gekauft hat und Mom nie in ihrem Leben auf einem Pferd gesessen hat.“ „Herzliches Beileid“, sagte Quinn. „Danke.“ RaeAnne blinzelte. „Aber Vera war eine unabhängige Frau und ist einfach eingeschlafen. Was könnten wir uns Besseres wünschen?“ Quinn hatte keine einfache Antwort parat, also nickte sie nur. „Aber kommen Sie doch rein.“ RaeAnnes Hüften schwangen hin und her, während sie ging. Noelle berührte kaum den Boden, als sie zu dem Pickup ging und losfuhr. Zuvor hatte sie noch versichert, dass sie die Stute abholen würde. Zu dieser Frau passte eher ein silberner Jaguar, dachte Quinn. „Sie sieht umwerfend aus, oder?“ RaeAnne stieß den Hintereingang auf. „Echt jetzt?“ Sie kicherten. Das Haus hatte den Geruch von alten Menschen, der ihr aus ähnlichen Begegnungen nicht unbekannt war – abgestanden und leicht streng –, aber RaeAnne musste die Behörden beinahe umgehend alarmiert haben, denn es roch nur sehr wenig nach Tod. „Und?“ RaeAnne sah sich um. „Es macht einen irgendwie sprachlos, nicht wahr?“ Auch wenn sie nicht lebendig begraben gewesen war, hatte Vera viele Dinge gehortet. Quinn betrachtete die vollgestellten Tische, die Regale und Schränke, die Kisten und Stapel. Mit einem Blick erkannte sie, dass das Meiste für sie nicht von Interesse war. Aber sie sah auch vieles, das interessant sein könnte. „Was soll hier geschehen, RaeAnne?“ „Es gibt nur wenige persönliche Gegenstände, die ich behalten möchte. Manches muss einfach weggeworfen werden, und für die Dinge, die Sie haben wollen … machen Sie einfach einen angemessenen Preis, würde ich sagen.“ „Es gibt zwei Möglichkeiten“, erklärte Quinn ihr. „Ich kann nur das nehmen, was ich möglicherweise verkaufen kann, und Sie kümmern sich um den Rest. Oder für einen Pauschalbetrag kaufe ich alles, was Sie nicht behalten wollen, und ich entscheide, was verkauft oder weggegeben wird.“ „Die zweite Lösung klingt gut.“ RaeAnne schien erpicht darauf, sich von dem Eigentum ihrer Mutter zu trennen. „Ich glaube nicht, dass die Möbel Ihnen viel einbringen werden. Es ist alles ziemlich alt.“ Und nicht antik, außer in der Küche. Sie verhandelten ein wenig, aber durch die herzliche Art der Frau und Quinns eigene professionelle Zurückhaltung war es ein angenehmer Handel. Es ging nicht darum, jemanden über den Tisch zu ziehen. Obwohl sie sich vorstellen konnte, dass es Haie gab, die sich auf die Trauernden stürzten, konnte sie es nicht leiden, wenn sie mit ihnen in einen Topf geworfen wurde. „Behalten Sie Ihr Zeug“, hätte sie den Leuten am liebsten gesagt, wenn sie ihr Angebot in Frage stellten, aber stattdessen erläuterte sie den Prozess und die Verluste, die sie mit den Dingen machte, die sie nicht verkaufen konnte, ganz abgesehen von ihrer Zeit. Sie tat den Menschen einen Gefallen, indem sie die ganze Sache abwickelte, und manchmal fand sie einen unerwarteten Schatz – das war der Anreiz für sie. In Veras Haus vermutete sie einige beliebte seltene Stücke. Ihr Handbuch für Sammler würde ihr dabei helfen, den richtigen Preis festzulegen. Sie hatte schon eine Menge gelernt, und doch hatte sie kaum die Oberfläche dessen berührt, was es da draußen alles gab. Als sie sich handelseinig waren, gab sie RaeAnne ihre Karte mit den Kontaktdaten und sagte: „Ich fange mit dem Kleinkram an, wenn es Ihnen recht ist. Sie können behalten, was Sie möchten.“ „Nehmen Sie alles. Lassen Sie im Moment nur den Schmuck hier.“ „Ist gut.“ Schmuck wurde oft ausgeschlossen, entweder wegen seines Wertes oder aus sentimentalen Gründen. Sie ging in den Nebel hinaus und trug die mit Deckeln versehenen Kisten hinein, die sie auf der Ladefläche ihres Pickups gestapelt hatte, um die Habseligkeiten eines Lebens einzupacken und abzutransportieren. Nachdem sie eine Wagenladung voll abtransportiert hatte, stand Quinn in ihrem grauen Stahlgebäude, das durch Glühlampen erleuchtet wurde, die von der Decke herunterhingen. In jeder Ecke des Raumes standen Heizstrahler. Die Fertigscheune war der Grund, warum sie in einem Puppenhaus lebte –und der Kaufpreis. Das Gebäude war perfekt geeignet für das Sammeln, Lagern und Packen von Waren, die solange dort gelagert wurden, bis sie ein neues Zuhause fanden. Auch wenn sie früher nie gedacht hätte, dass sie irgendwann einmal eBay-Händlerin werden würde, hatte sie in den letzten vier Jahren ein Händchen für ein gutes Geschäft entwickelt und einen Blick für Qualität. Damit war sie nicht an einen konkreten Ort gebunden und war so gut wie anonym, außer wenn sie Dinge einkaufte. Das war ihr ganz recht so. Trotzdem war das Vorbereiten, Fotografieren und Einstellen der Habseligkeiten anderer Leute manchmal ziemlich öde. Als sie die Tür öffnete, schlug ihr erster Schnee entgegen, wie es in den Bergen Ende Oktober häufiger vorkam. Sie hatte zwar den Wind gehört, aber ihr war nicht klar gewesen, dass er von Schneeflocken begleitet war. Nebel, Dunst, ein paar sonnige Augenblicke und jetzt das, alles an einem Tag. Das Wetter in den Rocky Mountains. Sie wollte gerade ihr Lager verlassen und die Tür hinter sich zuschieben, als ihr Handy klingelte. „Ja?“ „Hallo Quinn. Hier ist RaeAnne Thigley. Tut mir leid, aber ich wollte fragen, ob ich die Sachen, die Sie mitgenommen haben, noch einmal durchsehen kann. Ich kann ein Medaillon nicht finden, das mir viel bedeutet.“ „Oh.“ Quinn wendete sich wieder dem Gebäude zu. „Soll ich es Ihnen bringen?“ „Nein, nein, das ist nicht nötig. Ich komme zu Ihnen.“ „Hm. In Ordnung.“ Sie gab RaeAnne ihre Adresse, wenn auch etwas widerwillig. „Das ist alles? Keine Diskussion? Kein ‚Ich habe die Sachen gekauft und sie gehören mir?’“ „Natürlich nicht. Sie sagten doch, dass es persönliche Gegenstände gibt, die Sie behalten wollen.“ Als RaeAnne eintraf, ließ Quinn sie herein und zeigte ihr die Kisten. „Bedienen Sie sich, obwohl ich ziemlich sicher bin, dass ich das Medaillon nicht eingepackt habe. Es sei denn, es ist in irgendeinem Behälter.“ RaeAnnes Augen wurden feucht und einzelne Tränen liefen ihr über die Wangen. „Sie geben mir den Glauben wieder – Sie und Rick und Noelle. Menschen, die wissen, wie man miteinander umgeht.“ Seit sie sich vorhin voneinander verabschiedet hatten, schien noch etwas anderes als Trauer RaeAnne niederzudrücken. „Aber …“ RaeAnne machte eine wegwerfende Handbewegung. „Sie wollen nichts von meinen Problemen hören.“ „Ich habe zwei funktionierende Ohren.“ Quinn nahm den Deckel von einer Kiste herunter, die sie noch nicht inventarisiert hatte. Die Hummelfiguren, die Vera in einer Vitrine aufbewahrt hatte und die in einem sehr guten Zustand waren, hatte sie gleich ausgepackt. Sie hatte sie auf ihren langen Tischen aufgereiht, um sie zu fotografieren, und wusste mit Sicherheit, dass keine von ihnen Schmuck enthielt. Die kleinen Gesichter waren so unschuldig, wie sie aussahen. „Ich habe mir vier Tage frei genommen, um mich um Moms Nachlass zu kümmern, und gerade habe ich erfahren, dass mein Arbeitgeber mir eine Abmahnung erteilt hat. Was für eine Welt ist das nur?“ „Wo arbeiten Sie denn – bei der Nationalen Sicherheitsbehörde?“ Das brachte sie zum Lachen. „Ich arbeite für eine Werbefirma.“ „Ah, sehr zeitempfindlich.“ Quinn zog die nächste Kiste heraus und setzte sich auf den kalten Boden, da die gesamte Tischfläche mit Porzellanfiguren vollgestellt war. „Haben Sie denn keine Vertretung?“ „Das ist ja das Problem.“ RaeAnne hockte sich etwas weniger sportlich nieder. „Mein übereifriger Assistent. Ich hatte dieses Jahr gesundheitliche Probleme, und er hat mich mehr vertreten, als mir lieb war.“ „Aber wenn Sie morgen wieder zurück sind …“ „Wie sollte ich? Ich habe das Medaillon doch noch nicht gefunden.“ Quinn legte den Kopf schief. „Bedeutet es Ihnen denn so viel?“ „Es ist ungeheuer wichtig. Drin ist das Bild meines Vaters.“ Sie blickte auf. „Ein Bild, das ich nie gesehen habe. so wie ich ihn selbst nie gesehen habe.“ „Im Ernst?“ RaeAnne nickte. „Mom sagte, erst nach ihrem Tod könne ich ihn sehen, und nicht einen Tag eher. Jetzt ist sie tot, aber ich kann es nirgends finden.“ Wieder kamen ihr die Tränen. „Wenn ich hier gewesen wäre, hätte sie mir vor ihrem Tod noch einen Hinweis geben können, aber …“ Sie breitete die Hände aus. „Vielleicht ist es ja auch in einem Schließfach oder bei einem Anwalt.“ „Sie hat Onlinebanking gemacht und nie ein Testament verfasst, außer dem, das sie handschriftlich angefertigt hat. Darin steht: ‚Alles an RaeAnne – natürlich.’“ Sie lachte leise. „Das ist typisch Vera.“ „Vielleicht ist in den Papierstapeln ein Brief, in dem steht, wo Sie das Medaillon finden.“ „Vielleicht. Aber es kann Monate dauern, alles durchzusehen.“ Quinn griff in ihre Kiste. „Fangen wir erst mal mit dem an, was wir haben.“ Nachdem sie die restlichen Kisten durchgesehen hatten, erhob sich RaeAnne mühsam und stöhnte. „Ich muss meinen Urlaub verlängern. Sollte meine Vertretung dadurch ein Dauerzustand werden, muss ich eben damit leben.“ „Sie können wegen der Sache nicht Ihre Stelle verlieren. Ich werde das Medaillon finden, jetzt, wo ich weiß, wonach ich suche. Den Rest sehe ich sofort durch.“ „Es könnte überall sein, Quinn. Und ich meine überall. Ich habe einen Ring gefunden, der in eine Socke eingewickelt war. „Oh.“ Sie hatte nicht vorgehabt, jedes Kleidungsstück und Blatt Papier zu durchforsten. „Ich weiß, dass es zu viel verlangt ist.“ RaeAnne zog ein Taschentusch aus ihrer Tasche und tupfte sich die Nase damit ab. „Aber ich könnte Ihnen für Ihre zusätzliche Arbeitszeit etwas bezahlen.“ „Vielleicht finde ich es ja gleich morgen früh.“ „Oder es könnte Wochen dauern. Wenn ich nicht noch mal herkommen und das Haus für den Verkauf ausräumen müsste, würde ich Ihnen die Summe zurückgeben, die Sie bezahlt haben, und sagen, wir sind quitt.“ Wenn Dinge versteckt waren, konnte das Sortieren schon dem Suchen nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen gleichen, aber da sie mehr Zeit als Geld hatte, sagte Quinn schnell: „Das klingt nach einem fairen Angebot.“ „Wirklich? Würden Sie das tun? Allein, dass ich mich nicht mehr darum kümmern muss ….“ Wieder hatte sie Tränen in den Augen. „Die Behördengänge wegen Vera und das Haus und mein Job – ich bin jetzt schon ganz fertig.“ „Sie sehen aber nicht fertig aus.“ RaeAnne war perfekt frisiert. „Ich habe vor lauter Sorgen schon drei Kilo abgenommen. Ich weiß, das kommt mir ganz gelegen, aber bei all dem Stress hier bekomme ich eher einen Schlaganfall als einen Herzinfarkt.“ Quinn strich ihr über den Arm. „Seien Sie nicht so hart zu sich selbst. Es ist eine schwierige Situation.“ RaeAnne kramte in ihrer Handtasche und holte die Geldscheine heraus, die erst vor wenigen Stunden ihre Besitzerin gewechselt hatten. „Sind Sie sich wirklich sicher?“ „Sind Sie es denn?“ Sie lachten. „Wenn ich morgen nach Hause fliege, halten Sie mich dann auf dem Laufenden?“ „Sobald ich es gefunden habe, erfahren Sie es. Und wenn es schnell geht, sprechen wir noch mal über das Geld.“ „Oh!“ RaeAnne umarmte sie spontan. „Sie sind einfach süß.“ Umfangen von so viel Wärme und Dankbarkeit, erwiderte Quinn die Umarmung, berührt und fasziniert von der Frau und ihrer Geschichte. Solche Gesten gehörten eigentlich nicht zu ihrer Arbeit, aber es fühlte sich irgendwie richtig an. Am nächsten Morgen blieb sie in ihren schwarzen Jeans, Stiefeletten und einem bestickten, kimonoartig geschnittenen Pullover aus einem anderen Nachlass vor der Alpine Patisserie stehen, die mit blauen Holzschindeln gedeckt war und deren Name in Weiß in die Fenster graviert war. Am Tisch hinter dem Fenster saß Noelle in ihrer eleganten Designerjacke und den Markenjeans – die Qualität war nicht zu übersehen. Der Mann, der mit ihr an dem Bistrotisch saß, passte perfekt zu ihr – gepflegt, modern und viel zu attraktiv, mit beinahe schwarzem Haar und feinen, kantigen Zügen. Er trug seine gut geschnittene Kleidung ebenso lässig wie Noelle. Ein harmonisches Paar. Er griff hinter den Tisch und hob etwas hoch, das sie gar nicht erwartet hatte – ein zauberhaftes Kind, etwa zwei Jahre alt, mit dunklem, fedrigem Haar und einem so hübschen Gesicht, dass Quinn stehen blieb und die Hand auf ihr Herz presste. Sie waren eine Familie. Das war an sich nichts Ungewöhnliches, warum also spürte sie so ein starkes Gefühl? Als das kleine Mädchen sich vorbeugte, um seinen Daddy zu küssen, versetzte es Quinn beinahe einen Stich. „Gehen Sie rein?“, fragte ein kräftig gebauter Mann mit einem Stetson, während der kleine Junge, den er bei sich hatte, mit beiden Händen an der Tür zog, um sie zu öffnen. Sie hatte sich noch nicht entschieden, aber der Junge hielt ihr die Tür mit einer so ernsten Miene auf, dass sie „Danke“ sagte. Der Kleine strahlte, die Wangen von der Anstrengung gerötet. Dann lief er ins Café, als der Mann die Tür aufhielt. Quinn ging zur Theke und überflog die Speisekarte, während sie aus dem Augenwinkel sah, dass die Neuankömmlinge sich zu Noelle und ihrem Mann gesellten. Der Junge, ungefähr vier Jahre alt, zog die Metallbeine eines Stuhls mit lautem Geräusch über den gekachelten Boden und schob ihn an den Tisch. Der Mann nahm seinen Hut ab, bückte sich und küsste Noelle, eine Hand in einer vielsagenden Geste auf ihren Rücken gelegt. Was war das? Quinn hörte auf so zu tun, als studiere sie die Tafel mit den Angeboten, und bestellte einen grünen Tee. Fasziniert von den drei Erwachsenen und zwei Kindern, trug sie die Tasse zu einem Platz, von dem aus sie die anderen sehen konnte. Schon immer hatte sie ein gutes Gespür für Menschen gehabt. Nur, dass ihr das leider nichts genützt hatte. Sie drückte den Teebeutel aus, indem sie den Faden um einen Löffel wickelte, und legte beides auf den Tisch. Das kleine Mädchen sprach mit dem Mann, der es auf dem Schoß hielt. Quinn hätte schwören können, dass sie seine Tochter war, so ähnlich waren ihre Gesichtszüge und ihre Haarfarbe. Als Noelle den Jungen fragte, was er wollte, rief er: „Schokopfannkuchen!“ Das Kind hätte einen passablen Radiomoderator abgegeben. „Sssokofannduden“, ahmte ihn die Kleine mit deutlich geringerer Lautstärke und niedlicher Aussprache nach. Noelle ging zur Theke und gab ihre Bestellung auf. Als sie sich mit dem Tablett in der Hand umdrehte, begegneten sich ihre Blicke. „Quinn? Hallo.“ Quinn nippte an ihrem Tee und hob die Hand zu einem kleinen Winken, dann ließ sie die Tasse sinken, als Noelle auf sie zukam. „Ihre beiden Kinder sind süß.“ „Oh.“ Noelle warf einen Blick über die Schulter. „Das Mädchen ist meine Nichte, aber der kleine Gauner Liam ist mein Sohn.“ Das Mädchen gehörte also zu dem ersten Mann, und Noelle war mit dem Rancher zusammen. Daher der Pickup und kein Jaguar. „Liam sieht seinem Dad sehr ähnlich, vor allem der Gesichtsausdruck.“ „Und er hat auch den gleichen Sturkopf.“ Sie lachte leise. „Setzen Sie sich doch zu uns.“ Quinn blickte zu dem überfüllten Tisch hinüber „Ich trinke nur meinen Tee und muss dann auch los. Ich räume gerade Veras Haus aus.“ „Ein großes Projekt.“ Konnte man wohl sagen. „Wie geht es Matilda?“ „Genauso wie vorher, glaube ich. Unsere Grundstücke grenzen aneinander und das Gras schmeckt bei uns genauso. Aber wenn sie die andere Seite bevorzugt, ist das auch kein Problem. Rick, mein Mann“ – sie deutete mit dem Kopf auf ihn – „hat RaeAnne ein Angebot für das Land gemacht.“ „Und was ist mit dem Haus?“ „Das wird sie unabhängig davon verkaufen.“ „Mommy!“, brüllte Liam. Wieder warf Noelle einen Blick über die Schulter. „Ich glaube, ich muss mich jetzt um mein verhungerndes Kind kümmern.“ Quinn beobachtete sie und dann, weniger heimlich, die beiden Kinder. Wenn das Mädchen ihre Nichte war, dann war der erste Mann ihr Bruder oder mit ihrer Schwester verheiratet. Seinen Ringfinger konnte sie nicht sehen. Aber als Rick etwas sagte, veränderte sich der Gesichtsausdruck des anderen Mannes. Brüder. Sie waren Brüder. Quinn lehnte sich zurück und nippte an ihrem Tee, ein ungewohntes Gefühl in ihrer Brust. Morgan runzelte die Stirn. Ricks Versuch, ihn für die zierliche, dunkelhaarige Frau zu interessieren, ärgerte ihn beinahe genauso wie Noelles ständige Sorge. „Rick, meine Augen erfreuen sich bester Gesundheit.“ Auch wenn sie klein war, unauffällig war sie nicht gerade. „Sie scheinen aber nur Livie wahrzunehmen.“ „Was gibt es denn außer ihr schon Interessantes zu sehen?“ Er blickte über den Kopf seiner Tochter hinweg, die einen Finger in die Schokoladensauce steckte. „Mich, Onkel Morgan!“, verkündete Liam. Mit gerunzelter Stirn sah er den Jungen an. „Wer bist du noch mal?“ „Liam!“ Noelle bedeutete ihm, leiser zu sein. „Ermutige ihn nicht noch, Morgan. Diese Schreierei ist nicht süß.“ Morgan grinste. „Ach ja. Der kleine Will.“ „Wil-li-am. Liam!“ Er schlug mit seiner rechten Hand auf den gerollten Pfannkuchen ein, so dass die Schokolade an beiden Seiten herausquoll. „Ich bin nicht der kleine Will. Ich heiße Liam.“ „Spiel nicht mit dem Essen.“ Energisch schob Rick die Hand seines Sohnes vom Teller. „Macht Livie doch auch.“ „Aber Livie ist auch erst zwei.“ Morgan holte einen kleinen Löffel mit Zinken aus der Tasche und gab ihn seiner Tochter. „Werkzeuge. Sie unterscheiden uns von Tieren.“ „Ja, und dass wir Daumen haben“, sagte Rick. „Und einen Verstand“, ergänzte Noelle. „Aber mit den Händen geht es besser.“ Voller Entschlossenheit versetzte Liam seinem Pfannkuchen einen weiteren Karatehieb. Morgan musste einfach lächeln, wenn er darüber nachdachte, dass Rick einen Sohn hatte, der noch dickköpfiger war als er selbst. Olivia hingegen war vollkommen – gutmütig und liebevoll, mit einem spitzbübischen Zug wie eine Silberader und einem Goldstaub aus Eigensinn. Warum sollte er jemals etwas anderes ansehen als sie? „Ich meine ja nur“, sagte Rick und senkte die Stimme, „dass dieses kleine Mädchen irgendwann eine Mutter haben möchte.“ Mit Verlaub gesagt. Seit beinahe zwei Jahren teilte Livie sich Noelle mit Liam, so als wären sie Geschwister, obwohl der Junge noch keine Geschwister hatte … Oder war da etwa … Er kniff die Augen zusammen. „Gibt es etwas, das ihr mir noch nicht erzählt habt?“ „Wie machst du das?“ Rick lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Morgan strich Livie über den Rücken, während sie ihre kleine Gabel von einer Hand in die andere beförderte und den Umgang damit übte. „Wenn du sagst, ich soll mein eigenes Leben leben, bedeutet das, dass eures sich verändert.“ „Ich habe nicht gesagt, du sollst dein eigenes Ding machen.“ „Nein, das würdest du auch nicht. Aber darum geht es doch, oder?“ Noelle berührte seine Hand. „Es hat nichts damit zu tun, dass ich schwanger bin –“ „Aber du bist es.“ Hatten sie sich nur wegen Livie und ihm vier Jahre Zeit mit einem Geschwisterkind für Liam gelassen? „Was ist schwanger?“ Liam stopfte sich ein tropfendes Stück Schokopfannkuchen in den Mund. Da er auf einer Ranch lebte, hatte der Junge vermutlich schon eine Ahnung, aber seine Eltern machten keine Anstalten, ihn aufzuklären. Noelle beugte sich vor. „Wir wollen doch nur, dass du glücklich bist.“ Ihre Version von glücklich. Er widersprach nicht. Sein zweites Buch, Zehn unfehlbare Methoden zu scheitern – und warum Unternehmer sie anwenden, hatte noch schneller die Bestsellerlisten erklommen als Geldzauber vom Erfolgsguru. Es gab keinen Grund zu der Annahme, dass sein nächstes Projekt, das fast abgeschlossen war, weniger erfolgreich sein würde. Morgan Spencer war ein Mensch, der in Krisen ganz besonders leistungsstark war. Obwohl er sich weigerte, Signierstunden oder Lesereisen zu veranstalten, wurde er mit seinen Büchern berühmt und wohlhabend. Sein Job war es, marode Firmen wieder flottzukriegen. Und den beherrschte er wie kein anderer. Alles, was er anfasste, gelang ihm. Anders erging es ihm mit den Menschen, die er liebte. Er würde lieber zur Hölle fahren, und zwar buchstäblich, als dass er Livie verlor. „Jesus liebt dich“, hatte Kelsey ihm in dem Brief geschrieben, den er nach ihrem Tod gelesen hatte. Aber diese Liebe war so scharfkantig, dass er blutete, noch bevor er die Klinge spürte. In den vergangenen zwei Jahren war er mit Ricks und Noelles Hilfe für Livie alles gewesen, was sie brauchte. Er war da gewesen und hatte sich gekümmert, aber jetzt hatte er ihr Leben lange genug durcheinander gebracht. Er konzentrierte sich wieder auf die Unterhaltung, als Rick sagte, er müsse bei der neuen Weide Zäune einreißen. Noelle ließ ihre Tasse sinken. „Hat RaeAnne dein Angebot akzeptiert?“ „Ja. Jetzt muss sie nur noch das Haus loswerden.“ Das Haus. Morgan lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, als ihm eine Idee kam. Außer Sichtweite von Ricks Ranch, aber nah genug, falls Livie Noelle brauchte. Sein eigentliches Zuhause wartete in Santa Barbara auf ihn, aber fürs Erste …

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