Hummersommer: Roman

Hummersommer: Roman

by Meg Mitchell Moore

NOOK Book(eBook)

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Overview

Salzige Meeresbrise, Sonnenaufgänge und Hummerkörbe - Little Harbor ist ein idyllischer Urlaubsort. Für Eliza Barnes jedoch steht es für eine Kindheit in einer einfachen Fischerfamilie, der sie längst entflohen ist. Nun erkrankt ihr Vater schwer, und Eliza kehrt für einen Sommer nach Little Harbor zurück. Und während sie den Menschen ihrer Vergangenheit wiederbegegnet, tauchen tief verborgene Geheimnisse und Sehnsüchte auf … Gehört sie, die als Kind Hummer knacken konnte wie keine andere, doch an den Atlantik statt in die Großstadt? »Hummersommer ist eine innige Erzählung über Familie und Liebe. Ein absolut hervorragendes Werk einer meiner Lieblingsautorinnen.« Elin Hilderbrand, New-York-Times-Bestsellerautorin »Die salzige Meeresluft scheint direkt aus den Seiten zu dringen … Von einer Multimillionärsyacht auf ein vertrautes altes Fischerboot mit abgenutzem Getriebe, und es lauert immer mehr als rostige Hummerfallen unter der Oberfläche … Aus der Frage, ob man je wieder zurück nach Hause kann, wird die Frage: Kann man sein Zuhause überhaupt je verlassen?« Seré Prince Halverson, Autor »Diese tiefe Erzählung über nicht eingeschlagene Wege sollte man nicht verpassen!« People Magazin »Ganz selten nur liest man ein so gutes Buch, das die Qualität des gesamten Lebens verbessert. Ich kann nur schwärmen: Es ist brilliant, jede Seite ein Vergnügen. Ich liebe es!« buch aktuell über »Eine fast perfekte Familie«

Product Details

ISBN-13: 9783959677516
Publisher: HarperCollins Publishers
Publication date: 04/03/2018
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 464
File size: 3 MB

About the Author

Meg Mitchell Moore lebt mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern in Newburyport, Massachusetts. Bevor sie Romane schrieb, hat sie als Journalistin für verschiedene Zeitschriften gearbeitet.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Barton, Massachusetts

Eliza

»Nein«, sagte Sheila Rackley gerade, »so hat sich das Ganze eben nicht abgespielt. Es war noch viel schlimmer. Ihr müsst euch das anhören ...«

Genau in diesem Moment erschien eines von Sheilas Kindern – rosiges Gesichtchen und die gleichen hellen Wimpern wie seine Mutter – und pflanzte sich vor der Gruppe Frauen auf. Der Junge räusperte sich wie ein Senator, der gleich eine Gesetzesvorlage einbringt, und verkündete mit fast feierlichem Ernst: »Jackie ist gemein zu mir, Mommy.«

Über Sheilas Gesicht huschte ein verärgerter Ausdruck. Er war so schnell wieder verschwunden, dass Eliza Barnes sich nicht sicher war, ob sie es sich vielleicht nur eingebildet hatte. Es war Juni, der letzte Schultag, und schon heiß. Sie saßen am Pool des Jachtklubs, und jemand hatte eine Runde Bloody Mary bestellt. Die Drinks litten genauso stark unter der Hitze wie die Frauen selbst, wenn auch nicht so damenhaft dezent. Sogar der Sellerie in Elizas Glas schien vor der Wärme kapituliert zu haben und ließ sich gerade wenig elegant in den Tomatensaft gleiten. Sheila hob eine Hand, sah ihre Freundinnen an und sagte »Fortsetzung folgt«, ehe sie sich ihrem Sohn zuwandte. »Edward«, hauchte sie, »es war genau richtig von dir, es mir höflich mitzuteilen, anstatt zu brüllen. Es ist nur so, dass Mommy gerade mitten in einer Geschichte war ...«

»Läutet da gerade eins von euren Handys?«, fragte Jodie Sanders.

»Mir egal«, antwortete Catherine Cooper. »Wenn es meines ist, soll es ruhig läuten. Es sind Sommerferien! Ich bin nicht im Dienst.«

»Eigentlich«, sagte Eliza, »bist du irgendwie schon im Dienst, jetzt, da Sommerferien sind, meinst du nicht?«

»Ich verrate dir zwei Dinge, Eliza«, erwiderte Jodi. »Sommer. Nanny.«

»Hört, hört.« Sheilas Bloody Mary-Glas war leer. Sie winkte der blassen, jungen Schönheit, die heute kellnerte, und bestellte noch einen Drink. »An der McGill University haben die Semesterferien begonnen, also ist Kristi Osgood wieder hier.«

»Die habe ich schon engagiert«, warf Deirdre Palmer ein.

»Das war ja klar«, rief Sheila. »Du brauchst sie natürlich für deine perfekte, wohlerzogene Sofia.«

»Tut sie wirklich!«, schaltete Eliza sich ein. »Du hast keine Ahnung, wie viel Deirdre mit dieser OABD – Gala zu tun hat.« Ostafrika braucht dich war Deirdres Lieblingsprojekt. Deirdre und Eliza kannten sich schon ewig – schon seit dem Stillkurs, den sie im Krankenhaus kurz nach der Geburt von Sofia und Zoe besucht hatten. Sofia und Elizas älteste Tochter Zoe hatten praktisch gar keine andere Wahl gehabt, als beste Freundinnen zu werden – unter solch günstigen, geradezu intimen Bedingungen.

»Ene, mene, mu«, sagte Sheila, die ihrem Sohn die Hand auf die Schulter gelegt hatte. »Wie dem auch sei, ich erzähle euch jetzt meine Geschichte zu Ende. Wo war ich stehen geblieben?«

»Mom«, meldete Eddie sich wieder zu Wort. »Ich meine, echt gemein. Lass mich dir schnell sagen, was ...«

Sheila stieß einen kurzen, genervten Seufzer aus, hielt sich eine Hand über die Augen, um sich vor der Sonne abzuschirmen, und sah ihren Sohn prüfend an. Nach einer Viertelminute stand sie auf und führte ihn energisch etwas weiter weg vom Pool. Dann hockte sie sich vor ihn hin und begann, wild zu gestikulieren. Eliza konnte sehen, dass Eddie nickte, den Kopf schüttelte und dann wieder nickte, ehe er sich umdrehte und – mit hängenden schmalen Schultern – zu den Kindern am Pool zurückkehrte.

Eliza blickte sich suchend nach Zoe und ihrer anderen Tochter Evie um. Sofia und Zoe hatten sich heute – zögernd und unter Vorbehalt – herabgelassen, die zehnjährige Evie mitspielen zu lassen.

Immer wenn Eliza erklärte, dass sie selbst als Kind ihr Augenlicht oder zumindest drei ihrer Zehen für eine Schwester gegeben hätte, verspürte Zoe den Drang, die Augen zu verdrehen. In letzter Sekunde beherrschte sie sich dann immer. Schließlich wusste sie, dass der Tod von Elizas eigener Mutter (Sie war damals erst zwölf gewesen! Jünger als Zoe jetzt!) einen Schmerz verursacht hatte, der mit der Zeit zwar schwächer geworden, aber nie ganz verschwunden war. Ein Schmerz, der immer noch – und oft – wie aus heiterem Himmel aufflammte, gnadenlos und unerbittlich wie ein rheumatischer Arthritisschub.

Eliza hatte damals nicht die richtigen Worte für die Auswirkungen gekannt, die der Tod ihrer Mutter auf sie gehabt hatte. Allerdings hatte sie instinktiv gewusst (und wusste es immer noch), dass jeder Tag danach zur Suche nach jenen Dingen sein würde, die sie verloren hatte.

Es waren, wie sich herausstellte, viele.

Darum wollte Eliza die beste Mutter sein, die sie sein konnte. Weil sie lebte und es tun konnte.

• Darum wusste sie jeden einzelnen Tag zu schätzen, ganz egal, was er bringen mochte.

• Darum gab sie ihren Kindern immer einen Gutenachtkuss und sagte ihnen, dass sie sie lieb hatte. Sogar an Tagen, an denen sie sich über die Mädchen ärgerte, weil sie ihre schmutzigen Klamotten auf den Badezimmerboden geworfen oder Haarknäuel im Duschabfluss gelassen hatten – was ständig vorkam.

Eliza hielt ihr Gesicht in die Sonne und hörte der Unterhaltung der Frauen um sie herum nur mit halbem Ohr zu. Jodi fragte gerade: »Wessen Handy ist das?« Sheila jammerte: »Ehrlich, wenn sie sich in den Ferien immer nur zanken, nehme ich mir zwei Nannys und verbringe die ganzen Sommer allein in Hyannis.« Und Catherine redete gerade über Henry, der sich darüber aufregte, dass die Gebühr für die Bootsliegeplätze in diesem Jahr schon wieder erhöht worden war. Ein paar Leute, sagte er, würden sich schon nach einer Alternative umsehen. Wussten die Wichtigtuer, die den Jachtklub leiteten, denn nicht, dass sie das nicht einfach so, ohne Vorwarnung, tun konnten? Manche Leute hatten nun mal keine unbegrenzten finanziellen Ressourcen, die sie in die Liegeplätze ihrer Boote stecken konnten. Für die Coopers war das selbstverständlich kein Problem – aber was, wenn es sich für andere Leute zu einem entwickelte?

Eliza atmete tief ein und aus. Die Junisonne auf ihrem Gesicht ... Drinks am frühen Nachmittag, die etwas leicht Verbotenes an sich hatten und deshalb sogar noch besser schmeckten ... Es war fast so, als wären die Frauen alle noch Teenager, die ungestraft mit etwas davonkamen, während ihre Eltern gerade nicht hinguckten. Der verwöhnte Nachwuchs planschte vergnügt im Pool des exklusiven Jachtklubs, großzügig mit teurer Sonnencreme eingecremt und in Badesachen, deren Stil von hinreißend süß bis fast schon geschmacklos reichte. Evie trug einen getupften Badeanzug aus der Boden – Kollektion für Mädchen, und Jackie Rackley, ebenfalls dreizehn, hatte einen Bikini an, der der Copacabana alle Ehre gemacht hätte. Wer hätte jemals gedacht, dass das Leben all das für die Tochter eines Hummerfischers bereithalten würde?

Eliza wollte die Augen nicht aufmachen. Denn wenn sie es tat, hätte es ja sein können, dass Jodi, Catherine oder Sheila sie gerade anschauten. Und eine von ihnen würde vielleicht leise aussprechen, was sie alle – dessen war sich Eliza sicher – insgeheim über sie dachten. Eindringling, dachten sie bestimmt. Du gehörst nicht hierher.

Dieses Gefühl hatte sie in letzter Zeit häufiger gehabt als sonst, und sie gab Phineas Tarbox die Schuld daran. Ein lächerlicher Name, Phineas Tarbox. Ein waschechtes Mitglied der alteingesessenen Oberschicht von Boston. Seine Anwaltskanzlei befand sich in der Commonwealth Avenue in der Back Bay von Boston, unweit von Judiths Haus. Judith war Elizas Schwiegermutter. Selbstverständlich war ihr Phineas – wie so vieles in ihrem Leben – von Judith empfohlen worden. Judith zog immer im Hintergrund die Fäden – eine unsichtbare Dirigentin ihres Orchesters, die stets den Ton angab.

Es war nach ihrem Besuch bei Phineas Tarbox gewesen, als Eliza gespürt hatte, wie sich etwas Dunkles, fast Unheimliches in ihre Ehe schlich. Ein ungebetener Gast. Es lag nicht nur daran, dass Rob viel zu tun hatte, sich ganz auf einen großen Auftrag konzentrierte und abends einfach nur müde ins Bett fiel. Es lag auch nicht daran, dass die zwei Mädchen sie beide sehr in Anspruch nahmen. Da war noch irgendetwas anderes. Manchmal betrachtete Eliza ihn, diesen Mann, mit dem sie schon so lange verheiratet war und der ihr so vertraut war, dass sie sogar die Falte an seinem Ellbogen erkannt hätte, wenn man ihr auf einem Foto nur diesen Teil gezeigt hätte ... Manchmal betrachtete sie ihn und sah einen Fremden.

»Eliza!«, sagte Sheila. »Wach auf. Es ist dein Handy, das die ganze Zeit läutet.«

»Wie bitte? Ach, du lieber Himmel, tut mir leid.« Eliza blickte wieder zum Pool, sah Evie, die Zoe hinterherlief wie ein Welpe seiner Mutter, und kramte in ihrer Riesenhandtasche nach ihrem Handy. Eine Nummer mit der Vorwahl von Maine. Aus Maine rief sie nur ihr Vater an, aber die Nummer auf dem Display war nicht seine.

»Hallo?«

»Eliza?«

»Ja, hier ist Eliza.« Die Stimme des Anrufers kam Eliza vertraut und gleichzeitig wie aus einer anderen Welt vor.

»Liza, hier ist Russell.«

Irgendetwas schlug einen Purzelbaum – eines ihrer Organe. Konnten Organe einen Purzelbaum schlagen? Vor vielen Jahren hatte Eliza an der Boston University zwei Jahre Medizin studiert, also wusste sie, dass kein Organ so etwas konnte. Wobei man natürlich kein Studium brauchte, um das zu wissen.

»Russell Perkins?« Sie musste von ihrem Liegestuhl aufstehen und ein paar Meter von den Frauen weggehen, die plötzlich verstummt waren. Sie hatten Eliza angehört – und angesehen –, dass gerade etwas Dramatisches passierte. Oder vielleicht schon passiert war.

»Genau der«, sagte Russell Perkins, Elizas erste große Liebe, ihr Ritter in schimmernder Rüstung, der Bruce Springsteen der Mary in ihr. Millionen von Erinnerungen holten sie ein: ein Pick-up, eine Scheune im Winter, die Hälfte ihrer Klamotten am Boden, eine unbekannte Leidenschaft. Eine fast einsame Insel im Sommer, die Rückbank eines Autos, ein Zimmer in Bangor. Sie war wieder sechzehn, siebzehn, achtzehn, alles innerhalb von ein paar Sekunden.

Sie guckte verstohlen zu den Frauen hinüber, die ihr Gespräch wieder aufgenommen hatten, aber immer noch ab und zu neugierig – aber dezent – zu Eliza herüberschielten. Ihre Blicke sagten sowohl: Wir sind für dich da, wenn du uns brauchst also auch: Verpassen wir etwas Aufregendes?

Oh Gott, dachte Eliza. Sie hatte weiche Knie und musste sich an den Zaun des Pools lehnen. Jetzt war es geschehen. Ihr Dad war gestorben. Ein Hummerfangkorb hatte ihn beim Fischen in die Tiefe gezogen. Er hatte einen Herzinfarkt gehabt oder einen Schlaganfall. Eine Prügelei hatte tödlich geendet. Er hatte sich auf der Fahrt von der Kneipe nach Hause mit dem Auto überschlagen. Irgendwann hatte es ja so weit sein müssen. Dunkle Mächte hatten auf der Lauer gelegen und Charlie Sargent ihre scharfen Zähne ins Fleisch geschlagen. Risiken, die sein Beruf, seine Gewohnheiten und das Leben als schlecht bezahlter Fischer mit sich brachten.

Die vielen Jahre, die sie gemeinsam verbracht hatten, nur sie beide, und sich gegenseitig zur Seite gestanden hatten ... Die vielen Hühnerschnitzel, die sie gebraten hatte ... Und jetzt war Dad tot. Sie war offiziell eine Waise.

Konnte man eine siebenunddreißigjährige Waise sein?

»Liza?«

Sie wollte etwas sagen, brachte aber nur ein Krächzen zustande.

»Dein Dad hat sich auf dem Boot den Kopf angeschlagen. Die Küstenwache musste ausrücken und ihn holen. Val hat ihn in die Notaufnahme gebracht. Den Arm hat er sich auch verletzt.«

»Er hat die Küstenwache gerufen?« Ihr Dad würde niemals die Küstenwache rufen. Nur in einem extremen Notfall. Sie betonte die beiden Wörter beim Denken genau wie ihr Dad früher immer. Du kriegst die Dinge allein auf die Reihe, außer es handelt sich um einen extremen Notfall, Eliza.

»Dein Dad will sich von niemandem helfen lassen. Er selbst würde dir nie sagen, dass er dich braucht, also sage ich es dir. Er braucht dich.«

In Elizas Kopf drehte sich alles. Sie war keine siebenunddreißigjährige Waise. Sie war überhaupt keine Waise. Aber ihr Dad brauchte sie. Sie wandte sich zu den Liegestühlen um und sah, dass Sheila Rackley dabei war, endlich ihre Geschichte zu beenden. Die Story kam offensichtlich hervorragend an. Deirdre hielt sich eine Hand vor den Mund und lachte so sehr, dass ihre schmalen, gebräunten Schultern bebten. Sogar Catherine Cooper, die im Allgemeinen schwer zu unterhalten war, lächelte.

»Liza?«, sagte Russell, und sie spürte wieder, dass irgendetwas in ihr einen Salto machte. Niemand sonst sagte Liza zu ihr.

»Okay.« Sie räusperte sich. Blickte zum Pool und sah Zoe auf dem Sprungbrett stehen. Spürte – wie immer – den Drang, »Spring nicht!« zu rufen. Schließlich konnte beim Springen ins Wasser etwas Schlimmes passieren, und sie wollte ihre Kinder immer vor allen Gefahren schützen. Dem gleichen Impuls musste sie jedes Mal widerstehen, wenn sie zusah, wie die Kinder sich im Auto von Freunden auf dem Rücksitz anschnallten und ihr gelassen zuwinkten. Fahrt nicht mit! hätte sie immer am liebsten gerufen. Bleibt hier bei mir, wo ihr in Sicherheit seid! Die Welt war voller Gefahren, und überall lauerten Bedrohungen.

Zoe machte einen vollendeten Hechtsprung, den sie sich durch stundenlanges Üben und mit einem Personal Trainer für Wasserspringen angeeignet hatte. Eliza wusste, dass es geradezu lachhaft war, für so etwas einen eigenen Trainer zu engagieren. Allerdings war der Sprung dank des Trainers fantastisch gewesen. Eliza starrte so lange auf das Wasser, bis Zoes Kopf wieder auftauchte (man konnte ja nie wissen). Dabei empfand sie jene seltsame Mischung aus Stolz und Staunen, die sie oft verspürte, wenn sie ihren Töchtern zuschaute. Es war beinahe so etwas wie Neid, obwohl sie das nie zugeben würde. Das wäre peinlich gewesen. Es gab so vieles, was die beiden bereits konnten, obwohl sie noch so jung waren! Skifahren, Tennis, Segeln – Hobbys, von denen Eliza als Kind geglaubt hatte, dass nur Kinder in Filmen sie hatten.

»Okay«, sagte sie wieder. »Okay, ich komme so schnell wie möglich. Ich muss nur noch ein paar Dinge für Zoe und Evie organisieren. Für meine Töchter.«

In Zoes Alter hatte Eliza nur mit einem Schlauchboot zur Joanie B – dem Boot ihres Vaters, das nach Elizas Mutter benannt war – rudern können. Außerdem hatte sie sich mit dem Gerät zum Abmessen der Hummer ausgekannt und gewusst, wie man die Eier tragenden Weibchen mit einer v-förmigen Kerbe im Schwanz kennzeichnete. Sie konnte Hummer knacken wie ein Weltmeister und das ganze Fleisch herauslösen, sodass auch nicht der kleinste Rest verschwendet wurde. Kein unbedingt nützliches Know-how in Barton. Gut, bis auf ein Mal, als sie im Sommer – nach zu vielen Gin Tonics – bei einem Muschelessen im Jachtklub mit ihrer Profi-Hummerzange angegeben und mit Deirdres Mann Brock um die Wette Hummer geknackt hatte. (Zu ihrer Verteidigung: Der Gin Tonic im Klub war sehr stark.)

»Okay? Danke für deinen Anruf, Russell. Wirklich, vielen Dank.« Ihre Organe machten wieder diese komischen Gymnastikübungen.

Das Letzte, was sie von Russell wusste, war, dass er nach Bangor gezogen war und eine Ausbildung zum Vertreter gemacht hatte. Lebensversicherungen oder etwas ähnlich Seriöses und Biederes. Lebensversicherungen! Russell Perkins, einer der besten Hummerfischer, den es in Little Harbor je gegeben hatte. Es war unfassbar. Aber anscheinend war es nicht von Dauer gewesen – Russell war ja wieder nach Hause zurückgekehrt. Die Guten kamen immer wieder zurück. Sie schafften es irgendwie alle nicht, woanders zu leben. Sie wollten es nicht.

Eliza blieb mit dem Handy in der Hand stehen. Sie wusste nicht genau, was sie als Nächstes tun sollte. Die Kinder zu sich rufen? Oder zu ihrer Handtasche zurückgehen und anfangen, alles zu organisieren? Oder Rob anrufen, der, wie sie wusste, gerade mitten in einem Meeting mit seiner Kundin war, der zähen, unerbittlichen Mrs. Cabot?

Für einen Moment war sie wie gelähmt. Am Tisch waren gerade neue Bloody Marys serviert worden, und Deirdre kam mit einem frischen Glas auf Eliza zu. Erst drückte sie ihr den Drink in die Hand, dann tätschelte sie Eliza kurz den Arm. »Du siehst aus, als hättest du gerade einen Geist gesehen«, meinte Deirdre.

»Hab ich in gewisser Weise auch«, flüsterte Eliza. »Danke, Deirdre.« Ihr Vater, der nie jemanden brauchte, brauchte sie. Russell Perkins, der sie nie anrief, hatte angerufen. Wenn sie in einer Stunde losfuhr, konnte sie vor Sonnenuntergang in Little Harbor sein. Eine Zeile aus einem Springsteen-Song fiel ihr ein: There were ghosts in the eyes of all the boys you sent away. In den Augen aller Jungs, die du verschmäht hast, spuken Geister. Eliza setzte das Glas an und leerte es in drei Zügen.

(Continues…)


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