Die verlorene Schwester: Roman

Die verlorene Schwester: Roman

by Linda Winterberg

NOOK Book2. überarbeitete Auflage (eBook - 2. überarbeitete Auflage)

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Overview

Das Leben, von dem wir träumten. Bern, 1968: Nach dem Tod des Vaters werden die Schwestern Marie und Lena der kranken Mutter von der Fürsorge entrissen. Die Mädchen werden getrennt und an Pflegefamilien 'verdingt', bei denen sie schwer arbeiten müssen. Als eine der beiden schwanger wird, soll ihr das Baby weggenommen zu werden. Doch sie will die Hoffnung nicht aufgeben, mit ihrem Kind in Freiheit zu leben - und auch ihre Schwester wiederzufinden. Jahre später zeigt sich eine Spur, die nach Deutschland führt... 'Die Verdingkinder in der Schweiz sind ein Thema, das betroffen macht und nicht vergessen werden darf.' Ulrike Renk, Autorin von 'Die Zeit der Kraniche'

Hinter Linda Winterberg verbirgt sich Nicole Steyer, eine erfolgreiche Autorin historischer Romane. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern im Taunus und begann im Kindesalter erste Geschichten zu schreiben, ganz besonders zu Weihnachten, was sie schon immer liebte. In der Aufbau Verlagsgruppe liegen von ihr die Romane „Das Haus der verlorenen Kinder“, „Solange die Hoffnung uns gehört“, 'Unsere Tage am Ende des Sees', „Die verlorene Schwester“, „Für immer Weihnachten“ sowie der erste Teil der Hebammen-Saga „Aufbruch in ein neues Leben“ vor.

Product Details

ISBN-13: 9783841216076
Publisher: Aufbau Digital
Publication date: 11/09/2018
Sold by: Libreka GmbH
Format: NOOK Book
Pages: 448
File size: 4 MB

About the Author

Hinter Linda Winterberg verbirgt sich Nicole Steyer, eine erfolgreiche Autorin historischer Romane. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern im Taunus und begann im Kindesalter erste Geschichten zu schreiben, ganz besonders zu Weihnachten, was sie schon immer liebte. In der Aufbau Verlagsgruppe liegen von ihr die Romane „Das Haus der verlorenen Kinder“, „Solange die Hoffnung uns gehört“, "Unsere Tage am Ende des Sees", „Die verlorene Schwester“, „Für immer Weihnachten“ sowie der erste Teil der Hebammen-Saga „Aufbruch in ein neues Leben“ vor.

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CHAPTER 1

ZÜRICH, MAI 2008

Anna erreichte den Platzspitz hinter dem Schweizerischen Nationalmuseum, an dem ihre gewohnte Joggingrunde begann, die an der Limmat entlangführte, und hätte am liebsten gleich wieder umgedreht, denn dort am Ufer stand ihr Exfreund Markus. Reichten nicht schon seine Anrufe? Sogar in der Bank, wo es langsam peinlich wurde. Was verstand der Mann nicht an: Es ist vorbei? Ein halbes Jahr hatte sie es mit ihm ausgehalten. Dann war ihr seine ständige Eifersucht endgültig so auf die Nerven gegangen, dass sie sich von ihm getrennt hatte. Sie brauchte keinen Aufpasser, der bei jedem Telefonat die Ohren spitzte und sie beinahe täglich von der Arbeit abholte, womit er ihr anfangs noch schmeichelte. Zunächst schien er noch ein vollendeter Gentleman mit seinen rehbraunen Augen und dem dunklen, lockigen Haar, gutaussehend, zuvorkommend, aber mit der Zeit wurde es anstrengend mit ihm. Sie hatte ihn in einem Café während ihrer Mittagspause kennengelernt. Zwei Abende später hatte er sie zum Essen eingeladen, und sie waren im Bett gelandet, was Anna am nächsten Morgen, als sie allein aufwachte, zunächst bereute. Sagte ihre Freundin Sara nicht immer wieder, dass beim ersten Date auf keinen Fall zu viel passieren durfte? Markus war jedoch geblieben und innerhalb weniger Wochen zu einer Klette mutiert, die ihresgleichen suchte.

Jetzt lehnte er also am Geländer des Mattenstegs und schenkte ihr sein strahlendstes Lächeln.

»Markus«, begrüßte Anna ihn mit säuerlicher Miene. »Was machst du hier?«

»Ich dachte, ich könnte mit dir laufen«, antwortete er. »Wir könnten noch einmal über alles reden. Weißt du ...«

Weiter kam er nicht.

»Es gibt nichts mehr zu reden«, ließ Anna ihn nicht ausreden. »Wie oft soll ich es dir noch sagen? Es ist vorbei. Ich brauche kein Kindermädchen und auch keinen Bodyguard, der sogar mein Handy überwacht.«

Als sie ihn vor zwei Wochen dabei erwischte, wie er ihre SMS kontrollierte, war es endgültig vorbei gewesen, und sie hatte ihn wütend rausgeworfen.

»Sara wird gleich kommen und mit mir laufen. Wir sind verabredet.« Demonstrativ schaute Anna auf ihre Armbanduhr.

»Komm schon, Anna.« Er setzte seinen Dackelblick auf. Anna wandte sich ab. Noch vor einer Weile hatte sie es süß gefunden, wenn er sie auf diese Weise ansah. Mit der rosaroten Brille auf den Augen hatte er sie damit jedes Mal milde gestimmt. Doch dieses Mal würde er auf Granit beißen. Sollte er sich doch eine andere Dumme suchen, die seine Eifersuchtsanfälle und Schnüffeleien ertrug.

»Es ist vorbei, Markus«, antwortete sie um einen schroffen Unterton bemüht. »Und hör damit auf, mich ständig anzurufen oder mir irgendwo aufzulauern.«

Sein Blick wurde traurig. Er ließ die Schultern hängen. Er war ein guter Schauspieler, das musste sie ihm lassen. Doch dieses Mal würde ihm seine Show nichts nützen.

»Ich werde dir auch allen Freiraum lassen, den du brauchst«, startete er einen weiteren Versuch. »Ich war ein Esel. Ich liebe dich, Anna, ich will dich nicht verlieren.« Er machte einen Schritt auf sie zu und streckte die Hand nach ihr aus. Anna versank in seinen traurigen Augen. In ihrem Magen begann es zu kribbeln. Reiß dich zusammen, schalt sie sich. Nicht wieder schwach werden. In spätestens drei Tagen wäre alles wie vorher.

»Hallo Anna«, kam ihr Sara zu Hilfe, die plötzlich hinter ihr auftauchte. »Markus, du auch hier?«

Anna atmete erleichtert auf und wandte sich um.

»Sara, wie schön. Da bist du ja endlich. Markus wollte gerade gehen.« Sie warf ihrem Exfreund einen kühlen Blick zu.

»Dann können wir ja los«, sagte Sara. »Sonst kommen wir auf dem Rückweg noch in die Dunkelheit. Bis irgendwann mal, Markus.« Ihre Stimme klang aufgesetzt freundlich, ihr Lächeln war unverbindlich und kühl. Anna, die sich ebenfalls mit knappen Worten von ihm verabschiedete, musste schmunzeln. Markus hatte Sara noch nie leiden können, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Der geschleckte Typ bringt nur Ärger, hatte Sara von Anfang an gesagt. Wie recht sie doch hatte, dachte Anna, während sie Sara den Mattensteg über die Limmat folgte. Am anderen Ufer bogen sie in den Kloster-Fahr-Weg ein, der am Ufer entlang bis zum Kraftwerk Höngg ging, was den Wendepunkt ihrer Laufstrecke darstellte. Dort liefen sie über die Werdinsel ans rechte Ufer und zurück. Anna hatte nach ihrer Ankunft in Zürich vor drei Jahren mehrere Joggingrunden ausprobiert, und diese war zu ihrem Favoriten geworden. Sie liebte es, am Fluss entlangzulaufen und über das Wasser zu blicken, auf dem sich Schwäne, Enten und Blesshühner tummelten.

»Entschuldige, dass ich mich verspätet habe«, sagte Sara. »Aber es konnte ja keiner ahnen, dass er dir sogar hier auflauert.«

»Ich habe es fast befürchtet«, antwortete Anna seufzend. »Vor der Bank hat er ja schon mehrfach gestanden, und auch in meinem Stammcafé ist er vorgestern aufgetaucht. Ich bin ihm nur entgangen, weil ich sofort auf dem Absatz kehrtgemacht habe, bevor er mich entdeckt hatte.«

»Wenn das so weitergeht, wirst du noch eine Verfügung bei der Polizei erwirken müssen, damit er dich in Ruhe lässt. Ich habe dir ja gleich gesagt ...«

»Ja, ja«, unterbrach Anna sie. »Er ist ein unangenehmer Typ, mit dem es nur Ärger geben wird – ich weiß. Die Polizei wird es schon nicht brauchen. Irgendwann wird er schon kapieren, dass es aus ist.«

»Hoffentlich findet er bald ein neues Opfer«, meinte Sara. »Irgendein Dummchen, das ihn vielleicht sogar heiratet. Dann hast du ein für alle Mal deine Ruhe.« Sie blieb stehen und japste nach Luft. Die Hände auf die Oberschenkel gestützt, ging sie sogar leicht in die Knie. Besorgt sah Anna ihre Freundin an.

»Was ist los? Geht es dir nicht gut?«

»Es wird schon besser. Plötzlich war mir schwindelig.«

»Das muss am Wetter liegen«, sagte Anna. »Diese ständige Schwüle geht mir auch an die Substanz, und ich bin kein wetterfühliger Mensch.«

»Nein, daran liegt es nicht«, erwiderte Sara und richtete sich auf. Plötzlich umspielte ein Lächeln ihre Lippen.

Annas Augen wurden groß.

»Nein ... Du bist doch nicht etwa schwanger?«

»Doch. Sechste Woche«, platzte Sara heraus. »Deswegen war ich auch zu spät. Ich hatte noch einen Arzttermin. Sogar das kleine Herz schlägt schon. Ich habe es auf dem Monitor gesehen.«

»Gratuliere.« Anna umarmte Sara freudig. Sie wusste, wie lange Sara und Johannes sich schon ein Kind wünschten. Sie hatten die Hoffnung, dass es auf natürlichem Weg klappen könnte, beinahe aufgegeben. Sogar einen Termin in einer Fruchtbarkeitsklinik hatte Sara vor einigen Wochen vereinbart.

»Wie schön. Weiß es Johannes schon?«

»Noch nicht«, antwortete Sara. Die beiden setzten sich wieder in Bewegung, liefen aber nicht mehr, sondern spazierten einfach am Ufer entlang.

»Ich weiß gar nicht, wie ich ihm die guten Neuigkeiten mitteilen soll. Es einfach so zu sagen wäre doch unpassend nach all der Zeit, die wir darauf gewartet haben. Vielleicht sollte ich Babyschühchen kaufen oder einen Schnuller.«

»Das ist eine süße Idee. Ich freu mich so für dich!« Anna blieb stehen und umarmte die Freundin noch einmal. »Hoffentlich geht auch alles gut«, antwortete Sara. »Immerhin bin ich schon über dreißig.«

»Jetzt mach mal halblang«, suchte Anna, sie zu beruhigen. Du bist erst einunddreißig. Bestimmt wird alles völlig unkompliziert verlaufen. Allerdings müssen wir jetzt auf dich aufpassen. Ist dir übel?«

»Ein wenig morgens. Doch es ist erträglich. Und wie man sieht, wird mir beim Laufen schwindelig. Aber der Arzt meinte, ich könnte ganz normal weiter Sport machen. Nur Trampolinspringen sollte ich fürs Erste lassen.« Sie grinste. Die beiden fielen wieder in einen leichten Trab.

»Dann werde ich dich also bald als Schreibtischkollegin verlieren«, sagte Anna. »Wie soll ich ohne dich all diese Zicken ertragen?«

»So schlimm ist es auch wieder nicht. Mit den meisten verstehst du dich doch ganz gut.«

»Aber ohne dich wird es nicht dasselbe sein.«

»Vielleicht komme ich ja schon bald nach der Geburt zurück. Wir müssen sowieso überlegen, wie es weitergeht. Eine größere Wohnung können wir uns in Zürich kaum leisten, schon gar nicht mit einem Gehalt.«

»Da hast du recht«, erwiderte Anna seufzend. Auch sie bezahlte für ihre kleine Zweizimmerwohnung, die im Stadtteil Oerlikon lag, ein halbes Vermögen. Größere Sprünge waren, obwohl sie sehr gut verdiente, nicht drin. Bevor sie nach Zürich gekommen war, hatte sie auf deutscher Seite eine kleine Wohnung gehabt, die weniger als die Hälfte gekostet hatte. Doch der Ehrgeiz hatte sie in die Bankenmetropole geführt, wo sie bei der UBS-Bank als Investmentbankerinarbeitete. Sie war vier Jahre älter als Sara und verschwendete im Gegensatz zu ihr keinen Gedanken an Familie oder Kinderkriegen. Vielleicht war es auch das gewesen, was sie mit der Zeit an Markus geärgert hatte. Immer wieder hatte er vom Heiraten und einer Familie gesprochen. Ein Haus mit Garten, Idylle auf dem Land. Langeweile war da doch vorprogrammiert.

»Johannes spielt schon seit einer Weile mit dem Gedanken, aus Zürich wegzugehen. Basel ist auch interessant, und er müsste nur einen Versetzungsantrag stellen.«

»Und Johannes' Eltern sind in Basel«, vervollständigte Anna Saras Ausführungen. »Also wirst du über kurz oder lang nicht nur deinen Schreibtisch, sondern auch Zürich verlassen?«

»Vermutlich. Aber sicher ist das noch nicht«, erwiderte Sara. »Es kann dauern, bis Versetzungsanträge genehmigt werden. Sollte es jedoch so kommen, haben wir es ja nicht weit. Basel ist nicht aus der Welt.«

»Nein, ist es nicht«, erwiderte Anna, wissend, dass sie Sara verlieren würde. Genauso war es mit ihrer Freundin Greta in Konstanz gewesen, wo noch immer ihre Mutter lebte. Sie kannten sich seit der Schulzeit und waren wie Pech und Schwefel gewesen. Dann jedoch hatte Greta geheiratet, war mit ihrem Ehemann nach Bern gezogen und schwanger geworden. Inzwischen hatte sie drei Kinder, ein Mädchen und Zwillingsjungen, die Anna einmal erlebt hatte, was sie niemals wiederholen wollte. Greta war mit der Rasselbande sichtlich überfordert gewesen und hatte ihr fast schon leidgetan. Inzwischen hatten sie kaum noch Kontakt. Gewiss würde es mit Sara so ähnlich enden, was Anna schon jetzt bedauerte.

Den Rest des Weges unterhielten sie sich über die Arbeit. Es ging um Aktienkurse und Kunden, die sie mal mehr, mal weniger leiden konnten. Der Bürokomplex der UBS wurde um einen Anbau erweitert, was in den nächsten Wochen eine Menge Baulärm bedeutete. Als sie den Platzspitz wieder erreichten, war es bereits dunkel geworden.

»Ist eben noch nicht Sommer«, kommentierte Sara den raschen Einbruch der Nacht.

»Aber es dauert nicht mehr lang«, antwortete Anna mit einem Lächeln. »Ich finde, es riecht schon danach.« Sie atmete die milde, nach Blumen duftende Abendluft ein und lächelte.

»Ich glaube, ich überrasche ihn mit den Schühchen«, ging Sara nicht auf Annas Antwort ein.

»Das ist eine gute Idee«, antwortete Anna, die diese Sorte Gedankensprünge von Sara gewohnt war.

»Bei Manor gibt es bestimmt schöne. Wenn du magst, können wir morgen in der Mittagspause zusammen welche aussuchen.«

»Das würdest du wirklich mit mir machen?«, fragte Sara.

»Aber natürlich«, erwiderte Anna und legte ihr den Arm über die Schulter. Sie liefen Richtung Museum. »Wann willst du es dem Chef sagen?«

»Erst nach dem dritten Monat«, antwortete Sara. »Dann ist es sicher.«

Sie erreichten die Straßenbahnhaltestelle und verabschiedeten sich voneinander, als Annas Bahn einfuhr. Anna nahm am Fenster Platz und winkte Sara zum Abschied noch einmal zu. Wie glücklich sie aussah, ihre Augen strahlten so. Vielleicht war es ja doch nicht so schlimm, eine Familie zu gründen? Anna schob den Gedanken beiseite und lehnte ihren Kopf, der leicht zu dröhnen begonnen hatte, gegen die Scheibe. Bei ihrem Händchen für Männer würde es mit dem Familienglück sowieso nichts werden. Als sie in Oerlikon ausstieg, lief sie wie immer am Hotel Stern vorüber, bog unweit davon in eine Seitenstraße ab und betrat kurz darauf den engen Hinterhof, in dem ihre Wohnung in einem von der Straße abgewandten Gebäude aus den fünfziger Jahren lag. Als sie in ihrem winzigen Flur das Licht anknipste, fiel ihr sofort das Blinken ihres Anrufbeantworters auf. Sie drückte auf die Playtaste, und die Stimme ihrer Mutter ertönte.

»Anna, bist du da? Du musst sofort herkommen. Ich hatte einen Fahrradunfall und liege im Krankenhaus.«

»Auch das noch«, fluchte Anna. Sie würde sich morgen den Tag frei nehmen müssen, was Thomas, ihrem direkten Vorgesetzten, vermutlich nicht gefiele. Am besten wäre es, sie sagte ihm gleich Bescheid und Sara auch. Dann musste sie eben die Schühchen für die Babyüberraschung ohne sie aussuchen. Anna fischte ihr BlackBerry aus der Tasche und begann, zwei Nachrichten zu tippen. Thomas antwortete sofort, verständnisvoller als erwartet, und schlug ihr sogar vor, sich bis zum Wochenende frei zu nehmen. Anna stimmte gern zu, dann hätte sie noch etwas Zeit, um Konstanz, ihre Heimatstadt, zu genießen. Vielleicht ergab sich ja auch die Möglichkeit, einige alte Freunde wiederzutreffen. Sie beschloss, gleich aufzubrechen. Nur schnell duschen und packen, dann würde sie sich auf den Weg machen.

Einige Stunden später öffnete Anna die Tür zu ihrem Elternhaus, das in einem ruhigen Ortsteil von Konstanz lag, in dem es hauptsächlich Einfamilienhäuser gab. Abgestandene Luft schlug ihr im Flur entgegen. Im Wohnzimmer entdeckte Anna jedoch, dass die Terrassentür offen stand. Ihre Mutter war noch nie gut darin gewesen, auf das Haus zu achten. Sie hatte nur Glück, dass Konstanz' Einbrecherschaft von ihrer Schusseligkeit noch nichts mitbekommen hatte. Anna trat auf die Terrasse und ließ ihren Blick über die Gartenmöbel aus Teakholz in den dunklen Garten schweifen, der früher das Reich ihres Vaters gewesen war. Jetzt war er schon vier Jahre tot. Herzinfarkt mit zweiundsiebzig. Dabei hatten ihre Eltern noch so viele Pläne gehabt, nachdem er sich ein halbes Jahr vor seinem Tod endlich dazu durchgerungen hatte, seine Kanzlei an seinen Nachfolger zu übergeben. Ihre Mutter hatte sein plötzlicher Tod in ein tiefes Loch gerissen, aus dem sie nur langsam wieder herauskroch. Doch das Leben musste weitergehen. Inzwischen hatte sie einige neue Freundschaften geschlossen und ging auch wieder zum Yoga. Besonders Hilde, die Nachbarin von gegenüber, hatte sich sehr um ihre Mutter bemüht.

Ein klirrendes Geräusch hinter ihr ließ Anna zusammenzucken, sie wandte sich erschrocken um. Doch es war nur Felix, der grau-weiß getigerte Kater ihrer Mutter, der einen Blumentopf vom Fensterbrett gefegt hatte und sie mit seinen großen blauen Katzenaugen unschuldig ansah. Seufzend ging Anna zurück ins Haus und streichelte dem Kater über den Kopf, der sofort den Schwanz hob und vertrauensselig zu schnurren begann.

»Felix, du alter Gauner. Du hast mich erschreckt. Wenn das die Mama sieht.« Sie hob mahnend den Zeigefinger. Der Kater sprang vom Fensterbrett und strich um ihre Beine. »Du hast bestimmt Hunger, was?« Anna ging in die Küche und knipste das Licht an. Wie immer war alles ordentlich aufgeräumt. Von ihrer Mutter, einer wahren Putzfanatikerin, hatte sie auch nichts anderes erwartet. Glücklicherweise hatte sie Annas kleines Reich in Zürich noch nie betreten, in dem das Chaos einer berufstätigen Frau herrschte, womit Anna ihre Unordentlichkeit gern entschuldigte. Ihrer Meinung nach war Zeit etwas viel zu Kostbares, um sie mit Putzen zu verbringen. Die Küche ihrer Eltern war im Landhausstil gehalten, was Anna nicht sonderlich gefiel. Sie mochte lieber modernes Design und klare Linien. Aber die Größe des Raumes liebte sie. Es gab eine Kochinsel und eine gemütliche Essecke, in der ihre Mutter nun allein sitzen musste. Während Anna den Kühlschrank öffnete und das Katzenfutter herausholte, dachte sie darüber nach, wie oft sie ihrer Mutter schon vorgeschlagen hatte, das Haus zu verkaufen. Wer brauchte für sich allein schon über zweihundert Quadratmeter Wohnfläche? Vom riesigen Garten ganz zu schweigen. Doch ihre Mutter wiegelte jedes Mal ab. Hier war sie doch zu Hause. Woanders würde sie sich nicht wohlfühlen. So putzte sie sich also jeden Tag durch die Etagen bis ins Dachgeschoss, wo Annas früheres Reich lag. Ein geräumiges Zimmer mit eigenem Balkon und einem rosa gefliesten Badezimmer.

Genau in dem Moment, als Anna dem Kater sein Futter hinstellte, klingelte das Telefon. Als sie abhob, erklang die Stimme ihrer Mutter.

»Hab ich mir doch gedacht, dass du schon da bist«, sagte sie, ohne Anna zu begrüßen.

»Guten Abend, Mama«, erwiderte Anna mit einem Grinsen. »Was machst du denn? Was ist passiert?«

»Frag nicht«, antwortete ihre Mutter. »Dieser dämliche Gemüselaster. Wie ich den übersehen konnte, bleibt mir ein Rätsel. Gott sei Dank hat der junge Mann schnell reagiert, sonst wäre weiß der Himmel was passiert. So ist es nur ein Gipsbein.«

(Continues…)


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