Die Liebenden von Siena: Roman

Die Liebenden von Siena: Roman

by Melodie Rose Winawer, Marion Balkenhol

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Overview

Der große Siena-Roman für alle Fans von Outlander Die Neurochirugin Beatrice Trovato arbeitet rund um die Uhr. Als ihr Bruder stirbt, fliegt sie nach Siena um seinen Nachlass zu ordnen. Auf einem Kirchenfresko des berühmten Malers Accorsi aus dem 14. Jahrhundert entdeckt sie sich selbst - wie ist das möglich?  Tags darauf erwacht sie im mittelalterlichen Siena. Für die Ärztin ist es ein Schock: spielt ihr das Gedächtnis einen Streich? Erst langsam findet Beatrice sich in der neuen Zeit zurecht und öffnet ihr Herz für die ursprüngliche Schönheit des mittelalterlichen Lebens. Als sie Accorsi kennenlernt, verliebt sie sich unsterblich in ihn. Aber mit Ausbruch der Pest ist nicht nur ihr Leben, sondern auch die Existenz von Siena bedroht, und Beatrice muss sich entscheiden, in welches Jahrhundert sie gehört. "Eine wunderbare, pulsierende Geschichte über das Gestern und das Heute" Publishers Weekly

Product Details

ISBN-13: 9783843717397
Publisher: Ullstein Ebooks
Publication date: 03/09/2018
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 528
File size: 1 MB

About the Author

Dr. Melodie Rose Winawer ist außerordentliche Professorin für Neurologie an der Columbia Universität in New York. Sie hat über 40 medizinische Artikel und Buchbeiträge geschrieben. "Die Liebenden von Siena" ist ihr Debütroman.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Einfühlungsvermögen

Wenn das Telefon klingelt, hat man als Neurochirurgin ein Problem: Man muss abheben. Als um drei Uhr nachts mein Handy neben dem Bett brummte, war ich daher auf der Stelle hellwach. Der Bereitschaftsarzt in der Notaufnahme klang, als hätte er eine schlechte Nacht.

»Doktor Trovato? Hier spricht Doktor Green, Station A. Wir haben hier eine alte Dame mit Kleinhirnblutung – sie reagiert nicht, und die CT sieht übel aus. Wie schnell können Sie hier sein?«

»In acht Minuten. Rufen Sie im OP an.«

Die hintere Schädelgrube, in der sich das Kleinhirn befindet, ist ein gefährlich kleiner Raum mit festen Wänden; kein Platz für eine Blutexplosion. Die Folge ist eine Katastrophe – das Hirn wird in die einzig mögliche Richtung gedrängt: durch das große Hinterhauptloch unten im Schädel hinab, wobei es das Stammhirn zerquetscht, das Kontrollzentrum für alle lebenswichtigen Körperfunktionen. Es sei denn, ein Chirurg trifft rechtzeitig ein. Es war noch dunkel, als ich ins Krankenhaus fuhr und meine Vorgehensweise plante. Auf dem kaum befahrenen Broadway suchten ein paar Taxifahrer vergeblich nach Fahrgästen. Ich erhöhte meine Geschwindigkeit, um überall bei Grün durchzukommen.

Ich desinfizierte Hände und Arme am großen Edelstahlbecken und ging rückwärts durch die Doppeltür in den OP. Linney, meine Lieblingsanästhesistin, nahm ihren Platz mir gegenüber am Kopf der Patientin ein, während ich Operationshandschuhe überzog. Aufgabe der Anästhesistin ist es, jeden Atemzug, jeden Herzschlag und den Blutdruck zu überwachen. Linney, geschickt und ruhig, signalisierte mir, dass alles für den Schnitt bereit sei. Ich betrachtete den Nacken der Patientin, unschuldig und leicht zerfurcht, der die Katastrophe darunter verbarg. Ich führte rasch einen Schnitt am Hinterkopf aus, ein paar Zentimeter hinter ihrem Ohr, dann an ihrem Nacken hinunter. Durch die Haut, dann die Muskulatur, anschließend sägte ich mit dem Kraniotom durch Knochen. Durchtrennte die Dura, um das Kleinhirn freizulegen ... da. Als ich das frische Gerinnsel herausholte, bekam ich plötzlich keine Luft mehr. Einen Moment lang drohte ich zu ertrinken und versuchte, um mich schlagend an die Oberfläche zu gelangen.

»Linney«, sagte ich, »stimmt etwas nicht mit der Beatmung?« Linney schaute verblüfft zu mir auf, dann auf die Monitore. Drei Sekunden später, lange drei Sekunden, gingen die Alarmsignale los.

Kurz vor Mittag schlug die Patientin die Augen auf, und am späten Nachmittag war sie wach und hielt die Hand ihrer Tochter. Ich begab mich in den Umkleideraum.

»Beatrice, Mittagszeit«, sagte Linney, während wir unsere Kittel und Schuhüberzieher abstreiften. Ich folgte ihr in die Mitarbeiter-Kantine. Linney führte keine normalen Unterhaltungen. Wenn ich sie anrief und sagte: »Hi, wie geht's?«, pflegte sie zu antworten: »Komm zur Sache.« Wir saßen uns an einem weiß beschichteten Tisch gegenüber. Die Kantine, die Großes anstrebte, verfehlte knapp ihr Ziel. Auf einem Schild über einem Korb mit Brötchen in Plastikfolie stand in Buchdruck »Brotsorten aus eigener Herstellung«. Ich nahm lieber einen Apfel.

»Beatrice, woher wusstest du, dass die Frau unter Sauerstoffmangel litt?«

»Ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen«, erwiderte ich, »aber ich wusste, dass es die Patientin war.« Das wurde mir erst klar, als ich es laut aussprach.

»Soll das heißen, Doktor Trovato«, (ich wusste, jetzt hatte ich ein Problem, da wir uns nicht mehr duzten), »dass Sie es einfach wussten

»Ich wusste es einfach«, sagte ich.

»Du solltest mehr als nur einen Apfel essen«, erwiderte Linney und wechselte so abrupt wie immer das Thema, »heute stehen noch fünf weitere Fälle an.« Sie stand auf und ließ mich mit der Apfelkitsche in der Hand zurück.

Ich blieb danach noch eine Weile am Tisch sitzen. Die Chirurgie scheint so einfach: jemanden aufschneiden, Schaden beheben, schließen. Doch selbst wenn man im Körper arbeitet, gelangt man nicht unbedingt an den Kern des Problems. Während meiner Ausbildung als Neurochirurgin wollte ich erfahren, ob die Kopfschmerzen einer Teenagerin Symptom für eine schwierige häusliche Situation waren oder der Vorbote eines undichten Aneurysmas im Gehirn. Ich wollte sichergehen, dass die deprimierte Patientin, die ich mit Schmerzmitteln für einen Hirntumor nach Hause schickte, nicht versuchen würde, alle auf einmal zu schlucken, um Selbstmord zu begehen. Und ich habe mir immer gewünscht, ich könnte meine Patienten erreichen, die durch den Verlust der Sprache zum Schweigen gebracht wurden oder in der Leere eines Komas gefangen waren und endlos in ihrer eigenen inneren Dunkelheit kreisten. Ich hatte das Gehirn vieler Menschen mit der Hand berührt, doch ich konnte nicht wissen, wie es sich anfühlt, tatsächlich im Kopf eines anderen zu sein. Heute jedoch war es anscheinend geschehen.

Ich bin zwei Mal Waise geworden. Das erste Mal bei der Geburt, da ich meinen Vater nie gekannt habe und meine Mutter und Zwillingsschwester starben, kurz nachdem ich auf die Welt gekommen war. Ich war Zwilling A, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob das jetzt, nachdem nur noch einer von uns da ist, noch zählt. Mein Bruder Benjamin war gerade achtzehn geworden, als er eine kleine Schwester bekam und eine Mutter verlor; plötzlich war aus dem Bruder ein Elternteil geworden. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er es geschafft hat. Ich weiß nur, dass sein Studium um ein Jahr verschoben wurde; mehr hat er nicht gesagt.

Ben erzählte mir, Mom habe sich nie die Mühe gemacht, Väter für ihre Kinder zu suchen. »Ein bisschen Zeit und eine Mutter, mehr brauchst du nicht«, lautete ihr Wahlspruch. Als Kind habe ich das zitiert, ohne es wirklich zu verstehen, und erntete ein paar sehr schräge Blicke. Sobald ich in die Pubertät kam, wurde mir klar, warum. Ich habe Mom nie gekannt, es sei denn, man rechnet die Zeit, die ich in ihr war, als die des Kennenlernens dazu.

In der Kita beneideten mich alle um meinen einen Elternteil. Zum Muttertag, wenn die Mamas zu Besuch kamen und ihre Karten in schiefer Herzform bekamen, erschien Benjamin in einem getupften Hauskleid, einer blonden Perücke und Pumps. Er hatte gerade ein Studium in Mikrobiologie angefangen, weshalb er Plätzchen in Form von Mikroorganismen mitbrachte. Mir gefielen die Viren am besten, weil sie wie Juwelen aussahen. Am Vatertag kam er in Anzug mit Weste und einem Schnurrbart-Nasen-Brillen-Gestell – frei nach Groucho Marx. Niemand hat sich jemals über mich lustig gemacht, weil ich weder Vater noch Mutter hatte; sie alle wollten einen Benjamin haben.

Zur Vorschule meldete Ben mich in der Franciscan Saint James Academy an, aus Gründen der Tradition und Nostalgie die nächstliegende Wahl; dort hatte Ben dreizehn Jahre zuvor schreiben und Antwortpsalmen gelernt. An der Wand hing ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem er in seiner Rolle als Kamel im alljährlichen Krippenspiel zu sehen war – auf dem Weg zu meiner Dienstagsmesse blieb ich immer davor stehen. Ich musste die Jungfrau Maria spielen, aber im Grunde meines Herzens wäre ich viel lieber das Kamel gewesen.

Während ich in der Grundschule war, absolvierte Ben zwei Studiengänge – Mikrobiologie, dann Geschichte des Mittelalters. Als ich schließlich im neunten Jahr der Highschool mein erstes fetales Schwein sezierte, war er Experte für die Pest geworden, insbesondere für ihr Auftreten im mittelalterlichen Italien. Ben und ich näherten uns der Medizin von entgegengesetzten Seiten. Ich ging nach vorn, direkt zum Patienten, während er zurück ging – in die Vergangenheit.

Bruder oder Schwester zu haben entlastet in gewisser Weise – man teilt einfach alles untereinander auf. Ich wurde die Ärztin, Benjamin der Akademiker, daher beklagte sich meine wissenschaftliche Seite nicht, und er musste sich nie die Frage stellen, ob er nicht doch Arzt hätte werden sollen. Vermutlich hätte es auch anders laufen können – wir hätten auf demselben Gebiet um Exzellenz wetteifern können –, aber Konkurrenz ist mir nie in den Sinn gekommen. Zusammenarbeit auch nicht, bis es zu spät war.

Als ich dreißig war, verfolgte Ben ein Projekt in Siena in Italien und verliebte sich – nicht in eine Person, sondern in die Stadt.

»Kleines B, ich bin bis über beide Ohren verliebt«, schrieb er mir. »Es ist wie eine Zeitreise, aber ohne auf alle Annehmlichkeiten zu verzichten – mittelalterliches Leben plus warme Dusche und Klopapier. Ich überlege, ob ich mir ein Haus kaufe, das groß genug für eine Familie ist. Auch als Meine Kleine Schwester Beatrice bekannt.«

Mir gefiel das Wort Familie auf Papier, aber ich war es nicht gewohnt, Briefe zu schreiben. Den letzten Brief hatte ich aus dem Lager der Pfadfinderinnen geschrieben, auf Briefpapier, das mit Mäusen verziert war, die ihre Schwänze um ein Tintenfass ringelten. Aber Ben hatte es nicht so mit EMails – ich glaube, der mittelalterliche Wissenschaftler in ihm verweigerte sich dem Vormarsch der Technologie.

Ben kaufte sich schließlich sein Haus in Siena, doch drei Jahre später hatte ich es immer noch nicht nach Italien geschafft, und er war nicht nach New York zurückgekehrt. Das war der längste Zeitraum, in dem wir uns nicht gesehen hatten. Wir blieben durch seltene, kostbare Anrufe über die Zeitzonen hinweg in Verbindung und kommunizierten ansonsten auf Bens bevorzugte, wenn auch archaische Art und Weise. Ich hatte mich sogar vom Mittelalter inspirieren lassen und die alten Füllfederhalter ausgegraben, die ich früher einmal für Schönschrift benutzt hatte.

Lieber Ben,

ich weiß, ich muss dich bald besuchen und deine neue Freundin kennenlernen, soll heißen Heimatstadt. Aber ich komme hier im Moment einfach nicht weg. Ich verbringe täglich zwölf Stunden damit, auf zwanzig Quadratzentimeter eines menschlichen Körpers zu schauen und meinen Händen zu suggerieren, das Richtige zu tun. Ein kleiner Fehler, und die Folge ist Blindheit oder linksseitige Schwäche oder Tod – so etwas in der Art. Jede Woche habe ich einen freien Tag, das reicht nicht, um nach Siena und wieder zurück zu fahren. Aber bald, ja? Im OP ging es eindringlicher zu als sonst – ich habe das Gefühl, dass meine Selbstschutzreserven als Ärztin zur Neige gehen, und ich brauche ein Gegenmittel für diesen ganzen Chirurgenkram. Welche Jahreszeit ist am besten?

Alles Liebe, Beatrice

Im OP war es hektischer zugegangen als sonst, und nicht im guten Sinne. Am Tag zuvor hatten Linney und ich uns vor einem Fall von Basalzellenkarzinom im fortgeschrittenen Stadium die Hände desinfiziert. Hautkrebs gehört für gewöhnlich nicht zum Fachgebiet einer Neurochirurgin, doch in diesem Fall hatte die Patientin ständig ihre Perücke über die Wunde auf ihrer Stirn gezogen. Fünfzehn Jahre später saß die Perücke so tief über ihren Augen, dass sie nichts sehen konnte. Als sie dann zu uns kam, hatte der Krebs sich durch ihre Haut und ihre Schädeldecke gefressen, und sie hatte ein vierteldollargroßes Loch zwischen den Augenbrauen, durch das wir die Hirnhaut sehen konnten. Der Anblick im Untersuchungsraum jagte mir einen Schauer über den Rücken. Ich habe schon oft eine Hirnhaut gesehen – nur noch nie außerhalb des OP.

Während der Operation ging es schnell bergab. Kurz nachdem ich den ersten Schnitt gemacht hatte, meldeten die Monitore eine ventrikuläre Tachykardie – eine lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung, die sich verschlimmern kann, da sie den Blutstrom behindert. Nicht gut. Ich warf einen kurzen Blick auf die Monitore – der Blutdruck war stabil, aber das konnte sich ändern. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Linney sich rasch bewegte und um Procainamid bat. Dann vernahm ich plötzlich ein Summen in den Ohren, und danach, völlig unpassend, die Stimme meines Bruders Ben. Mir wurde schwummrig, und dann waren mein Herz und mein Kopf mit der Angst gefüllt, ihn zu verlieren.

Benjamin hatte mir erst von seinem Herzen erzählt, als ich in der medizinischen Fakultät war. Ich war sauer gewesen.

»Ventrikuläre Tachykardie? Um Himmels willen, du bist eine wandelnde Zeitbombe!«

»Mein Kardiologe sagt, wir haben es im Griff. Und du könntest bitte darauf achten, in meiner Gegenwart nichts Schockierendes oder Erschreckendes zu tun ...« Er grinste schief, und ich starrte ihn wutentbrannt an, um meine Panik zu übertünchen.

»Warum hast du mir das nicht schon längst gesagt?«

»Du warst ein Kind – mein Kind im Grunde. Ich dachte nicht, dass du es wissen müsstest. Jetzt bist du ein großes Mädchen.«

Ich schlug ihn. Er hatte es verdient. Ben knurrte, dann fing er von vorn an.

»Du bist eine große Ärztin, wollte ich sagen ...«

»Das klingt schon besser.«

»Und ich dachte, es ist an der Zeit, dass du mich aus der Perspektive einer Erwachsenen kennenlernst. Es ist Jahre her, mir geht's gut.«

Ich versuchte, diese neue Gebrechlichkeit in mein Bild vom unverwüstlichen Ben einzugliedern. Doch mein Herz hämmerte vor Mitgefühl. Ich will ihn nicht verlieren.

»Wie wäre es denn mit einer Umarmung, mein kleines B«, sagte er, »so wie früher?«

Ich barg meinen Kopf an seinem Wollpullover und lauschte auf seinen Herzschlag, langsam und gleichmäßig.

Plötzlich wurde mir bewusst, dass Linney mir schroff ins Ohr flüsterte. »Beatrice, der Blutdruck ist stabil, sie ist wieder im Sinusrhythmus. Was ist los?« Ich wusste nicht genau, was los war, aber das durfte nicht wieder vorkommen. Wenn man ein Skalpell in der Hand hat, ist keine Zeit für emotionale Abschweifungen.

»Alles in Ordnung«, sagte ich. Aber das stimmte nicht.

Siena, 2. Mai

Hey, mein kleines B: Was soll das heißen, im OP ging es eindringlicher zu? Wenn man eindringlich im Lexikon nachschlägt, findet man garantiert NEUROCHIRURGIN an erster Stelle. Ich stelle mir gern vor, wie du Menschen auseinandernimmst und (im Idealfall) wieder zusammensetzt. Auch ich versuche, in den Kopf von Menschen zu gelangen, aber meine Probanden sind bereits tot. Man könnte sagen, ich bin ein Gerichtsmediziner der fernen Vergangenheit. Ich höre dich förmlich sagen, »komm schon, Ben, erspare mir die verschwurbelten Metaphern«. Mir gefällt es, wenn du so etwas von dir gibst. Hey, herzlichen Glückwunsch zum bevorstehenden Geburtstag, Großes Mädchen.

Ich habe ein paar Neuigkeiten, soweit man von einem Mittelalter-Historiker überhaupt sagen kann, dass er »Neuigkeiten« hat. An der Pest und Siena ist mir etwas Komisches aufgefallen. Ich habe Zugang zu Primärquellen, aus denen hervorgeht, warum es Siena während der Pest so schlecht ging. Das wird einen Riesenwirbel geben, wenn ich so weit bin, es zu publizieren. Eigentlich habe ich schon für Aufruhr gesorgt, glaube ich – bei einer Konferenz toskanischer Mediävisten habe ich Hinweise eingestreut, und ein paar »Kollegen« haben sich über meine Andeutungen aufgeregt.

Sie sind wahrscheinlich empört, weil sie zuerst zu diesen Erkenntnissen gelangen wollten, aber ich bin nicht nur der Erste, ich habe sogar etwas, das sie nicht haben – und das ist etwas Heikles. Ich wünschte, du wärst hier und könntest mit mir zusammen darüber brüten, so wie damals, als du noch ein Kind warst. Ich sehe dich noch als Neunjährige vor mir, deine glatten schwarzen Haare um dein ernstes kleines Gesicht. Schon damals hattest du diesen konzentrierten Laserblick; du konntest immer nur die paar faszinierenden Zentimeter direkt vor dir sehen. Ich hätte darauf kommen können, dass eine Chirurgin aus dir wird. Eine Zeit lang dachte ich, du könntest auch Geschichte studieren, so wie ich, aber du hast dich stattdessen für das Messer entschieden. »Eine Krankengeschichte aufnehmen«, sagt ihr Ärzte immer auf die besitzergreifende Art, die ihr nun mal an euch habt. Wir Historiker ziehen den Begriff »entlehnen« vor, da es uns nicht zusteht, etwas zu nehmen.

Siena würde dir gefallen, und es ist verrückt, dass du das Haus noch nicht gesehen hast. Du solltest Urlaub nehmen und mir bei meinem kleinen Rätsel helfen. Du willst im Juli ohnehin nicht im Krankenhaus sein, wenn die neuen Assistenzärzte kommen und du ihnen beibringen musst, wie man Menschen nicht umbringt.

Die Zeit ist ideal für einen Besuch. Die beiden Palios – die Pferderennen, die die Stadt seit siebenhundert Jahren jeden Sommer in Besitz nehmen – stehen bevor, und alle Welt ist hier in heller Aufregung. Wir können zusammen alte Manuskripte lesen. Das mittelalterliche Italienisch ist dem neuzeitlichen so nah, dass du damit klarkommen solltest. Wie gut, dass ich deine italienische Erziehung so ernst genommen habe, nicht wahr? Dass Beatrice Alessandra Trovato heranwachsen sollte, ohne in ihrer Muttersprache sprechen und schreiben zu lernen, kam nicht infrage. Vielleicht war Dante ein komischer Weg, es zu lernen, aber eigentlich kann einem nichts Besseres passieren.

Gib mir Bescheid, ich werde das Gästebett extra für dich frisch beziehen.

Ich hab dich lieb, meine kleine B,

Ben

(Continues…)


Excerpted from "Die Liebenden von Siena"
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