Der Tag, an dem wir dich vergaßen: Spannendes Familiendrama

Der Tag, an dem wir dich vergaßen: Spannendes Familiendrama

by Diane Chamberlain, Marion Ahl

NOOK Book(eBook)

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Overview

Nach dem Tod ihres Vaters kehrt Riley MacPherson nach North Carolina zurück. Jahrelang hat sie diesen Ort gemieden - zu zerrüttet war ihre Familie seit dem Selbstmord ihrer Schwester vor über 20 Jahren. Als Riley ihr Elternhaus ausräumt findet sie eine Schachtel mit alten Zeitungsartikeln und macht eine schockierende Entdeckung: Lebt ihre totgeglaubte Schwester etwa noch? Was ist damals geschehen? Doch bei ihren Nachforschungen stößt Riley auf eine undurchdringliche Mauer des Schweigens … "Ein absoluter Pageturner und ein Muss für alle Mystery-Fans!" Library Journal "Kraftvoll und aufregend." Booklist

Product Details

ISBN-13: 9783959676441
Publisher: HarperCollins Publishers
Publication date: 05/08/2017
Sold by: Readbox
Format: NOOK Book
Pages: 400
File size: 2 MB

About the Author

Diane Chamberlain ist in Plainfield, New Jersey, geboren und aufgewachsen. Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin arbeitete sie als medizinische Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin. Bisher sind 16 Romane von ihr erschienen. Diane Chamberlain hat drei erwachsene Stieftöchter, einen Enkelsohn und zwei Shelties, die immer dann mit ihr spielen wollen, wenn ihr gerade eine großartige Idee für ein neues Buch gekommen ist.

Read an Excerpt

Der Tag, an dem wir dich vergaßen


By Diane Chamberlain

HarperCollins Publisher

Copyright © 2017 HarperCollins in der HarperCollins Germany GmbH
All rights reserved.
ISBN: 978-3-95967-644-1


CHAPTER 1

RILEY


Juni 2013

Ich hätte nie erwartet, dass ich bis zu meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr nahezu alle Menschen verlieren würde, die ich liebte.

Ich spürte, wie mich erneut eine Welle der Trauer erfasste, als ich vor dem kleinen, unscheinbaren Postamt in Pollocksville parkte. Die drei Stunden Fahrt von meiner Wohnung in Durham aus waren mir eher wie sechs Stunden vorgekommen. In Gedanken hatte ich eine Liste von all den Dingen erstellt, die ich erledigen musste, sobald ich in New Bern angekommen war. Die Gedanken an die Liste wurden von dem Gefühl der Einsamkeit verdrängt, das mich beschlich, doch ich hatte nicht viel Zeit, um mich meiner Traurigkeit hinzugeben.

Als Erstes musste ich bei diesem Postamt sechzehn Kilometer vor New Bern haltmachen. Ich musste das einfach hinter mich bringen und diesen Punkt auf meiner Liste abhaken. Ich kramte die weiße Postkarte aus dünner Pappe aus meiner Handtasche hervor und ging hinein. Außer mir waren keine Kunden da, und meine Turnschuhe quietschten auf dem Fußboden, als ich zum Schalter lief. Die Postangestellte, die dort auf mich wartete, erinnerte mich mit ihrer dunklen Haut und der perfekten Flechtfrisur an meine Freundin Sherise, weshalb sie mir gleich sympathisch war.

"Wie kann ich Ihnen helfen?", fragte sie.

Ich reichte ihr die Postkarte. "Ich bin etwas irritiert wegen dieser Karte hier", erklärte ich. "Mein Vater ist vor einem Monat gestorben. Seine Post wird an meine Adresse in Durham nachgesendet, und jetzt ist diese Karte gekommen und –"

"Solche Karten verschicken wir, wenn jemand die Rechnung für das Postfach nicht beglichen hat", sagte sie und sah sich die Karte an. "Es ist eine Mahnung. Wenn man nicht innerhalb von zwei Monaten zahlt, schließen wir das Postfach und wechseln das Schloss aus."

"Gut, das verstehe ich, aber sehen Sie hier", ich drehte die Karte um. "Das ist nicht der Name meines Vaters. Ich weiß nicht, wer Fred Marcus ist. Mein Vater hieß Frank MacPherson. Die Karte muss mir irrtümlich geschickt worden sein. Ich glaube nicht einmal, dass mein Vater überhaupt ein Postfach gehabt hat. Wozu hätte er das auch gebraucht? Schon gar nicht in Pollocksville, wo er doch in New Bern wohnt – gewohnt hat." Ich würde wohl noch eine ganze Weile brauchen, bis ich gelernt hatte, von meinem Vater in der Vergangenheit zu sprechen.

"Ich prüfe das mal nach." Sie verschwand im Lager des Postamtes und war einen Augenblick später schon wieder da, mit einem dünnen lilafarbenen Umschlag und einem weißen Karteikärtchen in der Hand. "Das ist alles, was darin war", sagte sie und reichte mir den Umschlag. "Adressiert an Fred Marcus. Ich habe in den Akten nachgesehen, und das Postfach ist diesem Namen und dieser Postanschrift zugeordnet." Sie reichte mir die Karteikarte. Die Unterschrift sah nach der Handschrift meines Vaters aus, doch die war nicht wirklich unverkennbar. Außerdem war es nicht sein Name.

"Straße und Hausnummer stimmen, aber wer auch immer dieser Typ ist, er muss seine Adresse falsch aufgeschrieben haben", sagte ich und steckte den lilafarbenen Umschlag in meine Handtasche.

"Möchten Sie, dass ich das Postfach schließe, oder möchten Sie bezahlen, um es weiter zu nutzen?", fragte mich die Postangestellte.

"Ich weiß nicht, ob es mir zusteht, es schließen zu lassen, aber ich werde es nicht bezahlen, also ..." Ich zuckte die Schultern.

"Dann werde ich es schließen", sagte sie.

"In Ordnung." Ich war froh, dass sie mir die Entscheidung abnahm. "Ich hoffe, es macht Fred Marcus nichts aus, wer auch immer das ist." Ich wandte mich zur Tür.

"Tut mir leid wegen Ihres Daddys", sagte die Postangestellte.

"Danke", sagte ich und drehte mich noch einmal zu ihr um. Bis ich am Auto war, fühlte ich schon wieder die Tränen in mir aufsteigen.


Als ich nach New Bern hineinfuhr, kam ich an der Altstadt vorbei, an den dicht an dicht gebauten alten Häusern der baumbewachsenen Alleen und an riesigen bemalten Bären aus Fiberglas, die hie und da zwischen den Läden aufgestellt waren. Vor mir auf der Straße traten zwei Fahrrad-Cops in die Pedale, was meine Laune etwas erhellte. Auch wenn ich, seitdem ich aufs College gegangen war, nicht mehr in New Bern gelebt hatte, fühlte es sich dennoch so an, als würde ich nach Hause kommen. Es war ein ganz besonderer kleiner Ort.

Ich bog in die Craven Street ein und fuhr in unsere Einfahrt. Daddys Auto stand in der Garage, ich konnte das Dach durch die Glasfenster im Garagentor sehen, von denen eines zerbrochen war. An sein Auto hatte ich gar nicht gedacht. Sollte ich es verkaufen oder lieber verschenken? Morgen früh hatte ich einen Termin mit seiner Rechtsanwältin, und diese Frage würde ich meiner immer umfangreicher werdenden Liste hinzufügen. Eigentlich sollte ich das Auto meinem Bruder Danny geben, um es gegen seine alte Schrottlaube auszutauschen, aber ich befürchtete, dass er ablehnen würde.

Unser Haus war ein zweistöckiges, pastellgelbes Gebäude im viktorianischen Stil, das dringend gestrichen werden musste. Es hatte eine ausladende Veranda, die von einem filigranen weißen Geländer und Stützpfeilern gesäumt war. Ich liebte dieses Haus sehr und konnte mich nicht daran erinnern, jemals in einem anderen gelebt zu haben. Nach dem Verkauf würde es keinen Grund mehr für mich geben, noch einmal nach New Bern zurückzukehren. Diese Besuche zu Hause bei meinem Vater waren für mich immer selbstverständlich gewesen. Nach seinem plötzlichen Tod war ich für zwei Tage hierher zurückgekommen, um seine Einäscherung zu veranlassen und mich um andere Dinge zu kümmern, an die ich mich jetzt schon kaum mehr erinnern konnte. Hatte er eigentlich verbrannt werden wollen? Über so etwas hatten wir nie gesprochen, und ich war in einem derartigen Schockzustand und so durcheinander gewesen, dass ich nicht hatte klar denken können. Bryan war bei mir gewesen, mit seiner beruhigenden, liebevollen Art. Er hatte mich daran erinnert, dass meine Mutter eingeäschert worden war, also sei es wahrscheinlich auch der Wunsch meines Vaters gewesen. Ich hoffte, dass er recht hatte.

Da saß ich nun in meinem Auto in der Einfahrt und fragte mich, ob meine Trennung von Bryan überstürzt gewesen war. Gerade jetzt hätte ich seine Unterstützung brauchen können. Daddy war nicht mehr da, und Sherise befand sich den Sommer über in Haiti, wo sie Missionsarbeit leistete – das Timing hätte nicht schlechter sein können. Andererseits gab es einfach nicht den richtigen Zeitpunkt, um eine zweijährige Beziehung zu beenden.

Die Einsamkeit lastete auf meinen Schultern, als ich aus dem Auto stieg und zum Haus hinaufblickte. Eigentlich hatte ich vorgehabt, es in den nächsten zwei Wochen auszuräumen und dann zusammen mit dem nahe gelegenen Campingplatz meines Vaters zu verkaufen. Doch als ich die vielen Fenster sah und mir vor Augen führte, wie viel an dem Haus dringend repariert werden musste und wie schwer es meinem Vater gefallen war, Dinge wegzuwerfen, wurde mir plötzlich klar, dass dieser Zeitrahmen ziemlich unrealistisch war. Daddy hatte zwar nicht unbedingt Dinge gehortet, aber er war ein Sammler gewesen. Neben zigtausend anderen Gegenständen besaß er Vitrinen voller alter Feuerzeuge und Pfeifen sowie alte Musikinstrumente, die ich alle würde loswerden müssen. Bryan hatte gesagt, dass unser Haus mehr ein verstaubtes altes Museum sei als ein Zuhause, und er hatte recht. Ich versuchte, nicht in Panik zu geraten, und zerrte meine Reisetasche vom Rücksitz. Niemand wartete in Durham auf mich, und ich hatte den ganzen Sommer frei. Ich konnte mir so viel Zeit lassen, wie ich benötigte, um das Haus fertig für den Verkauf zu machen. Würde ich Danny dazu bringen können, mir zu helfen?

Ich stieg die breiten Stufen der Veranda hinauf und schloss die Tür des Vordereingangs auf. Mit einem Quietschen, das mir so vertraut war wie die Stimme meines Vaters, schwang sie auf. Bevor ich das Haus im Mai das letzte Mal verlassen hatte, hatte ich die Rollläden im Wohnzimmer heruntergelassen, und jetzt war es so dunkel, dass ich kaum die Küche hinter dem Wohnzimmer erkennen konnte. Ich atmete den warmen, muffigen Geruch eines zu lange zugesperrten Hauses ein und öffnete die Läden, um das Mittagslicht hineinzulassen. Als ich das Thermostat auf zweiundzwanzig Grad einstellte, sprang die alte Klimaanlage mit einem vertrauten Geräusch an. Dann stand ich mitten im Raum, die Hände an den Hüften, und begutachtete alles im Hinblick darauf, dass ich es entrümpeln musste.

Daddy hatte das geräumige Wohnzimmer als eine Art Büro benutzt, obwohl er auch im oberen Stockwerk ein ziemlich großes Büro hatte. Er liebte Schreibtische, Ablagefächer und Schaukästen. Der Schreibtisch im Wohnzimmer war ein wunderschöner alter Sekretär. An der Wand mir gegenüber, in einem nach Maß angefertigten Regal, das die Tür zur Küche einrahmte, befand sich seine Sammlung klassischer Musik, fast alles Schallplatten, und ein Plattenspieler in einem Schränkchen, das eigens dafür an der Wand angebracht worden war.

Auf der Nordseite des Zimmers stand ein großer Schaukasten mit Glasfront, der seine Pfeifensammlung beinhaltete. Es lag stets ein leichter Tabakgeruch im Raum, auch wenn mein Vater mir gesagt hatte, ich würde mir das nur einbilden. An der gegenüberliegenden Wand stand eine Couch, die mindestens so alt war wie ich, mitsamt Polstersessel. Den restlichen Platz füllte ein Stutzflügel aus, den zu spielen ich nie gelernt hatte. Danny und ich hatten Unterricht bekommen, doch beide kein großes Interesse daran gehabt, und so durften wir wieder damit aufhören. Die Leute sagten: Das sind doch Lisas Geschwister, sicher haben sie Talent. Warum drängt ihr sie nicht dazu? Doch das hatten sie nie getan, und ich war ihnen dankbar dafür.

Ich ging hinüber ins Esszimmer, und mir fiel auf, wie sauber und ordentlich es im Vergleich zum übrigen Haus wirkte. Mein Vater hatte keine Verwendung für diesen Raum gehabt, und ich war mir sicher, dass er so gut wie nie einen Fuß hineingesetzt hatte. Das Esszimmer hatte immer zum Hoheitsgebiet meiner Mutter gehört. Der große Kuriositätenschrank war voll mit Porzellan, Vasen und Schalen aus Kristallglas, die in ihrer Familie von Generation zu Generation weitergereicht worden waren. Lauter Dinge, die sie in Ehren gehalten hatte, und von denen ich mir nun überlegen musste, wie ich sie am besten loswurde. Ich strich mit den Fingern über die staubige Anrichte. Wohin ich auch sah, im ganzen Haus war ich von Erinnerungsstücken umgeben, von denen ich mich nun trennen musste.

Ich trug meine Reisetasche nach oben. Von dem großen Flur gingen vier Zimmer ab. Das erste war das Schlafzimmer meines Vaters, in dem sein von einem Quilt bedecktes Doppelbett stand. Das zweite Zimmer war Dannys gewesen, und auch wenn er nicht mehr zu Hause geschlafen hatte, seit er mit achtzehn ausgezogen war – geflüchtet, wie er es nennen würde–, für mich würde es immer "Dannys Zimmer" bleiben. Das dritte Zimmer war meines, allerdings sah es inzwischen ziemlich spartanisch aus. Nach dem College hatte ich meine Sachen nach und nach ausgeräumt. Die Erinnerungsstücke von der Highschool und aus den College-Jahren – Bilder von alten Freunden, Jahrbücher, CDs, all solche Sachen – bewahrte ich in der Abstellkammer meiner Wohnung in Durham in einer Schachtel auf, wo sie immer noch darauf warteten, durchgesehen zu werden.

Ich warf meine Reisetasche aufs Bett und ging in das vierte Zimmer – das Büro meines Vaters. Daddys wuchtiger alter Computermonitor stand auf einem kleinen Schreibtisch am Fenster, und an zwei Wänden reihten sich Kuriositätenschränke mit Glastüren aneinander. Sie waren voll mit ZippoFeuerzeugen und alten Kompassen. Auch mein Großvater war ein Sammler gewesen; Daddy hatte dann viele der Gegenstände geerbt und die Sammlungen noch erweitert, indem er Craigslist, eBay und Flohmärkte durchstöbert hatte. Er war von diesen Sammlungen besessen gewesen. Ich wusste, dass er die Glasschiebetüren der Schränke abgeschlossen hatte, und hoffte, ich würde die Schlüssel irgendwo finden.

An der vierten Wand lehnten fünf Geigenkästen. Daddy hatte selbst nicht gespielt, doch solange ich denken konnte, hatte er Saiteninstrumente gesammelt. Vom Griff eines der Kästen hing ein Namensschild herab, und ich kniete mich hin und drehte den Anhänger um. Es war schon lange her, dass ich das Schildchen zuletzt betrachtet hatte, doch ich wusste noch, was darauf war: Auf der einen Seite befand sich die Zeichnung eines Veilchens, und auf der anderen standen der Name meiner Schwester – Lisa MacPherson – und unsere alte Adresse in Alexandria, Virginia. In diesem Haus hier hatte Lisa niemals gelebt.


Meine Mutter war kurz nach meinem HighschoolAbschluss gestorben, und obwohl ich sie immer vermissen würde, hatte ich mich daran gewöhnt, dass sie nicht mehr da war. Allerdings war es seltsam, dass Daddy nicht mehr da war. Als ich meine Kleidung in die Kommode räumte, hatte ich das Gefühl, er könnte jeden Moment ins Zimmer kommen, und es fiel mir schwer, mich damit abzufinden, dass das unmöglich war. Mir fehlten unsere wöchentlichen Telefonate und die Gewissheit, dass er nur ein paar Stunden von mir entfernt war. Er war ein toller Gesprächspartner gewesen, und ich hatte immer seine grenzenlose Liebe zu mir gespürt. Es fühlte sich schrecklich an, dass nun in der ganzen weiten Welt niemand mehr da war, der mich so aus tiefstem Herzen liebte.

Ein stiller Mensch war er, vielleicht einer der zurückhaltendsten Menschen der Welt. Er fragte eher, als selbst etwas zu erzählen. Er wollte alles aus meinem Leben wissen, aber hatte nur selten etwas aus seinem eigenen erzählt. Als Schulcounselor in der Mittelstufe war ich eine Art psychologische Beraterin und somit immer diejenige, die Fragen stellen musste. Ich hatte es genossen, die Rollen einmal zu tauschen und zu wissen, dass der, der mir die Fragen stellte, wirklich an meinen Antworten interessiert war. Doch er war ein Einzelgänger gewesen. Nach einem schweren Herzinfarkt war er auf dem Fußboden des Food-LionSupermarkts gestorben. Mehr als alles andere plagte mich jedoch, dass er allein gewesen war.

Bryan hatte vorgeschlagen, einen Gedenkgottesdienst für ihn abzuhalten, doch ich hätte nicht gewusst, wen ich dazu hätte einladen sollen. Falls mein Vater Freunde gehabt hatte, dann kannte ich sie nicht. Anders als die meisten Leute in New Bern gehörte mein Vater keiner Kirche oder irgendeinem Verein an, und mein Bruder hätte sich ganz sicher nicht blicken lassen. Sein Verhältnis zu unserem Vater war ganz anders gewesen als meines. Als ich nach Daddys Tod nach New Bern gekommen war, hatte ich Danny nicht einmal finden können. Sein Freund bei der Polizei, Harry Washington, hatte mir erzählt, dass er zu Dannys Wohnwagen gefahren war, um ihm die Nachricht zu überbringen, und ich war mir sicher, dass er sich dann einfach davongemacht hatte. Er hatte sein Auto neben dem Wohnwagen zurückgelassen. Auf der Suche nach ihm war ich mit Bryan durch den Wald gelaufen, doch Danny kannte diese Wälder besser als jeder andere und hatte seine Verstecke. Jetzt wusste er jedoch nicht, dass ich in der Stadt war, also würde ich ihn diesmal vielleicht überraschen können. Ich würde versuchen, ihn zu überreden, mir mit dem Haus zu helfen. Allerdings machte ich mir keine großen Hoffnungen, dass er Ja sagen würde.

CHAPTER 2

Danny hatte kein Telefon, also fuhr ich zu seinem Wohnwagen hinaus. Er lebte tief im Wald, am Rand von Vaters Campingplatz und gute fünfzehn Kilometer von New Bern entfernt. Ich fuhr die lange, schmale Zufahrtsstraße zu Mac's RV Park entlang. Die Bäume reichten so dicht an mein Auto heran, dass ich mich fragte, wie man dort wohl mit dem Wohnwagen durchkommen sollte. Ich gelangte auf die Schotterstraße, die parallel zum Bach verlief. Der Campingplatz lag zur rechten Seite, doch ich bog nach links auf einen holprigen Waldweg ab, über den ich zu Dannys Wohnwagen gelangen würde. Ich bremste ab, denn jedes Mal schlugen meine Zähne aufeinander, wenn mein Auto durch ein Schlagloch oder über eine Bodenwelle hüpfte.

Ich kam zu der Abzweigung, die in den Wald hineinführte, und bog links ab. Hier war die Straße kaum noch mehr als ein Wanderweg. Man musste schon genau hinsehen, um ihn zu finden, aber genau das mochte Danny. Zweige schlugen gegen die Windschutzscheibe meines Autos, als es über Steine und Baumwurzeln holperte. Auf diesem Weg die kaum hundert Meter bis zu Dannys Wohnwagen zu fahren kam mir immer wie eine Ewigkeit vor.

Endlich erblickte ich zwischen den Bäumen vor mir ein metallisches Glänzen, und ich wappnete mich für das, was nun kommen würde. Welchen Danny würde ich heute antreffen? Den liebevollen großen Bruder, der seine Traurigkeit hinter einem Lächeln verbarg, oder den wütenden, verbitterten Mann, der mir mit seinem aufbrausenden Temperament Angst einjagte? So oder so, ich hasste es, meinem eigenen Bruder nicht helfen zu können, obwohl ich Schulpsychologin war.

Ich fuhr noch ein Stück geradeaus und kam dann auf die kleine Lichtung. Die Bäume bildeten eine smaragdgrüne Höhle um die von Kiefernnadeln bedeckte Erde, und zwischen Dannys kleinem, uralten Airstream-Wohnwagen, seinem rostigen Subaru und der Hängematte, die er an zwei der hoch emporragenden Sumpfkiefern befestigt hatte, fand ich kaum Platz zum Parken. Ich hatte ihm ein paar Tüten mit Lebensmitteln mitgebracht. Ich schob mir die Griffe übers Handgelenk, stieg aus und ging zum Wohnwagen.


(Continues...)

Excerpted from Der Tag, an dem wir dich vergaßen by Diane Chamberlain. Copyright © 2017 HarperCollins in der HarperCollins Germany GmbH. Excerpted by permission of HarperCollins Publisher.
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