Blutzeuge: Thriller

Blutzeuge: Thriller

by Tess Gerritsen, Andreas Jäger

NOOK Book(eBook)

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Overview

Sie haben das Böse gesehen – und er lässt sie mit ihrem Blut zahlen. In Boston wird die Leiche einer jungen Frau gefunden – in der offenen Handfläche liegen ihre Augäpfel. Die Verstümmelung geschah post mortem, wie bei der Obduktion eindeutig festgestellt wird. Doch die genaue Todesursache bleibt unklar. Kurze Zeit später taucht die Leiche eines Mannes auf – Pfeile ragen aus seinem Brustkorb, die ebenfalls erst nach seinem Tod dort platziert wurden. Beide wurden Opfer desselben Täters, ansonsten scheint es keine Verbindung zwischen ihnen zu geben. Detective Jane Rizzoli von der Bostoner Polizei steht vor einem Rätsel, bis eine Spur sie zu einem Jahrzehnte zurückliegenden Fall von Misshandlungen in einem katholischen Kinderhort führt ...

Product Details

ISBN-13: 9783641211578
Publisher: Limes
Publication date: 11/20/2017
Series: Rizzoli-&-Isles-Serie , #12
Sold by: Bookwire
Format: NOOK Book
Pages: 416
File size: 1 MB

About the Author

So gekonnt wie Tess Gerritsen vereint niemand erzählerische Raffinesse mit medizinischer Detailgenauigkeit und psychologischer Glaubwürdigkeit der Figuren. Bevor sie mit dem Schreiben begann, war die Autorin selbst erfolgreiche Ärztin. Der internationale Durchbruch gelang ihr mit dem Thriller "Die Chirurgin", in dem Detective Jane Rizzoli erstmals ermittelt. Seither sind Tess Gerritsens Thriller um das Bostoner Ermittlerduo Rizzoli & Isles von den internationalen Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Maine.

Read an Excerpt

CHAPTER 1

Als ich sieben Jahre alt war, lernte ich, wie wichtig es ist, bei Beerdigungen zu weinen. Der Mann, der an jenem Sommertag im Sarg lag, war mein Großonkel Orson, der sich vor allem durch seine stinkigen Zigarren, seinen üblen Mundgeruch und sein ungeniertes Furzen unvergesslich gemacht hatte. Zu Lebzeiten hatte er mich mehr oder weniger ignoriert, so wie ich ihn, weshalb ich auch über seinen Tod keineswegs untröstlich war. Ich sah nicht ein, warum ich zu seiner Beerdigung gehen sollte, aber das gehört nun einmal nicht zu den Dingen, die eine Siebenjährige selbst entscheiden darf. Und so rutschte ich an jenem Tag unruhig auf meinem Platz in der Kirchenbank herum, schwitzte in meinem schwarzen Kleid und langweilte mich fürchterlich. Warum hatte ich nicht zu Hause bei Daddy bleiben können? Der hatte sich schließlich kategorisch geweigert mitzukommen. Daddy sagte, er wäre ein Heuchler, wenn er so täte, als ob er um einen Mann trauerte, den er in Wirklichkeit verachtet hatte. Ich wusste nicht, was das Wort Heuchler bedeutete, aber ich ahnte, dass auch ich keiner sein wollte. Trotzdem saß ich nun da, eingeklemmt zwischen meiner Mutter und Tante Sylvia, und musste die schier endlose Reihe von stumpfinnigen Lobreden auf den so ganz und gar nicht bemerkenswerten Onkel Orson über mich ergehen lassen. Er war stolz auf seine Unabhängigkeit! Wie leidenschaftlich er sich seinen Hobbys gewidmet hat! Ein passionierter Briefmarkensammler!

Seinen Mundgeruch erwähnte niemand.

Während des nicht enden wollenden Trauergottesdienstes vertrieb ich mir die Zeit damit, die Köpfe der Leute in der Reihe vor uns zu studieren. Mir fiel auf, dass Tante Donnas Hut mit Schuppen übersät war, dass Onkel Charlie eingenickt und sein Toupet verrutscht war. Es sah aus, als ob eine braune Ratte von seinem Kopf herunterzukrabbeln versuchte. Da tat ich, was jedes normale siebenjährige Mädchen getan hätte.

Ich prustete los.

Sofort drehten sich alle Leute zu mir um und musterten mich streng. Meine Mutter wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Sie bohrte mir fünf spitze Fingernägel in den Arm und zischte: »Sei still!«

»Aber seine Haare sind runtergerutscht! Die sehen aus wie eine Ratte!«

Ihre Nägel bohrten sich mir tiefer ins Fleisch. »Darüber reden wir später noch, Holly.«

Aber zu Hause wurde nicht darüber geredet. Stattdessen gab es eine Schimpftirade und eine Ohrfeige, und so lernte ich, wie man sich bei einer Beerdigung angemessen benimmt. Ich lernte, dass man ernst und still sein muss und dass manchmal Tränen erwartet werden.

Vier Jahre später, bei der Beerdigung meiner Mutter, achtete ich darauf, besonders laut zu schluchzen und reichlich Tränen zu vergießen, weil alle das von mir erwarteten.

Aber heute, bei der Beerdigung von Sarah Basterash, bin ich mir nicht sicher, ob irgendjemand von mir erwartet, dass ich weine. Es ist über zehn Jahre her, dass ich sie zuletzt gesehen habe – das Mädchen, das ich in der Schule als Sarah Byrne kannte. Wir standen uns nie sehr nahe, deshalb kann ich eigentlich nicht behaupten, dass ich um sie trauere. Tatsächlich bin ich nur aus Neugierde zu ihrer Beerdigung in Newport gekommen. Ich wollte wissen, wie sie gestorben ist. Ich muss wissen, wie sie gestorben ist.

So eine furchtbare Tragödie, höre ich die Leute in der Kirche murmeln. Ihr Mann war verreist, Sarah hatte etwas getrunken und war mit einer brennenden Kerze auf dem Nachttisch eingeschlafen. Das Feuer, das sie getötet hat, war ein tragischer Unfall. Zumindest behaupten das alle.

Ich will es gerne glauben.

Die kleine Kirche in Newport ist bis auf den letzten Platz gefüllt mit all den Freunden und Bekannten, die Sarah in ihrem kurzen Leben begleitet haben. Die meisten habe ich nie kennengelernt. Auch Kevin, ihren Mann, sehe ich heute zum ersten Mal. Unter glücklicheren Umständen wäre er ein ziemlich attraktiver Mann, ein Typ, der durchaus in mein Beuteschema fällt, aber heute wirkt er völlig aufgelöst. Ist es das, was Trauer mit einem macht?

Ich sehe mich in der Kirche um und erblicke in der Reihe hinter mir Kathy, eine alte Klassenkameradin aus der Highschool. Ihre Augen sind verquollen, die Wimperntusche vom Weinen verschmiert. Fast alle Frauen und viele der Männer weinen, weil jetzt eine Sopranistin das alte Quäkerlied »Simple Gifts« singt, das anscheinend eine unfehlbare Wirkung auf die Tränendrüsen hat. Dann treffen sich unsere Blicke – der ihre tränenverschleiert, der meine kühl und ungerührt. Seit der Highschool habe ich mich sehr verändert, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mich erkennt. Trotzdem starrt sie mich mit großen Augen an, als ob sie einem Geist begegnet wäre.

Ich drehe mich wieder nach vorn.

Als dann die letzten Töne von »Simple Gifts« verklingen, gelingt es sogar mir, ein paar Tränen zu vergießen.

Ich reihe mich in die lange Schlange von Trauergästen ein, die der Verstorbenen die letzte Ehre erweisen, und als ich an dem geschlossenen Sarg vorbeikomme, betrachte ich das Foto von Sarah auf der Staffelei. Sie war erst sechsundzwanzig, vier Jahre jünger als ich, und auf dem Foto sieht sie taufrisch aus, lächelnd und mit rosigen Wangen, genau die hübsche Blondine, die ich aus unserer Schulzeit in Erinnerung habe, als ich das Mädchen war, das von allen übersehen wurde, das Phantom, das immer ein wenig abseits stand. Und jetzt stehe ich hier, meine Haut immer noch warm und von Leben durchpulst, während Sarah, die hübsche kleine Sarah, nur noch ein Haufen verkohlte Knochen in einer Holzkiste ist. Ich bin mir sicher, dass alle hier das Gleiche denken, wenn sie das Bild der lebendigen Sarah betrachten – sie sehen das lächelnde Gesicht auf dem Foto und stellen sich dabei das verbrannte Fleisch vor, den schwarz verkohlten Schädel.

Die Schlange rückt vor, und ich spreche Kevin mein Beileid aus.

Er murmelt: »Danke, dass Sie gekommen sind.« Er hat keine Ahnung, wer ich bin oder woher ich Sarah kenne, aber er sieht meine tränenfeuchten Wangen und dankt mir mit einem Händedruck. Ich habe um seine tote Frau geweint, und das reicht, um diese Prüfung zu bestehen.

Ich trete aus der Kirche in den kalten Novemberwind und schreite zügig aus, denn ich möchte nicht, dass mir Kathy oder andere Bekannte aus meiner Kinderzeit auflauern. In alle den Jahren ist es mir stets gelungen, ihnen aus dem Weg zu gehen.

Oder vielleicht gehen sie mir aus dem Weg.

Es ist erst 14 Uhr, und obwohl mein Chef bei Booksmart Media mir den ganzen Tag freigegeben hat, überlege ich, ob ich nicht ins Büro zurückgehen und noch ein paar E-Mails und Telefonate erledigen soll. Ich arbeite als Agentin für ein Dutzend Autorinnen und Autoren, und ich habe Publicity-Auftritte zu organisieren, Druckfahnen zu verschicken und Werbetexte zu schreiben. Aber bevor ich mich auf den Weg zurück nach Boston mache, muss ich noch einen Zwischenstopp einlegen.

Ich fahre zu Sarahs Haus – oder vielmehr zu dem, was von dem Haus übrig ist. Jetzt sind da nur noch verbrannte Trümmerteile, verkohlte Balken und rußgeschwärzte Steine zu sehen. Der weiße Lattenzaun, der den Vorgarten umschloss, liegt zersplittert am Boden, plattgemacht von den Feuerwehrleuten, als sie ihre Schläuche und Leitern von der Straße herbeischleppten. Als die Löschfahrzeuge eintrafen, muss das Haus schon ein flammendes Inferno gewesen sein.

Ich steige aus und gehe auf die Ruine zu. Die Luft ist immer noch vom stechenden Rauchgeruch geschwängert. Als ich dort auf dem Gehweg stehe, kann ich den schwachen Schimmer eines Edelstahlkühlschranks ausmachen, der unter dem schwarzen Trümmerhaufen vergraben ist. Ich muss mich nur einmal in dieser edlen Wohngegend von Newport umsehen, um zu wissen, dass dies eine Luxusbleibe gewesen sein muss, und ich frage mich, in welcher Branche Sarahs Mann wohl arbeitet, oder ob seine Familie begütert ist. Ein Vorteil, den ich bestimmt nie hatte.

Ein Windstoß wirbelt welkes Laub um meine Füße, und das trockene Rascheln weckt Erinnerungen an einen anderen Herbsttag vor zwanzig Jahren, als ich zehn Jahre alt war und durch das dürre Laub in einem Wald stapfte. Dieser Tag wirft immer noch seinen Schatten über mein Leben, und er ist der Grund, weshalb ich heute hier stehe.

Ich blicke auf die improvisierte Gedenkstätte für Sarah, die hier entstanden ist. Die Menschen haben Blumen niedergelegt, und ich betrachte den Berg von verwelkten Rosen, Lilien und Nelken, dargebracht als letzten Gruß für eine Frau, die offensichtlich von vielen geliebt wurde. Plötzlich fällt mein Blick auf etwas Grünes, das nicht zu einem der Sträuße und Gestecke gehört, sondern über die anderen Blumen drapiert wurde wie ein nachträglicher Einfall.

Ein Palmzweig. Das Symbol der Märtyrer.

Es läuft mir eiskalt über den Rücken, und ich weiche zurück. Das Hämmern meines Herzens wird vom Motorgeräusch eines Autos übertönt. Ich drehe mich um und erblicke einen Streifenwagen der Polizei von Newport, der auf Schritttempo abbremst. Die Fenster sind geschlossen, und ich kann das Gesicht des Beamten nicht erkennen, doch ich weiß, dass er mich im Vorbeifahren lange und gründlich mustert. Ich wende mich ab und steige wieder in meinen Wagen.

Dort sitze ich eine Weile und warte, bis mein Herzschlag sich beruhigt hat und meine Hände nicht mehr zittern. Wieder fällt mein Blick auf die Ruine des Hauses, und wieder sehe ich die sechsjährige Sarah vor mir. Die hübsche kleine Sarah Byrne, wie sie im Schulbus auf dem Sitz vor mir herumhüpft. Damals waren wir zu fünft im Bus.

Jetzt sind nur noch vier von uns übrig.

»Mach's gut, Sarah«, murmele ich. Dann starte ich den Wagen und fahre zurück nach Boston.

CHAPTER 2

Auch Monster sind sterblich.

Die Frau, die auf der anderen Seite der Scheibe im Bett lag, mochte genauso menschlich aussehen wie all die anderen Patienten auf dieser Intensivstation, aber Dr. Maura Isles wusste nur zu gut, dass Amalthea Lank in der Tat ein Monster war. Dort, nur durch eine Glasscheibe von ihr getrennt, war die Kreatur, die Maura in ihren Albträumen verfolgte, die einen Schatten über Mauras Vergangenheit warf und deren Gesicht Mauras Zukunft vorhersagte.

Da liegt meine Mutter.

»Wir hatten gehört, dass Mrs. Lank eine Tochter hat, aber uns war nicht bewusst, dass Sie hier in Boston ganz in der Nähe wohnen«, sagte Dr. Wang.

Hörte sie da einen Anflug von Kritik in seiner Stimme? Warf er ihr etwa vor, dass sie ihre Tochterpflichten vernachlässigt und es versäumt hatte, ihre im Sterben liegende Mutter zu besuchen?

»Sie ist meine biologische Mutter«, sagte Maura, »aber ich war noch ein Säugling, als sie mich zur Adoption freigab. Ich habe erst vor ein paar Jahren von ihrer Existenz erfahren.«

»Aber Sie sind ihr schon einmal begegnet?«

»Ja, aber ich habe nicht mehr mit ihr gesprochen, seit ...« Maura hielt inne. Seit ich mir geschworen habe, dass ich nichts mehr mit ihr zu tun haben will. »Ich wusste nicht, dass sie auf der Intensivstation liegt, bis die Schwester mich heute Nachmittag anrief.«

»Sie wurde vor zwei Tagen hier eingeliefert, nachdem sie Fieber bekommen hatte und ihre Leukozyten in den Keller gingen.«

»Wie niedrig sind sie?«

»Ihre Neutrophilen – das ist ein spezieller Typ von weißen Blutkörperchen – liegen gerade mal bei fünfhundert. Es sollten drei Mal so viele sein.«

»Ich nehme an, Sie haben eine empirische Antibiotikatherapie eingeleitet?« Sie sah das verblüffte Blinzeln ihres Gegenübers und fügte hinzu: »Entschuldigen Sie, Dr. Wang. Ich hätte Ihnen sagen sollen, dass ich Ärztin bin. Ich arbeite am rechtsmedizinischen Institut.«

»Oh, das wusste ich nicht.« Er räusperte sich und wechselte sofort zu dem technischen Jargon, der ihnen beiden als Mediziner vertraut war. »Ja, wir haben mit den Antibiotika begonnen, gleich nachdem wir Blutkulturen angelegt hatten. Ungefähr fünf Prozent der Patienten mit ihrem Chemotherapieschema entwickeln eine fiebrige Neutropenie.«

»Welche Chemo bekommt sie?«

»Folfirinox. Das ist eine Kombination von vier Medikamenten, darunter Fluoruracil und Leukovorin. Laut einer französischen Studie verlängert Folfirinox eindeutig die Lebenserwartung bei Patienten mit metastasierendem Pankreaskarzinom, aber wegen des Risikos von Fieberschüben müssen sie engmaschig überwacht werden. Zum Glück hatte die Gefängniskrankenschwester alles im Griff.« Er hielt inne und schien zu überlegen, wie er die heikle Frage formulieren sollte. »Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich Sie das frage ...«

»Ja?«

Er wandte den Blick ab, offenbar war es ihm unangenehm, dieses Thema anzuschneiden. Es war viel einfacher, über Blutwerte, Antibiotikatherapien und wissenschaftliche Daten zu sprechen, denn Fakten waren weder gut noch böse; da gab es nichts zu bewerten oder zu verurteilen. »In Mrs. Lanks Krankenakte aus Framingham steht nicht, weshalb sie inhaftiert ist. Man hat uns lediglich darüber informiert, dass sie eine lebenslange Haftstrafe ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung verbüßt. Der Aufseher, der mit ihrer Bewachung betraut war, hat darauf bestanden, dass seine Gefangene stets mit Handschellen ans Bettgestell gefesselt sein muss, was mir ziemlich barbarisch erscheint.«

»Das ist nun mal Vorschrift, wenn Gefangene ins Krankenhaus eingeliefert werden.«

»Sie hat Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium, und jeder kann sehen, wie gebrechlich sie ist. Sie wird ganz bestimmt nicht aufspringen und davonlaufen. Aber der Aufseher sagte uns, sie sei wesentlich gefährlicher, als sie aussieht.«

»Das ist sie«, bestätigte Maura.

»Weswegen wurde sie verurteilt?«

»Mord. In mehreren Fällen.«

Er starrte Amalthea durch das Sichtfenster an. »Diese Dame?«

»Jetzt wissen Sie, wozu die Handschellen nötig sind. Und warum vor ihrem Zimmer eine Wache postiert ist.« Mauras Blick ging zu dem uniformierten Beamten, der neben der Tür saß und ihr Gespräch aufmerksam verfolgte.

»Es tut mir leid«, sagte Dr. Wang. »Es muss sehr schwierig für Sie sein zu wissen, dass Ihre Mutter ...«

»Eine Mörderin ist? Oh ja.« Und Sie wissen noch nicht einmal das Schlimmste. Sie kennen den Rest meiner Familie nicht.

Durch die Scheibe beobachtete Maura, wie Amalthea langsam die Augen aufschlug. Ein knochiger Finger, dürr wie eine Teufelsklaue, winkte sie herbei, eine Geste, bei der es Maura eiskalt überlief. Ich sollte mich umdrehen und gehen, dachte sie. Amalthea hatte weder Mitleid noch Zuwendung verdient. Aber Maura konnte nicht leugnen, dass es eine Verbindung zwischen ihr und dieser Frau gab, eine Verbindung, die bis in ihre Moleküle hineinreichte. Amalthea Lank war ihre Mutter, wenn auch nur in genetischer Hinsicht.

Der Wachmann behielt Maura genau im Auge, als sie Schutzkittel und Maske anlegte. Dies würde kein privater Besuch werden – der Aufseher würde jeden Blick registrieren, den sie tauschten, jede Geste; und die unvermeidlichen Gerüchte würden mit Sicherheit im Krankenhaus die Runde machen. Dr. Maura Isles, die Rechtsmedizinerin aus Boston, deren Skalpell zahllose Leichen aufgeschnitten hatte und die regelmäßig dort auftauchte, wo der Sensenmann Ernte gehalten hatte – diese Dr. Isles war die Tochter einer Serienmörderin. Der Tod war ihr Familiengeschäft.

Mit Augen so schwarz wie Obsidian blickte Amalthea zu Maura auf. Ein leises Zischen kam von ihrer Sauerstoffnasenbrille, und der Monitor über dem Bett zeichnete piepsend ihren Herzrhythmus auf. Der Beweis, dass selbst eine eiskalte Killerin wie Amalthea ein Herz hatte.

»Du kommst mich doch noch besuchen«, flüsterte Amalthea. »Nachdem du geschworen hast, dass du das niemals tun würdest.«

»Man hat mir gesagt, du seist schwer krank. Es ist vielleicht unsere letzte Gelegenheit für eine Aussprache, und ich wollte dich sehen, solange es noch möglich ist.«

»Weil du etwas von mir brauchst?«

Maura schüttelte ungläubig den Kopf. »Was sollte ich von dir brauchen?«

»Das ist nun einmal der Lauf der Welt. Jedes vernünftige Wesen sucht seinen Vorteil. Alles, was wir tun, tun wir aus Eigennutz.«

»Das gilt vielleicht für dich. Aber nicht für mich.«

»Warum bist du dann gekommen?«

»Weil du im Sterben liegst. Weil du mir immer wieder geschrieben und mich gebeten hast, dich zu besuchen. Weil ich mir einbilde, dass ich nicht ganz ohne Mitgefühl bin.«

»Im Gegensatz zu mir.«

»Was glaubst du, warum du mit Handschellen an dieses Bett gefesselt bist?«

(Continues…)



Excerpted from "Blutzeuge"
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